Ruprecht Frieling: „Schon vom Selbstverständnis vereinigt der Selfpublisher viele Tätigkeitsfelder“

Marisa Klein

Mit dem „ABC der Verlagssprache – 3.500 Begriffe aus dem Buch- und Verlagswesen“ hat Frieling ein interessantes Nachschlagewerk sowohl für Selfpublisher als auch Bücherinteressierte geschaffen. In unserem Interview erzählt er, woher die Anregung zum ABC kam, wie sich Selfpublisher auf dem Buchmarkt bewegen (sollten) und wann sich die „Spreu vom Weizen teilt“.

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Spubbles: Woher kam die Idee für das ABC? 

Ruprecht Frieling: Mit dem Thema Verlagssprache beschäftige ich mich seit vier Jahrzehnten im Rahmen meiner beruflichen Tätigkeit als Autor und Verleger.

Als Herausgeber „analoger“ Bücher habe ich anno tobak auch Verlagskaufleute ausgebildet und schon damals gespürt, dass die Branche in einem fundamentalen Umbruch war, der sich auch begrifflich niederschlug. Um allen Auszubildenden die Prüfung zu erleichtern, sammelte ich sämtliche Begriffe, die zum Prüfungswissen zählten und veröffentlichte sie. Damals gab es noch kein Internet, ein handliches Nachschlagewerk war das Nonplusultra für jeden, der lernwillig war. Dies war der Grundstein für mein „ABC“, und da der Zuspruch von Buchhändlern, Verlagsmitarbeitern, Autoren und interessierten Lesern enorm war, schrieb ich es fort.

Für mich liegt der Charme eines derartigen Wörterbuchs darin, den gesamten Kosmos eines Wissensgebietes in komprimierter Form auf die Begrifflichkeit eingedämpft zu sehen. Dazu zählen Begriffe der alten, bibliophil geprägten Verlagswelt, die von Druckern, Setzern, Korrektoren und Lektoren bestimmt waren. Hinzu kommen Begriffe, die durch die Digitalisierung und den kompletten Umbau der Branche auftauchten und heute entsprechend verwendet werden.

Finden Sie, dass es manchen Selfpublishern noch an Fachwissen fehlt? Woran könnte das Ihrer Meinung nach liegen?

Selfpublisher sind Autoren, die ihre Bücher in eigener Regie und auf eigenes Risiko herausgeben. Schon vom Selbstverständnis vereinigt der Selfpublisher viele Tätigkeitsfelder. Er ist sowohl Autor wie Verleger, er muss sich in Fragen der Herstellung und Datenaufbereitung genauso gut auskennen wie im Verlagsrecht und beim Marketing im Groß- und Einzelhandel.

Die meisten Selfpublisher sind über ihren Text, über das von Ihnen verfasste Manuskript, in die Branche gestolpert. Sie hatten keinen Schimmer, wie der Buchmarkt funktioniert. Das ist auch vollkommen natürlich, denn sie entstammten anderen Berufsfeldern, in denen sie sich wiederum gut auskennen. Erfolgreiche Selfpublisher sind inzwischen äußerst lernwillig und trinken gierig aus jeder Quelle, die sich ihnen bietet. Am Punkt Lernfähigkeit teilt sich die Spreu vom Weizen.

Sollten sich Selfpublisher eingehender mit dem Buchmarkt beschäftigen?

Selfpublishing ist Teil des Buchmarkts und wird zunehmend für alle zum Thema. Wir müssen dazu wissen, dass inzwischen rund 100.000 deutschsprachige Bücher verlagsunabhängig lieferbar sind, deren Spitzenautoren Millionenauflagen haben.

Wenn mit der Frage jedoch das Segment Buchhandel gemeint ist, dann gibt es noch erhebliche Hürden zu überwinden. Es geht derzeit darum, den oft konservativ eingestellten Händler zu überzeugen, dass auch er an den enormen Umsätzen, die Spitzentitel im Selfpublishing erzielen, beteiligt sein kann. Ja, als Einzelhändler verhält er sich geradezu suizidverdächtig, wenn er auf diese Umsätze verzichtet! Es nutzt auf Dauer nichts, auf innovative Unternehmen zu schimpfen und dabei den Kopf in den Sand zu stecken.

So wachsen die beiden Seiten langsam aber stetig zusammen. Dabei leisten diejenigen Selfpublisher praktische Überzeugungsarbeit, die qualitativ hochwertigen Lesestoff produzieren und sich mit den Usancen und der Begrifflichkeit ihrer potentiellen Handelspartner auskennen.

Haben sie einen „Lieblingsbegriff“ aus der Welt des Buchs und der Literatur?

Bei mehr als  3.000 gesammelten Begriffen fällt das schwer. Früher waren es vielleicht Begriffe wie „Hurenkind“, „Efalin“ oder „Schusterjunge“, heute sind es eher Worte wie „Cliffhanger“, „Blurb“ oder „Infodump“.

Zuletzt die Gretchenfrage: E-Book oder Printbuch?

Faust fragte Gretchen: „Gehen wir zu dir, oder gehen wir zu mir?“ In beiden Fällen lautete die Antwort: Sex. – Entsprechend einfach ist die Beantwortung der Frage: Es gibt als Antwort Lesefutter, und das ist der entscheidende Punkt.

Für ein lebendiges Buch wie das „ABC der Verlagssprache“ sind die momentan bestehenden modernen Möglichkeiten des Veröffentlichens ein Geschenk. Ich betrachte es deshalb als ein permanentes und im gewissen Sinne auch interaktives Projekt, zumal ich von Nutzern immer wieder Anregungen und neue Begriffe erhalte, die ich einbauen und für Folgeauflagen verwenden kann.

Früher hätte ein derartiges Projekt bedeutet, die erste gedruckte Auflage des Buches verkaufen zu müssen, bevor dann vielleicht drei oder vier Jahre später die nächste erscheint. Heute ist das alles eine Angelegenheit von wenigen Klicks, und dank der Technik lassen sich inzwischen sowohl Paperbacks als auch E-Books von heute auf morgen aktualisieren.

Doch zurück zu Gretchen: Ich würde ihr aus beiden Büchern vorlesen. Hauptsache, sie ist nett.

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