Selfpublishing – Die große Freiheit des Schreibens oder Abhängigkeit von den Netzmonopolen?

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Dieser wichtigen Frage widmeten sich am Buchmesse-Donnerstag Eva Leipprand (Verband deutscher Schriftsellerinnen und Schriftsteller, rechts), Lena Falkenhagen (PAN – das Phantastik Netzwerk, links) und Jens Kramer (Das Syndikat, links außen) unter Moderation von Tobias Kiwitt (Bundesverband junger Autoren und Autorinnen, Mitte) in einer Diskussionsrunde.

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Jens Kramer, Lena Falkenhagen, Tobias Kiwitt und Eva Leipprand auf dem Podium der Selfpublishing-Area.

Bevor es jedoch konkreter um die Frage ging, ob man nun als Selfpublisher besonders frei oder doch eher abhängig von bestimmten Online-Unternehmen sei, stellten sich die verschiedenen Autorenverbände näher vor und beleuchteten ihre Haltung gegenüber dem Selfpublishing und Selfpublishern.

Leipprand vom VS betonte, dass sie im Selfpublishing eine große Chance für den deutschen Buchmarkt sehe. Momentan habe sich die „Arbeitsgruppe Digitalisierung“ innerhalb des Verbandes gegründet, die sich vor allem mit der Frage nach Autorschaft und was eigentlich ein Autor sei auseinandersetzt. Die Auffassung, Autoren weisen sich durch ihre Publikationen (in Verlagen) aus, hält Leipprand für veraltet und die Frage müsse dringend diskutiert werden. Eine neue Definition von Autorschaft müsse her. Außerdem fallen die Verlage als Gatekeeper weg – eine Tatsache, die nicht länger zur Diskussion zu stehen scheint. Sie sieht die hauptsächliche Aufgabe des Verbandes darin, immer einen Blick auf gesellschaftliche und politische Entwicklungen zu haben und sich dementsprechend aktuell mit Fragen der Preispolitik, Amazons Marktmacht und dem ‚gläsernen‘ Leser zu beschäftigen.

Als nächstes stellte sich das Syndikat vor – eine Autorengruppe deutschsprachige Kriminalliteratur. Kramer erklärte, dass bisher nur Verlagsautoren der Autorengruppe beitreten können und Selfpublisher der Satzung entsprechend ausgeschlossen seien. Allerdings können – und sind – Hybridautoren Mitglied werden, da es sich hier ja zu einem gewissen Teil auch um Verlagsautoren handele.

Bei PAN hingegen können seit Mitte diesen Jahres auch ‚reine‘ Selfpublisher Mitglied werden und auch Falkenhagen berichtet, dass es einige Hybridautoren im Netzwerk gebe. Falkenhagen ist der Meinung, dass sich gute Literatur heute nicht mehr ausschließlich in Verlagen finden lasse und das Netzwerk qualitatives Selfpublishing unterstützen wolle. Die Auswahl welche Selfpublisher man aufnehme sei allerdings schwierig, da der Begriff „Selfpublisher“ nicht hinreichend definiert sei – ist auch ein Blogger in Selfpublisher?

Bevor es dann richtig losging, stellte Kiwitt kurz den BVjA vor – der Verband halte generell die Schwelle für eine Mitgliedschaft eher niedrig und nehme auch Selfpublisher auf. Die Diskussion war lebhaft und auch das Publikum konnte sich einbringen. In diesem Beitrag werden nur einige Aspekte aufgegriffen, die ich für bedeutsam halte.

Nach der Vorstellung der Verbände wurde über die Entwicklung des Selfpublishing geredet – und eigentlich sind sich alle einig: Qualität ist das A und O. Eine voranschreitende Professionalisierung ist spürbar, Leipprand sieht jedoch vor allem in dem finanziellen Risiko, das Selfpublisher tragen, eine kleine Gefahr. Ihrer Ansicht nach, sei es nicht wünschenswert, dass jeder für sich, jeder einzeln arbeite. Die Zusammenarbeit mit Verlagen biete Autoren Schutz, da sie so nicht alle Ausgaben selbst stemmen müssen. Kramer ist hingegen der Meinung, dass die meisten Selfpublisher einfach keine Alternative hätten, da sie ihre Bücher selbst verlegen müssen, weil sie keinen Verlag für ihre Inhalte finden. Außerdem kritisiert er Amazon scharf. An „das große A“ lieferten sich Autoren genauso aus wie an Verlage. Denn auch wenn Amazon gute Konditionen biete und es Autoren ermögliche, ihre Bücher zu veröffentlichten, sei das Unternehmen dennoch auf eigene wirtschaftliche Erfolge fokussiert. Des weiteren kritisierte Kramer die Verengung der Themen der selbst publizierten Bücher – auch hier finde man inzwischen hauptsächlich Erotik, Krimi und Fantasy. Falkenhagen betont zunächst, dass Amazon auch etwas Gutes in Gang gebracht habe: die Verbreitung von e-Books. Ohne Amazon wäre Tolino vielleicht nie entstanden und der (Buch-)markt werde so angekurbelt auch etwas Neues zu schaffen.

