Wer hat Angst vorm großen A?

Ein Kommentar von Sandra Kucmierczyk zur zukünftigen Kooperation des Barsortimenters Koch, Neff & Volckmar (KNV) mit Amazon Publishing

Die Aufregung war groß, als vor zwei Wochen die zukünftige Kooperation von Amazon Publishing und dem Barsortimenter KNV bekannt wurde. Somit sind nun alle ungefähr 800 deutschsprachigen Titel des Amazon-Verlags und seinen Imprints als Printbuch für den Buchhandel in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Luxemburg zusätzlich zu den Märkten in den USA und Japan über den KNV-Katalog bestellbar.

In einem offiziellen Statement sah sich Oliver Voerster, Geschäftsführer bei KNV, gezwungen die Entscheidung mit Amazon Publishing damit zu rechtfertigen, dass es die Aufgabe eines Großhändlers sei, ein möglichst breites Sortiment anzubieten und ein kategorischer Ausschluss eines Verlages einer Zensur gleichkommen würde. Zudem wäre, so Voerster, vermehrt von Seite der Buchhändler der Wunsch geäußert worden, auch Titel vom großen Online-Händler bestellen zu können. Dies scheint zunächst befremdlich, da Amazon mitunter vorgeworfen wird, den deutschen stationären Buchhandel zu zerstören. Dieses Statement gab Voerster ab, da zuvor in mehreren Medien negativ berichtet wurde – unter anderem im Börsenblatt. Aber nur weil die Publikationen von Amazon Publishing nun bei KNV lieferbar sind, bedeutet dies nicht, dass alle Buchhändler gezwungen sind, sich diese Titel stapelweise in ihre Buchhandlungen zu bestellen und somit für mehr Werbung ihres Konkurrenten zu sorgen.

Es ist ein zusätzliches Angebot für ihre Kunden, die nicht mehr nach Hause geschickt werden müssen, weil spezielle Titel nur beim großen Konkurrenten aus Seattle erhältlich sind. Buchhandlungen können nun einen Umsatz verbuchen, der sonst wieder bei Amazon gelandet wäre. Ähnlich sieht es auch Iris Hunscheid, Sprecherkreisvorsitzende der IG Unabhängiges Sortiment, die die oberste Priorität eines Buchhändlers in der Bedienung möglichst jeder Kundenanfrage sieht. Denn niemand würde gerne einen Kunden wegschicken, der möglicherweise nie wiederkommt, weil ihm nicht weitergeholfen werden konnte. Damit nennt Hunscheid einen wichtigen Punkt mit dem Amazon u.a. erst so erfolgreich werden konnte, und zwar den Hauptfokus des Geschäfts auf den Kunden und seinen Bedürfnissen zu legen. Letztendlich entscheidet der Kunde wo, wann und auf welche Art und Weise er seine Bücher beziehen wird und wenn er schon den Weg in eine Buchhandlung findet, kann es nur von Vorteil sein, wenn er dort auch Bücher erhält, die er sonst nur online beziehen würde.

Bedeutet die Kooperation eine Gefahr für die deutsche Selfpublishing-Szene?

Unter den kritischen Stimmen– die im Börseblatt-Artikel laut wurden –, zu denen auch die großen Filialisten Thalia, Mayersche und Osiander und ihre Geschäftsführer Michael Busch, Hartmut Falter und Christian Falter gehören, kam die Sorge auf, dass der Selfpublishing-Markt bald zukünftig komplett vom amerikanischen Internetriesen abhängig sein wird. Leider werden hier aber zwei Dinge miteinander verwechselt. Es handelt sich bei Amazon Publishing nicht um Amazons Self-Publishing-Plattformen Kindle Direct Publishing und CreateSpace. Amazon Publishing ist ein eigenständiger Verlag mit Lektorat und großer Marketing-Abteilung, der zwar auch erfolgreiche Selfpublisher der beiden genannten Plattformen anwirbt, aber nicht nur Self-Publisher verlegt. AP kann sogar mit der Nominierung von A.L. Kennedys „Serious Sweet“ für den Man Booker Prize 2016 einen literarisch angesehenen Erfolg verbuchen.

Abgesehen von der fragwürdigen Rolle als vermeintlicher Buchhandelsretter, die die großen Buchhandelsketten einzunehmen versuchen, ist die Kritik an einem Totalanspruch in der Selfpublishing-Szene von Seiten Amazons scheinheilig. Hat die Self-Publishing-Szene doch ausgerechnet Amazon große Erfolge zu verdanken und ihr Schmuddel-Image durch die erfolgreiche Verbreitung immer mehr verloren. Dies ist schon daran erkennbar, wie viele Verlage mittlerweile ein zusätzliches digitales Angebot in ihre Programme aufgenommen und selbst in Kooperation mit anderen Verlagshäusern Self-Publishing-Plattformen ins Leben gerufen haben.

Verlage eher unter Zugzwang als Buchhandlungen

Selbstverständlich muss man Amazon sehr kritisch auf die Finger sehen und viele Vorgehen in Frage stellen, jedoch wird Amazon auch nicht mehr aus dem Literaturbetrieb verschwinden, egal wie sehr sich die deutsche Verlagslandschaft dies wünschen mag. Es steht weiterhin jeder Buchhandlung offen, Titel von Amazon Publishing zu boykottieren und das ihren Kunden zu vermitteln. In den USA tritt Amazon schon seit 2009 auch als Verleger auf und wird  dort von einigen Sortimentern abgelehnt.

Bei der Kooperation mit KNV stellt sich auch viel eher die Frage, ob nicht anstelle des Buchhandels die deutschen Verlage nun unter Druck geraten, etwas an ihrer Arbeitsweise und ihren Unternehmensstrukturen zu ändern als die Buchhandlungen. Diese Verlage haben zwar nicht unbedingt zum Aufstieg Amazons beigetragen, ihn aber auch nicht versucht zu verhindern. Dennoch mag es etwas überzogen sein, direkt wieder einmal eine große Bedrohung der Verlage zu prognostizieren, wie es Andreas Platthaus in seinem FAZ-Beitrag tut.

Noch entfällt die Mehrheit der Verkäufe auf die Digitalausgaben, ob sich das bald durch die Kooperation mit KNV und eventuell anderen folgenden Barsortimentern wie Libri ändern wird, liegt hauptsächlich in den Händen der Kunden.

­­­

Advertisements

kommentieren

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s