Netzromane – Wenn der Austausch mit den Lesern im Vordergrund steht

Im letzten Jahr habe wir uns gefragt, wie ein Netzroman funktioniert – also ein Roman, der schon während des Schreibprozesses in Häppchen veröffentlicht wird und von den Lesern direkt mitbearbeitet bzw. kommentiert werden kann. Auch Selfpublisherin und Verlegerin Marianne Kaindl hat Erfahrungen mit Netzromanen – ihr Buch „Nazi-Allergie. Der dritte Coco-KatzenKrimi“ konnten ihre Leser auf fortschrift.net kommentieren. Es gab vom 23. Juni bis 19. August 2016 täglich eine neue Folge. Der Roman kann seit dem 28. August auch als Print-Titel erworben werden. Warum das Schreiben eines Netzromans etwas völlig anderes ist, als das stille Schreiben im Kämmerlein und wie Kaindl den Austausch mit den Lesern erlebte – positiv und negativ – erzählt uns die Autorin heute im Interview.

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© Fotostudio Lauterwasser

Spubbles: Die „Nazi-Allergie“ ist nicht Ihr erster KatzenKrimi. Wieso kamen Sie bei diesem Band auf die Idee, ihn als Netzroman schon vorab zu veröffentlichen und die Leser am Schreibprozess teilhaben zu lassen?

Marianne Kaindl: Als „Romantikerin“ liebe ich es, mit literarischen Formen zu experimentieren. Ludwig Tieck machte 1797 schon im „Gestiefelten Kater“ Leute aus dem Publikum zu Mitspielern im Drama. Joseph von Eichendorff lässt in seiner Literatursatire „Viel Lärmen um Nichts“ (über die ich meine Magisterarbeit schrieb) den Herrn Publikum auftreten. Der Gedanke, die Leser zu integrieren, ist also nicht neu.  Neu ist, dass wir heute durch das Web Möglichkeiten haben, Leser tatsächlich am Text während seiner Entstehung teilhaben zu lassen.

Ich finde es faszinierend, interaktiv zu arbeiten, Literatur und Leben zu verschränken. So gab es zum Beispiel schon für den zweiten Coco-KatzenKrimi 2015 eine Art „Cat Casting“, dessen Gewinner – Katzen meiner Leser – in der Geschichte eine Rolle spielten; also reale Katzen im fiktiven Kontext der Krimi-Erzählung. Das Konzept, das Tilman Rammstedt und der Hanser Verlag mit „Morgen mehr“ umsetzten, überzeugte mich. Es war somit mental alles vorbereitet, und als ich erfuhr, dass Matthias Matting eine Plattform begründet hatte, die es ermöglichte, als Selfpublisher im Austausch mit den Lesern zu schreiben, da war ich sofort dabei.

Sie lassen ihre Leser dadurch auf das Geschehen der Geschichte Einfluss nehmen – ist es nicht schwer, den eigenen Text, die eigenen Ideen aus den Händen zu geben?

Das geht auch nur in einem bestimmten Ausmaß. Würde ich einen Krimi, der ja sauber geplottet sein muss und in dem Spuren hin zur Auflösung des Falls gelegt werden, komplett aus der Hand geben, käme Chaos dabei heraus. Es gab so eine Situation, in der zwei Leserinnen das Heft an sich reißen wollten: KrimiKatze Coco, meine Protagonistin, sollte Hausarrest bekommen (so stand das auch in meiner Geschichte, nur bleibt eine clevere Katze dann trotzdem nicht zu Hause), ihre Katzen sollten stattdessen im Mordfall ermitteln, fanden die beiden. Eine andere Leserin verfasste dann sogar eine Petition: Krimi-Katze Coco müsse unbedingt weiterermitteln. Das finde ich jetzt, im Nachhinein, sehr interessant, damals wurde mir da recht mulmig zumute, und ich musste ich schauen, wie ich die Situation löse.

Wie sehr haben Sie sich vom Feedback ihrer Leser beeinflussen lassen? Haben Sie viele der Ideen eingebaut oder vieles davon direkt verworfen, weil es Ihnen nicht gefiel oder nicht zu der Story passte?

