Bernd Daschek: „Selfpublisher können bei allem besser sein als die meisten Verlage – wenn sie kritisch kooperieren.“

Fabienne Franz

Gestern stellten wir in unserem Artikel die Schreibgruppe-Prosa und ihre Arbeit vor. Gründer Bernd Daschek hat uns im Interview weitere Einblick in die Organisation gegeben und erläutert, warum Selfpublisher in seinen Augen bessere Arbeit leisten können als Verlage.

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© Schreibgruppe-Prosa

Spubbles: Was genau ist die Schreibgruppe-Prosa und wie ist sie entstanden?

Bernd Daschek: Wir wollen eine Autoren-Selbsthilfegruppe sein, unser Ziel ist die Förderung von Autoren bis zur Veröffentlichung. Junge und gestandene Autoren unterstützen sich gegenseitig, um professionell zu produzieren. Unser Motto lautet: „Alles für den Leser!“

Zur Gründung der Gruppe kam es nach meinem Eintauchen in die Selfpublisher-Szene Mitte 2015, die bei Facebook ihre Heimat hat. Ich bot vor gut einem Jahr an, eine Anthologie für wohltätige Zwecke als Lektor zu unterstützen. Dadurch bekam ich Kontakt zu Autoren, die entweder noch nie lektoriert wurden und daher von den Möglichkeiten einer qualifizierten Textreflexion völlig überrascht waren, oder mit solchen, die grauenvolle und überteuerte Lektorate durchlaufen hatten.

Spätestens nach der zweiten Lektoratsunterstützung für den „Guten Zweck“ konnte ich mich vor Anfragen nicht mehr retten. Es ging nicht nur ums Lektorieren, sondern um den gesamten „Markt“, auf dem Geschäftemacher nur darauf warteten, selbständige Autoren abzuzocken. Da war guter Rat teuer, nur nicht bei mir, denn um mich von diesen Tendenzen abzugrenzen, arbeite ich grundsätzlich kostenlos. Kollegiale Hilfe – gemeinsam sind wir stark! Dies wollte ich der Selfpublisher-Gemeinde vermitteln.

In Kooperation mit einer großen Facebook-Autorengemeinschaft gründete ich die Schreibgruppe, in der es zunächst um Grundlagen des Schreibens und die Entwicklung eines Textbewusstseins ging. Gleichgesinnte schlossen sich an, unterstützten mich bei der Vermittlung von Basiswissen, der Textreflexion und der Ausführung von kleinen Schreibaufgaben, unseren „Challenges“.

Meiner Meinung nach können Selfpublisher bei allem besser sein als die meisten Verlage, wenn sie kritisch kooperieren. Das ist meine feste Überzeugung. Jedoch schafft dies nur derjenige, der an sich und seinem Schreiben arbeiten möchte.

Wie organisiert ihr euch und die gemeinsamen Veröffentlichungen?

Die Basis bilden unsere Administratoren. Im kleinen Team von sieben Leuten haben wir uns in dem Wissen zusammengefunden, dass wir von unserer Tätigkeit, außer einem bisschen virtuellen Schulterklopfen, „nichts haben“. Wir wollen einfach helfen, jeder nach seinen zeitlichen Möglichkeiten und seinen Fähigkeiten.

Wir organisieren den Informationsfluss, die Aufgabenstellungen, die Veröffentlichungen, den Gruppenzusammenhalt und alles, was einen Autor interessiert. Dazu kommt in zweiter Ebene das Lektorenteam, oft in Personaleinheit mit den Administratoren. Dieses bilden wir selbst aus und versuchen, Talente zu entdecken.

Primär ist unsere Organisationsform rein virtuell über Facebook. Dadurch können Autoren völlig wohnortunabhängig zusammenarbeiten. Diese sind in unserer Gruppe nicht nur über ganz Deutschland verteilt, sondern sitzen auch beispielsweise auf den Balearen, der Schweiz oder in Frankreich. Real-Life-Treffen sind schwer durchzuführen. Bei unserem ersten Messeauftritt während der Buch Berlin waren jedoch vier der fünf zurzeit aktiven Administratoren dabei und halfen mit – wieder jeder nach seinen Möglichkeiten.

Wie kam die Idee zu einem Sammelband über Postkartengeschichten? Was sind Postkartengeschichten überhaupt?

Ich suchte Ende Mai eine Möglichkeit, den Mitgliedern zu zeigen, wie man kostenlos veröffentlichen kann. Daraus entstand die Serie der „0€ Veröffentlichung“. Schritt für Schritt und mit Screenshots bebildert, wollte ich detailliert erklären, wie das qualitativ ansprechend geht. Wir hatten im Vorfeld eine Aufgabenstellung: Schreibe einen Text (eine komplette Geschichte), der auf eine Postkarte passt. Dafür nahmen wir dann die gängige Zeichenanzahl von 1.500 Zeichen inkl. Leerzeichen für Kürzestgeschichten.

