Beatrix Hermens über professionelles Vorlesen

Lukas Lieneke

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Autorenlesungen sind gerade für Selfpublisher ein erfolgreiches Mittel der Buchvermarktung. Doch für viele Autorinnen und Autoren stellt das öffentliche Vortragen der eigenen Texte eine echte Herausforderung dar, die einige Unsicherheiten mit sich bringt. Nachdem bereits am Donnerstag der Straßenpoet Fabian Neidhart im Literaturcafé Rede und Antwort stand, brachte am Samstag auch BoD mit der Profisprecherin Beatrix Hermens eine kompetente Gastrednerin auf der Buchmesse. Im Gepäck viele hilfreiche Tipps für erfolgreiche Autorenlesungen und Antworten rund ums professionelle Vortragen der eigenen Texte.

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Autorenlesungen – Eine Chance zur Selbstvermarktung

Wenn man sich tatsächlich dazu entscheidet, eine Karriere als Autor zu starten, sollte man sich langfristig auch mit dem Gedanken an eigene Autorenlesungen anfreunden. Denn grade für Selfpublisher sind Lesung eine gute Möglichkeit zur Selbstvermarktung. Sie ermöglichen die Kooperation mit dem stationären Buchhandel oder anderen kulturellen Institutionen und bringen außerdem die Autorin oder den Autor samt Buch in die Öffentlichkeit.

Das Vorlesen aus dem eigenen Buch ist dabei elementarer Bestandteil einer solchen Veranstaltung. Für viele (auch professionelle) Autoren stellt sie allerdings häufig eine echte Herausforderung dar: Was passiert, wenn einem die Stimme versagt, man sich verhaspelt oder das Publikum nicht mitspielt? Schließlich muss ein guter Autor nicht zwangsläufig auch ein guter Vorleser sein.

Natürlich besteht theoretisch auch die Möglichkeit, das Vorlesen einem professionellen Sprecher zu überlassen, doch ist dies in der Regel mit Kosten verbunden, die man als Selfpublisher erst einmal wieder einspielen muss. Hinzu kommt, dass das persönliche Vorlesen eines Textes einen deutlich authentischeren Eindruck macht – und als Autor einer Lesung des eigenen Buches fern zu bleiben, kommt ohnehin nicht in Frage.

Tipps von der Expertin

Vorlesen will gelernt sein, weshalb sich BoD mit Beatrix Hermens, ihres Zeichens TV- und Radiosprecherin, eine ausgebildete Sprecherin und Expertin auf dem Gebiet des Vorlesens auf die Bühne holte. In ihrem Vortrag lieferte Hermens dann auch reichlich Tipps und Übungen, mit denen sich Autorinnen und Autoren auf ihre Lesung vorbereiten können.

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Profisprecherin Beatrix Hermens

 

Für viele ist das Sprechen oder Vorlesen vor Publikum ein ungewohnter Moment, mit dem nicht jeder automatisch gelassen umgehen kann. Unruhe und Aufregung erschweren dabei nicht nur ein souveränes Auftreten, sondern können auch die eigene Stimme belasten. Daher ist vor jeder Vorlesung eine solide Vorbereitung nötig, um den Vortrag für sich und sein Publikum so angenehm wie möglich zu gestalten.

Textarbeit mit großen und kleinen V´s

Vor dem eigentlichen Vortrag steht die Arbeit am eigenen Manuskript. Dies bedeutet, dass zunächst die entsprechenden Stellen aus dem Buch ausgewählt werden müssen, die bei der Lesung dem Publikum vorgetragen werden sollen. Hermens empfiehlt hier, keine Textauszüge von mehr als 20 Minuten Leselänge auszuwählen, um das Publikum nicht zu überfordern. Da sei es sinnvoller, lieber zwei verschiedene kürzere Textpassagen zu wählen und die Zeit dazwischen durch ein kurzes Interview mit dem Autor aufzulockern.