Alles, was zur Ermittlung des Mörders oder der Mörder führt, kann nur in Details geändert werden. Auch dass die Protagonistin der Reihe abgesetzt und ausgetauscht wird, geht natürlich nicht. Aber da bleibt immer noch eine ganze Menge Spielraum: Nebenhandlungen. Einen Handlungsstrang ausbauen, der bei den Lesern besonders gut ankommt. Anregungen und Ideen aufgreifen und in die Geschichte einbauen.

Es ist ein Balanceakt.

Wie unterscheidet sich der Schreibprozess eines Netzromans bei ihnen vom Schreiben eines „klassischen“ Romans?

Ich war sehr eng mit den Lesern und Leserinnen verbunden, bekam sofort Rückmeldung über ihre Gefühle in einer bestimmten Situation, baute Ideen und Assoziationen der Leser mit ein.

An einigen Stellen erweiterte ich die Handlung auf die Kommentare, indem ich Ermittlerkatze Coco dort mitdiskutieren ließ. Oder indem der unfreundliche Hauptkommissar Silkowski sich per Kommentar zu Wort meldete (manche Leser haben ihn beschimpft, eine Leserin drohte ihm sogar juristische Konsequenzen wegen seines Umgangs mit Protagonistin Coco an).

Zudem war es auch eine Frage der Disziplin: In zwei Monaten passiert viel – eine Sommergrippe, eine schwerkranke altersschwache Katze, Familienangelegenheiten, Kundenwünsche in meiner Werbeagentur, auf die ich schnell eingehen muss.

Und bei allem, was passiert, zählt, dass am nächsten Morgen die nächste Folge erscheinen muss. Wenn die Leser nicht sicher sind, kommt jetzt heute früh eine neue Folge oder nicht, dann verlieren sie schnell das Interesse. Von einigen Fans weiß ich, dass sie sich schon darauf freuten und im Zug zur Arbeit oder beim Frühstück lasen, wie es mit Cocos neuem Fall weitergeht.

Wie waren die Reaktionen der Leser? Mussten Sie auch mal herbe Kritik einstecken – und wenn ja, fördert das den Schreibprozess? Man will ja schließlich, dass das Buch am Ende den Lesern gefällt …

Herbe Kritik würde bei mir jedenfalls den Schreibprozess nicht fördern. Herbe Kritik inspiriert ja nicht, sondern sie blockiert.

Ich erlebte viele Leser, die sich schon auf die nächste Folge freuten und die mit Coco mitfieberten, wenn sie in einer gefährlichen Situation steckte. Ich erlebte die schon beschriebene Situation, dass zwei Frauen die Protagonistin durch ihre eigenen Katzen ablösen wollten. Ich erlebte die Petition für Coco.

Das ernste Thema hinter der Geschichte der süßen Katzen hat ja mit der Shoa zu tun, mit der (sehr mangelhaften) Aufarbeitung im Nachkriegsdeutschland und mit dem wiedererstarkenden Rechtspopulismus. Es gab Leser, die in den Kommentaren über den Umgang damit in ihrer Familie und ihrem Bekanntenkreis erzählten.

Gegen den Rassismus und die Fremdenfeindlichkeit steht die Rede von Seniorenkatze Purzel, die für ein Miteinander, unabhängig von Herkunft, Rasse, Fellfarbe plädiert, wie es bei Katzen üblich und selbstverständlich ist. Da zitiere ich ein paar Kommentare:

Hat mich wirklich tief berührt!!!

Purzel, deine Rede war großartig! Und als du „Imagine“ gesungen hast, hast du mich zu Tränen gerührt. Am liebsten hätte ich laut mitgesungen (und sicher genauso falsch wie du :-)), aber ich sitze gerade im Büro und wollte nicht, dass die Kollegen nebenan mich für verrückt erklären.

Ich sitze hier und mir laufen die Tränen.

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© Marianne Kaindl

Bisher war die „Nazi-Allergie“ ihr einziger Netzroman auf fortschrift.net – möchten Sie die Aktion irgendwann mit einem anderen Roman wiederholen?

Ja, vielleicht.

Vielleicht aber habe ich beim nächsten Buch schon wieder eine andere Idee, Interaktivität umzusetzen und die Leser einzubeziehen…

Als Selfpublisher hat man es oft schwer, aus der Masse von Büchern, die täglich veröffentlicht werden, herauszustechen – ist ein Netzroman besonders für Selfpublisher eine gute Marketing-Aktion um auf sich aufmerksam zu machen?