Autorenbeteiligung bei der Umsetzung und keine Gewinnorientierung bildeten die Grundlage. Zwischen Deadline und Veröffentlichung vergingen keine sechs Wochen, was die Leistungsfähigkeit der Gruppe bewies. Trotz möglichst professioneller Veröffentlichung und dem späteren Marketing sollte dies nur exemplarisch sein und der Spaßfaktor im Mittelpunkt stehen.

Warum habt ihr euch für den Weg des Selfpublishing und den Dienstleister Amazon entschieden?

Zu Selfpublishing habe ich mich aus der einfachen Erkenntnis heraus entschieden: Ich kann das besser als jeder Verlag, habe alles unter Kontrolle und bleibe unabhängig. Das heißt noch lange nicht, dass wir diesen Weg unseren Mitgliedern „aufschwatzen“ wollen. Im Gegenteil, wir unterstützen unsere Autoren, um ihre Texte bei Verlagen oder Agenten unterzubringen. Bei der Veröffentlichung als Selfpublisher war für mich Amazon mit seinen Anbietern CreateSpace, Kindle Direct Publishing und Kindle Unlimited (Select) zunächst eine Spielwiese, um mich auszuprobieren. Außer Zeit musste ich nichts investieren, es war also völlig risikolos, da ich nicht auf Distributoren angewiesen war.

Ich stellte fest, dass man auf diesem Weg eine große Lesergruppe erreichen kann – schlicht, viele Bücher verkauft. Daher will ich anderen diesen Weg als mögliche Alternative aufzeigen. Erweiterungen zu Tolino sind im e-Book-Bereich jedoch auch für die Gruppenveröffentlichungen geplant.

Das Problem ist, dass für einen Selfpublisher die Buchhandelspräsenz mit VLB-fähiger ISBN und der Listung im Barsortiment meist nicht refinanzierbar ist. Damit diese Möglichkeit besteht, ohne immense Kosten auf sich zu nehmen, müsste er sich an einen Distributor binden und verlöre seine Unabhängigkeit.

Leider ist es nun so, dass Selfpublishing, auch oft zu Recht, keinen guten Ruf bei der Umsetzungs- und Textqualität genießt. Das wollen wir zwar als Schreibgruppe-Prosa ändern, den Spieß sogar umdrehen und selbst zum Qualitätsmaßstab werden, jedoch laufen viele gute Autoren selbst dem billigsten und unfähigsten Label hinterher, wenn dort „Verlag“ draufsteht. Deshalb hab ich mich entschlossen, demnächst einen Verlag zu gründen, der dann der Schreibgruppe-Prosa als Veröffentlichungsplattform zur Verfügung steht. Die Gesellschaftsform ist noch in Arbeit, doch das eventuelle Risiko möchte ich allein tragen. Als Verlag hätten wir dann viel mehr Möglichkeiten, unsere Autoren gut und breit zu publizieren.

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3 Kommentare zu “Bernd Daschek: „Selfpublisher können bei allem besser sein als die meisten Verlage – wenn sie kritisch kooperieren.“

  1. Woher kommt nur diese Ansicht, SP außerhalb von amazon sei grundsätzlich unbezahlbar? Ich arbeite z.B. mit BoD bzw. neobooks, und meine Titel (Print und eBook) haben eine kostenlose ISBN und sind weltweit ganz normal aus dem VLB bestellbar, ggf. auch über die Buchhandlung. Kostenpunkt: einmalig 20 Euro für das Printmaster bei BoD! Ich finde solche Informationslücken bei jemandem, der von sich behauptet, „alles besser als die Verlage“ machen zu können, gelinde gesagt etwas befremdlich. o.O

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  2. Ich gebe da durchaus Recht:
    Eine Bindung erfolgt immer auf den einen oder anderen Weg. Letztendlich bleibt es jedem Selfpublisher selbst überlassen, welche Vertriebsweg er wählt.
    Amazon bindet sehr stark in Bezug auf den Vertriebsweg, der läuft exklusiv nur über den Amazon Shop.
    Andere Dienstleister (lesen sie gerne dazu auch meine Beiträge im „Fokus Dienstleister“) weisen da mehr Vielfältigkeit auf und – ja auch hier stimme ich zu – sind durchaus bezahlbar.

    Dass man sich als Autor differenziert informieren sollte, liegt wohl nahe. Vor allem, weil durch Amazon der Weg in andere Shops und Buchhandlungen verschlossen bleibt. Andersrum bezahlt man andere Dienstleister (BoD oder ähnliche), hat aber eine breitere Streuung des Titels und wird auch bei Amazon gelistet.

    Wie das der Einzelne handhaben möchte und was jedem Einzelnen wichtig ist, bleibt aber jedem selbst überlassen – übrigens ein Grund warum wir jeden Interviewpartner nach der Wahl des Dienstleisters fragen: Um Transparenz und Meinungen für „unerfahrene“ Autoren zu sammeln.

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