„Jeder kann heutzutage professionell arbeiten!“

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Sandra Kucmierczyk

Professionalisierung im Selfpublishing – Zukunftsmusik oder Autorenalltag? Dieser Frage widmete sich am Donnerstag im Orbanism Space auf der Frankfurter Buchmesse eine prominente Runde bestehend aus Matthias Matting, Poppy J. Anderson, Tanja Rörsch (mainwunder), Susanne Kasper (Literaturschock) und Philip Aschermann (Book Walk).

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Zu Beginn der Podiumsdiskussion stellte Tanja Rörsch zunächst die neue Plattform mein-buchprojekt.de vor, die am 11. November online gehen wird und Selfpublisher Tools für ein professionelleres Arbeiten bieten und sie darüber hinaus mit diversen Dienstleister und anderen Autorenkolleg vernetzen soll.

Die Plattform soll zeitaufwendige Arbeit abnehmen, indem u.a. Amazon-Rankings ins Profil eingebunden und Budgets für jedes Buchprojekt online verwaltet werden können. Somit sollen sich die Autor mehr den wichtigeren Dingen widmen können – dem Schreiben ihrer Bücher. Darüber hinaus besteht durch eine Chat-Funktion die Möglichkeit, mit ausgesuchten Dienstleister lektorierte Manuskripte, Cover-Vorschläge oder sonstige Arbeitsproben auszutauschen. Ein wichtiger Aspekt, wenn man bedenkt, dass die Kommunikation bisher sehr oft unprofessionell über den Facebook-Messenger oder WhatsApp verläuft, wie Tanja Rörsch aus eigener Erfahrung zugibt. Hier betont die Literaturagentin von Mainwunder, dass die Plattform auf europäischen Servern liegt und somit auch den europäischen Datenschutzgesetzen unterliegt.

Die Anmeldung bei mein-buchprojekt.de bleibe für Selfpublisher – im Gegensatz zu den Dienstleister – immer kostenlos, verspricht Rörsch.

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Netzwerk und Transparenz schaffen

Nach Vorstellung der Plattform ging es dann aber mit der Diskussion los, indem die „Hybrid-Autorin“ Poppy J. Anderson von ihren eigenen Erfahrungen auf dem Weg zu einer professionellen Selfpublisherin erzählte. Zum einen habe sie sich mit der Zeit ein Team aus Testleser, Coverdesignerin, Lektorin und mittlerweile sogar Übersetzerin für den englischsprachigen Raum aufgebaut.  Zum anderen, so die Autorin, müsste man immer auch für ehrliche und konstruktive Kritik aus seinem Team bereit sein und diese sonst auch explizit einfordern.

Im Umkehrschluss sei es wichtig, gute Leute weiterzuempfehlen und somit eine gewisse Transparenz und ein professionell arbeitendes Netzwerk in der Selfpublishing-Branche herzustellen. Diese Transparenz ist vor allem für neue Selfpublisher wichtig, die bei der Veröffentlichung ihres ersten Buches oft überfordert seien. Einen praktischen Tipp, den die ehemalige Gymnasiallehrerin unerfahrenen Autor gibt, ist die Investition in ein professionelles Cover, um so aus den mittlerweile massenhaften 0,99 Euro-Angeboten auf Amazon hervorzustechen.

Newsletter-Maketing als günstigere Alternative

Matthias Matting sieht eine möglicherweise zukünftige Vereinigung von Selfpublisher, wie es sie mit dem Vfll für freie Lektor gibt, als eine wichtige Anlaufstelle, um ebenfalls für mehr Professionalität und Transparenz in der schnell wachsenden Selfpublishing-Branche zu sorgen.

Plattformen wie LovelyBooks und Vorablesen, die sich zunehmend auch Selfpublisher öffnen, können für seriösere Promo-Aktionen genutzt werden, wobei hier mit einem realistischen Mindestbetrag von 1000 Euro zu rechnen sei.

Als Geheimtipp und preiswertere Alternative rät Matthias Matting zum Marketing über einen eigenen Newsletter. Er selbst kann durch die Versendung seines Newsletters im Schnitt 300 bis 500 Buchkäufe mehr verzeichnen.

Blogger-Relations richtig gestalten

Ein aktuelles und sehr wichtiges Thema ist das Marketing über Buchblogger und Influnecer, welches unter Selfpublisher momentan für viel Diskussionsstoff sorgt.

Denn die Kontaktaufnahme – da sind sich alle einig – verläuft größtenteils sehr unprofessionell seitens der Selfpublisher, was wohl die Reserviertheit und auch Ablehnung vieler Blogger gegenüber selbst veröffentlichten Büchern und ihren Autor erklärt.

Dieses Verhältnis zwischen Selfpublishing und Buchblogger-Szene war am Messe-Freitag eigens Thema der Veranstaltung „Blogger-Relations richtig gestalten“ in der Selfpublishing-Area, an der Ute Nöth (Carlsen Verlag), Sarah Saxx (Autorin) und Annabehl Stehl (stehlblueten.de) teilnahmen. Viele Buchblogger äußerten hier ihren Unmut, nur als Werbeplattform und nicht als Menschen mit einer Leidenschaft zu Büchern wahrgenommen zu werden. Viele wünschten sich einen kreativen Mehrwert aus der Zusammenarbeit mit Selfpublisher, sei es durch zusammen konzipierte Blogger-Touren oder andere digitale sowie analoge Marketing-Aktionen.

Dabei würde es vielen Buchblogger beim ersten Kontaktaustausch reichen, eine persönlichere Anfrage zu erhalten, aus der hervorgeht, dass sich die Autor im Vorhinein mit dem jeweiligen Blog auseinandergesetzt haben. Oft würden Selfpublisher auch erst den Kontakt suchen, wenn das Buch schon fertig geschrieben ist, was vielen Blogger zu spät sei, da sie gerne mehr in den Schreibprozess eingebunden werden wollen. Man müsse sich ein Netzwerk aufbauen, bevor man es braucht, so die Buchbloggerin Annabehl Stehl.

Leidenschaft schlägt Erfolgs-Besessenheit

Zurück im Orbanism Space erinnerte Poppy J. Anderson zum Schluss der Veranstaltung nochmal daran, was bei der ganzen Diskussion um Professionalisierung nicht vergessen werden darf: viele Selfpublisher schreiben aus Leidenschaft und aus der Freiheit heraus, die das Selfpublishing bietet und nicht aus Hoffnung auf einen kommerziellen Erfolg. Dies spiegelt sich vielleicht auch in den Zahlen wider, die Matthias Matting nennt, als er nach der Anzahl erfolgreicher Selfpublisher gefragt wird: von schätzungsweise 75.000 Selfpublisher in Deutschland können ca. 30 von ihrem selbstverlegten Schreiben leben.

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