Nein, es taugt – zumindest derzeit – wenig fürs Marketing, vor allem nicht für Selfpublisher, die normalerweise keinen Zugang zum Feuilleton haben und über die im Literaturbetrieb eher selten berichtet wird.

Wie hat ihren Lesern diese Aktion gefallen? Sind Sie mit der Resonanz auf den Netzroman zufrieden und denken Sie, dass sich dadurch neue Leser und zukünftige Fans gewinnen lassen?

Meine Erfahrung war, dass am Netzroman vor allem Leser teilnahmen, die sowieso schon Fans waren. Diese Einschätzung hat Matthias Matting, der Betreiber von fortschrift.net, mir auch auf andere Autoren bezogen bei einem Gespräch auf der Buchmesse bestätigt.

Die aber, die Fans, erleben einen Mitmach-Roman als etwas ganz Besonderes.

Ich zitiere aus einem Kommentar zur letzten Folge von „NAZI-ALLERGIE“:

Es war die reinste Achterbahnfahrt der Gefühle. Es gab zwar einige sehr heftige/traurige Szenen, die Du aber immer wieder sehr gelungen mit lustigen Katzenmomenten aufgefangen hast. Auch wenn ich normalerweise eher einen großen Bogen um das Thema Nazis & Co. mache, habe ich das Buch sehr gerne gelesen. Rückwirkend betrachtet passt der Titel echt klasse zum Buch – in doppelter Hinsicht.

Danke auch für die Gastauftritte der vielen Katzen und dass wir so ‚hautnah‘ mit dabei sein durften. Das war schon etwas Besonderes und ich werde es morgens vermissen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Ich danke Ihnen!

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5 Kommentare zu “Netzromane – Wenn der Austausch mit den Lesern im Vordergrund steht

    • Danke Marianne! Wir finden deine Antwort auch sehr spannend und haben wieder neue Aspekte des Schreibens und des Austauschs mit den Lesern kennenlernen dürfen 🙂

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  1. [… also ein Roman, der schon während des Schreibprozesses in Häppchen veröffentlicht wird und von den Lesern direkt mitbearbeitet bzw. kommentiert werden kann…] – Machen (die oft völlig unterschätzten!) Fanfiktion-Autoren schon immer so 😉 – und ja – es ist eine ganz andere Art des Schreibens, wenn nicht sogar die lehrreichste.

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    • Stimmt, wir versuchen ja auch ab und an über Fanfiktion zu berichten.
      Warum hältst du es für die lehrreichste Art des Schreibens? Weil der Leser während des Entstehungsprozesses kommentiert und der Text somit direkt überarbeitet werden kann (entsprechend der Leser-Wünsche)? Kann das nicht auch ein Lektor leisten, der sich eben das ganze Buch vornimmt und überarbeitet? Worauf ich hinaus will, bzw. was mich interessiert: Wo siehst du den Mehrwert eines solchen Schreibprozesses?

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      • Diese Frage(n) erfordert eigentlich eine ausführliche Antwort, aber ich versuche es mal kurz: für angehende Autoren ist eine relativ stressfreie Art, Schreiberfahrung zu sammeln. Selbstzweifel sind leichter beiseite zu legen, wenn man nicht gleich an Verlage und Lektoren denkt – Fans sind etwas gnädiger – somit kann man den innere Kritiker leichter ausschalten und kommt tatsächlich voran. Die Qualität kommt mit der Zeit (bei Einigen 😉 . Außerdem kann man sich ja an verschiedenen Genres versuchen, oder mixen und man bleibt im Schreibprozess, da die Leser abspringen, wenn man nicht regelmäßig hochlädt. Zudem bedient man sich oft existierenden Figuren, um diese jedoch „originalgetreu“ wiederzugeben, benötigt man Einfühlungsvermögen und ein gewisses Verständnis für deren Hintergrund …ect. – Ich belasse es mal bei diesen paar Sätzen. Nur das noch: Die Rückmeldungen der Leser, sind ab einem bestimmten Punkt nicht mehr so relevant für den eigenen Prozess. Was sehr befreiend ist.

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