Amazon. In einer Diskussion über Selfpublishing kann dieses Thema nicht fehlen. Und so sind sich auch hier die Teilnehmer einig: Selfpublisher sind abhängig von einzelnen Anbietern. Hauptsächlich von Amazon. Aber gibt es Unterschiede in der Abhängigkeit von einem Verlag und der Abhängigkeit von einem Online-Dienstleister?

Kramer ist der Meinung, dass die Abhängigkeit von Verlagen etwas ganz anderes sei, eine Vertrags-Abhängigkeit. Es gebe aber Gesetze und Verhandlungen, die den Autor schützen. Und vor allem gebe es gemeinsame Interessen. Bei Amazon hingegen fehle die Förderung des Kulturguts Buch vollständig. Es gehe dem Konzern nicht mal um eine Bereicherung des Buchmarkts. Amazon wolle nur sein Monopol ausbauen, auch auf Kosten von Verlagen und Autoren. Nach einiger Zeit greift Leipprand schließlich ein und hält fest, dass eine Aufspaltung und Gut und Böse nicht sinnvoll sei. Wichtig sei jedoch, die Kunden darauf hinzuweisen, eine andere Perspektive einzunehmen. Man solle sich immer als Bürger sehen, nicht nur als User. Ein umfangreicher Blick jedes Einzelnen auf die Gesellschaft könne dabei helfen, mehr Achtsamkeit auch bei den Lesern zu schaffen.

Nachdem das Amazon-Bashing beendet war, fragte ein Zuschauer aus dem Publikum nach der Zukunft. Wo sind Strategien der Verlage, Autoren sowie der Verbände, Gruppen und Netzwerke? Der Status quo sei schließlich nicht unbedingt erhaltenswert. Hier stimmen alle zu und Falkenhagen zieht die Musikindustrie zu Rate, hier könne man sich schon einige Entwicklungen abschauen. Ein Problem sieht sie vor allem im Konservatismus der Verlagsbranche, sie komme nur schleppend in Gang. Außerdem will Falkenhagen weiterhin die Qualitätsdebatte in den Fokus rücken – heißt: bessere Auswahlverfahren für Bücher. Das ist allerdings weder marktwirtschaftlich noch sehr wahrscheinlich. Kramer fügt hinzu, dass den Selfpublishern und besonders den Dienstleistern die Leidenschaft zum Büchermachen fehle, anders seien da die vielen kleinen, unabhängigen Verlage. Er sieht die zukünftigen Probleme vor allem in dem Kampf um die Sichtbarkeit der veröffentlichten Bücher sowie den unzureichenden Verträgen, die Selfpublisher mit Dienstleistern eingehen. Allerdings sehe er hier ähnliche Problematiken für die Verlagsautoren.

Alles in allem war es eine spannende Diskussion in der die verschiedensten Themen angeschnitten wurden. Deutlich wurde die ablehnende Haltung gegenüber Amazon, die meiste Zeit der Diskussion ging für ‚das große A‘ drauf. Teilweise erschien der Eindruck, dass einige der Teilnehmer nicht ganz so begeistert vom Phänomen des Selfpublishing sind. Trotzdem kann niemand mehr bestreiten, dass dieses Segment nicht schon längst Fuß gefasst hat im deutschen Buchmarkt. Auch wenn sich Autoren auch hier in eine Abhängigkeit begeben. Aber das muss ja nicht unbedingt schlecht sein…

Eines Kommentars will ich mich zum Schluss nicht enthalten: Ich halte Kramers Aussage, dass die meisten Selfpublisher nur Selfpublisher sind, weil sie keine Wahl haben, für überholt. Schon seit längerem sieht man die deutliche Professionalisierung im Selfpublishing vor allem durch engagierte Autoren getragen. Diese Autoren haben sich bewusst für das Selfpublishing entschieden, sie tun es aus Leidenschaft. Und somit machen sie auch Bücher aus Leidenschaft.

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2 Kommentare zu “Selfpublishing – Die große Freiheit des Schreibens oder Abhängigkeit von den Netzmonopolen?

    • Das fanden wir auch – das Publikum vor Ort sprach dies sogar konkret an. Es wurde vom Podium dann des öfteren auf Lena Falkenhagen verwiesen, die nicht nur als Teil von PAN anwesend sei, sondern auch als „Vertreterin“ der Selfpublisher angesehen werde.

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