Neben einer angenehmen Schriftgröße können neben Punkt und Komma auch noch weitere Markierungen im Text das Vorlesen erleichtern. So empfiehlt Hermens beispielsweise Sprechpausen oder neue Sinnabschnitte ebenfalls im Text zu markieren. „Bei mir findet sich beispielsweise hinter jedem Punkt ein großes oder kleines V, dass jeweils für eine kurze oder längere Sprechpause steht“, erklärt Hermens. Neue Sinnabschnitte werden bei ihr hingegen mit einem liegenden V gekennzeichnet, um eine längere Pause und gegebenenfalls auch eine Änderung der Sprachmelodie zu kennzeichnen. Die Wahl der jeweiligen Zeichen sei dabei jedem Autor selbst überlassen. „Im Grunde lässt sich ein solcher Text eines Profi-Sprechers mit der Partitur eines Chorsängers vergleichen.“

Betonung und Modulation

Je nach Betonung kann ein Satz unterschiedlich interpretiert und verstanden werden. Daher rät Hermens dazu, besonders zu betonende Worte im Manuskript ebenfalls zu kennzeichnen, z. B. durch Unterstreichen. Gleiches gilt für die Modulation, also das Heben und Senken der Stimme (z. B. am Satzende), die ebenfalls markiert werden sollte. Auch Rhythmus und Geschwindigkeit der Stimme beeinflussen einen Text und erhöhen außerdem die Aufmerksamkeit der Zuhörer.

Die richtige Atmung

Die richtige Atmung ist laut Hermens die Grundlage zum richtigen Sprechen und damit auch zum richtigen Vorlesen. Um dies besser zu veranschaulichen, probierte die Profi-Sprecherin mit dem Publikum auch gleich ein paar Atemübungen aus. Zu den Grundlagen der richtigen Atmung gehöre beispielsweise die sogenannte „Zwergfell- oder Flankenatmung“ also das entspannte Atmen in den Bauch bei grader Körperhaltung (möglichst im Stehen). Auf diese Weise könne die Luft während des Sprechens optimal dosiert werden. Der berühmte „Frosch im Hals“ lasse sich übrigens am besten durch einen Schluck Wasser und leichtes Husten vertreiben, verrät Beatrix Hermens. Räuspern schade hingegen den Stimmbändern und sollte daher generell möglichst vermieden werden.

Stimmen zum klingen Bringen

„Der Klang unserer Stimme wird durch die Resonanzräume definiert, wie Nasennebenhöhlen, Stirnhöle oder Mundbereich.“ Denn dort, so Hermens, werde die Stimme gebildet und zum Klingen gebracht. Eine entspannte Atmung und eine grade Körperhaltung seien daher Voraussetzung um die Stimme „nach vorne in den Mund zu bringen und so zum Klingen zu bringen“. Der Kiefer sollte dabei möglichst locker und entspannt sein, um den Text optimal artikulieren und laut vortragen zu können. Auch hierzu stellte Beatrix Hermens ihren Zuhörern eine einfache Übung vor, bei der der Kopf hängen gelassen, der Kiefer entspannt und dann schließlich durch Kopfschütteln gelockert wird. „Sieht zwar wie viele Sprechübungen doof aus, hat aber das schöne Ziel, das der Unterkiefer danach locker ist.“

Bei Dialogen und verschiedenen Stimmen rät Hermens zu einer dezenten Variation der Stimme. Der Versuch, eine Stimme krampfhaft zu imitieren wirke meist eher affig und schade letztlich auch dem Vortrag.

Schokolade gibt’s erst später

Neben Anspannung und falscher Atemtechnik können auch noch andere Faktoren eine Vorlesung erschweren. So sollt beispielsweise kurz vor dem Vortrag auf Getränke wie Orangensaft verzichtet werden, die zu starkem Speichelfluss und häufigen Schlucken führen könne. Auch Schokolade oder Kaffee solle man sich lieber für nach der Lesung aufheben, da diese sämtliche Flüssigkeit aus dem Mund ziehe und ihn trocken werden lasse.

Mit diesen und vielen weiteren Tipps dürften viele Selfpublisher ihrer nächsten Autorenlesung deutlich entspannter entgegensehen!

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Ein Kommentar zu “Beatrix Hermens über professionelles Vorlesen

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