„The wild, wild west of the publishing world“

Lukas Lieneke

– so beschreiben die Betreiber der Seite BestFantasyBooks.com das Genre der selbstpublizierten Fantasy. Eine Welt mit wenig Regeln und damit bestens geeignet für neue Autorinnen und Autoren, die ihre schriftstellerischen Fähigkeiten erproben und sich dem Abenteuer des ersten selbstveröffentlichten Buches stellen wollen. Das Ganze gepaart mit ein wenig Goldgräberstimmung und der stillen Hoffnung, vielleicht der neue Stern am Himmel der Fantasy-Literatur zu sein. Doch wie im Wilden Westen winken auch hier nicht nur Erfolg und Ruhm. Fantasy im Selfpublishing Teil I.

Jeder dritte Selfpublisher schreibt Fantasy

Das Angebot an selbstpublizierten Werken im Bereich Fantastik ist enorm groß. Glaubt man den Ergebnissen der aktuellen Selfpublisher-Umfrage von 2016, veröffentlicht knapp ein Drittel der Selfpublishing-Autoren im Genre Fantasy. Dehnt man den Begriff noch etwas aus und zählt benachbarte Genres wie Horror (6 Prozent) und Science-Fiction (12 Prozent) ebenfalls zur phantastischen Literatur, so ist fast die Hälfte der befragten Autorinnen und Autoren in diesem Genre aktiv. Auch wenn sich der Markt sowohl bei Verlagspublikationen wie auch im Selfpublishing-Bereich etwas gesundgeschrumpft hat, liegt Fantasy damit sowohl bei Autorinnen und Autoren als auch bei der Leserschaft weiterhin im Trend. Mit rund 15.300 Euro Umsatz pro Tag gehört Fantasy zudem zu den bestverkauften Buch-Genres auf Amazon.

Ein Genre für Einsteiger

Das Genre ist allerdings nicht nur auf Grund guter Verkaufszahlen bei Selfpublishern so beliebt. Vor allem angehende Autoren beginnen ihre ersten Schreibversuche im Bereich Fantasy, was unter anderem daran liegt, dass dieses Genre handwerklich relativ leicht zu bewältigen ist. Anders als beispielsweise bei Krimis oder Historischen Romanen sind zunächst weder besonderes Fachwissen noch eine zeitintensive Vorrecherche notwendig, um mit dem Schreiben zu beginnen (auch wenn es im späteren Verlauf eines Fantasy-Romans durchaus nicht schaden kann, sich beispielsweise über mittelalterliche Kriegskunst zu informieren, wenn dies für die Geschichte notwendig ist). Gängige Leitmotive (wie beispielsweise die Heldenreise) bieten eine gute Orientierung beim Aufbau des Plots ebenso wie der übliche Katalog an Helden, Bösewichten und Fabelwesen. Die hohe Zahl an Sub-Genres und die Möglichkeit von Cross-Overn mit anderen Genres (wie Liebesromane oder Thriller) sorgen zudem für eine sehr hohe Vielfalt an potenziellen Erzählstoffen. Diese vielfältigen Möglichkeiten und Freiheiten des breiten Genre-Begriffs erleichtern vielen Autoren den Einstieg. Denn in der Fantasy ist schließlich vor allem eine Fähigkeit, an der es den Autoren nicht mangeln sollte, von Bedeutung: Phantasie. Hinzu kommt, dass die meisten Fantasy-Autorinnen und Autoren selber begeisterte Leser phantastischer Literatur sind und wissen, welche Ansprüche die Leserschaft an das Genre stellt.

Die Popularität des Genres hat jedoch nicht nur Vorteile: Fast alles ist bereits einmal da gewesen, sodass häufig die immer gleichen Ideen und Figuren in ähnlichen Konstellationen zu einer „neuen“ Geschichte zusammengesetzt werden. Hinzu kommt die enorme Menge an Fantasy-Literatur – besonders im Selfpublishing –, die es umso schwerer macht, sich mit seinem Buch von der Masse abzusetzen und für den Käufer sichtbar zu werden. Hier profitieren das Selfpublishing von der hohen Internet-Affinität vieler Fantasy-Leser und deren Netzwerken. Durch Mund-zu-Mund-Propaganda und dem Austausch auf Blogs, Foren oder auf Conventions finden auch die Werke unbekannter Autoren den Weg zum Leser.

Fantasy wird differenzierter

Was sind also die Zutaten für einen potenziell erfolgreichen Fantasy-Roman? Mit Sicherheit ein guter Plot, der die Leser in den Bann zieht und glaubhaft in die phantastische Welt des Autors entführen kann. Doch davon einmal abgesehen, unterliegt auch die Fantasy bestimmten Trends und Kriterien, die sich oftmals auf den Erfolg eines Buches auswirken.

Nachdem sich in den letzten Jahren ein Fantasy-Trend an den nächsten reihte, ist das Genre in den letzten Jahren immer vielseitiger geworden. Momentan verlassen sich vor allem die Verlage mehr auf bekannte und etablierte Autoren, als dass sie versuchen, einen neuen Trend zu setzen. Trotzdem scheinen manche Sub-Genres erfolgversprechender als andere zu sein. Besonders High-Fantasy-Epen mit historischem Überbau im Stil von Das Lied von Eis und Feuer erfreuen sich großer Beliebtheit. Da hier vorrangig politische Ränkespiele und Intrigen im Vordergrund stehen, erreichen diese Bücher auch Leser, die normalerweise mit klassischen Fantasyelementen wie Magie und Monstern nur wenig anfangen können. Überhaupt haben TV-Serien, Kinofilme und mittlerweile auch Computerspiele einen großen Einfluss auf das, was bei den Lesern an phantastischer Literatur gefragt ist.

Die Zeit von Magie und Zauberern scheint hingegen vorbei zu sein, ebenso wie die der Zombie-Romane. Vampire sind allerdings nach wie vor gefragt, und obwohl der auf Stephenie Meyers Bis(s)-Reihe folgende Vampir-Hype mittlerweile abgeklungen ist, scheinen die Blutsauger nicht nur in ihren Geschichten unsterblich zu sein.

Auch hinsichtlich der Charaktere hat sich in den letzten Jahren einiges verändert. Das alte Schwarz-Weiß-Schema des Kampfes zwischen Gut und Böse, das von Kritikern des Genres nach wie vor gerne als Schwachpunkt der Fantasy genannt wird, wird zunehmend von ambivalenteren Charakteren aufgebrochen. Ihre Motive sind differenzierter und auch gegen das ungeschriebene Gesetz, dass der Held bis zum Ende überlebt und ein Happy End dadurch garantiert ist, wird hin und wieder verstoßen. Mittlerweile taugen sogar Antihelden und Bösewichte als Hauptfiguren eines Fantasy-Romans und werden zu Sympathieträgern. Die Zeit strahlender Helden ohne Fehl und Tadel scheint zumindest vorbei zu sein.

Am Freitag, den 18. August, bekommt ihr in Teil II zu lesen, welche Sub-Genres populär sind, welche Rolle Fanfiction für Leser und Autoren spielt und welche Trends sich im Genre Fantasy erkennen lassen …

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2 Kommentare zu “„The wild, wild west of the publishing world“

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