Autorenpseudonyme als Marketinginstrument – oder: Vom Mittel und Zweck, sich einen Namen zu machen

Lukas Lieneke

Pseudonyme dürften wahrscheinlich so alt sein, wie das Publizieren von Texten selbst. Nicht nur bekannte Verlagsautorinnen und -autoren wie J. K. Rowling, Stephen King oder John le Carré greifen zeitweise auf einen Künstlernamen zurück oder veröffentlichen sogar ausschließlich unter Pseudonym. Auch im Selfpublishing sind fiktive Autorennamen gang und gäbe und oft – je nach Genre – sogar eher die Regel als eine Ausnahme. Und das oft aus gutem Grund, denn ein gutes Pseudonym kann bei der Vermarktung eines Buches kleine Wunder bewirken und stellt für Selfpublisher außerdem ein kostengünstiges Instrument der Selbstvermarktung dar.

Der Autor als Marke

Gründe für ein Autorenpseudonym gibt es viele. Oft spielen dabei der Wunsch nach Anonymität und der Schutz der eigenen Privatsphäre eine wichtige Rolle. Ein gut gewähltes Pseudonym kann jedoch auch gezielt zur besseren Vermarktung von Autorinnen und Autoren eingesetzt werden, denn der Name ist wichtiger Bestandteil des Autoren-Marketings.

Ähnlich wie ein Markenname, verkörpert der Name eines Autors (und damit auch sein Pseudonym) ein besonderes Image, das bei seinen Lesern Assoziationen hervorruft, die ihn von anderen Autoren abgrenzen. So ist es nicht verwunderlich, dass knapp die Hälfte der momentan in den Top 100 der Amazon Charts vertretenen Selfpublishing-Titel unter Pseudonym veröffentlicht wurde. Dies mag unter anderem mit der Dominanz von Erotik, Liebes- und Fantasyromanen zusammenhängen; Genres, in denen Autoren deutlich häufiger auf Pseudonyme zurückgreifen, aus Angst, mit zum Teil als unseriös oder anrüchig geltenden Inhalten in Verbindung gebracht zu werden. Dennoch ist es ein klares Indiz für die Beliebtheit von Autorenpseudonymen. Denn Pseudonyme sind mehr als bloße Decknamen und können das Kaufverhalten von Kunden mit beeinflussen.

Schutz der eigenen Autorenmarke

„Irgendwann bat mich mein Verlag, weniger zu schreiben. Oder langsamer. Oder mir ein Hobby zuzulegen. Aber wie soll das gehen? Da haben wir eben das Pseudonym J. D. Robb erfunden.“[1]

Manche Autorinnen und Autoren sind unglaublich produktiv und schaffen es mitunter, mehrere Bücher innerhalb eines Jahres zu veröffentlichen. Zu ihnen zählen beispielsweise Nora Roberts, deren Science-Fiction-Thriller unter dem Pseudonym J. D. Robb erscheinen oder auch Stephen King, der wegen seiner hohen Produktivität zeitweise unter seinem Alter Ego Richard Bachmann veröffentlichte. Was zunächst positiv klingt, birgt auch Gefahren. Denn wenn ein Autor den Buchmarkt mit Titeln geradezu überschwemmt, laufen seine Bücher schnell Gefahr als beliebig, qualitativ minderwertig und kommerziell abgestempelt zu werden, von einer möglichen Übersättigung seiner Leser mal ganz abgesehen. Ein Pseudonym kann hier Abhilfe schaffen, indem ein Autor seine Werke unter verschiedenen Namen publiziert. Dies ist umso mehr von Bedeutung, wenn ein Autor das Genre wechselt. Denn erfolgreiche Autoren werden von ihren Lesern häufig auf ein bestimmtes Genre reduziert, in dem sie entweder mehrheitlich tätig oder besonders erfolgreich sind. Durch einen Genrewechsel könnten sich die Leser möglicherweise betrogen fühlen oder zumindest irritiert reagieren, da ihre Erwartungen nicht erfüllt werden. Ein Pseudonym kann hier helfen, neue Bücher von vergangenen Werken abzugrenzen.

Genre und Geschlechterdominanz

Bis vor wenigen Jahren kam es nicht selten vor, dass sich Autorinnen ein männliches Pseudonym zulegten. So war ein männlicher Autorenname im 19. Jahrhundert – wie im berühmten Fall der Brontë-Schwestern – mitunter die einzige Möglichkeit für Autorinnen, ihr Bücher (entgegen der allgemeinen Geringschätzung gegenüber schreibende Frauen) zu publizieren. Doch auch heute nutzen viele Autorinnen männliche Pseudonyme, um in männerdominierten Genres wie Krimi, Thriller, Horror oder Fantasy Fuß zu fassen. Umgekehrt gibt es auch Genres, in denen Bücher häufiger unter Frauennamen publiziert werden, wie Erotik-, Liebes- und historische Romane. Zwar haben sich Autorinnen und Autoren in den meisten Genres mittlerweile weitestgehend emanzipiert, trotzdem lässt sich eine gewisse Geschlechterpräferenz immer noch nachweisen. Obwohl diese Klischees heute überholt erscheinen, orientieren sich einige Autorinnen und Autoren bei der Wahl ihres Pseudonyms weiterhin an diesem etablierten Rollenbild.

Eine weitere Möglichkeit ist die Verschleierung des Geschlechts durch die Verwendung von Anfangsinitialen, wie bei J. D. Robb oder J. K. Rowling. So befürchtete Rowlings Verleger, dass ein Frauenname die Zielgruppe der jungen, männlichen Fantasy-Leser nicht ansprechen würde. Aus diesem Grund wurde der Autorin dazu geraten, lediglich die Anfangsinitiale ihres Vornamens zu verwenden und den Namen zusätzlich um das „K“ für Kathleen, den Namen ihrer Großmutter, zu ergänzen.

Lesbarkeit und Wiedererkennung

Autoren mit sehr langen oder schwer buchstabierbaren bürgerlichen Namen entscheiden sich nicht selten für ein leichter lesbares Pseudonym, um dem Leser besser im Gedächtnis zu bleiben. Dies gilt ebenso für besonders häufige oder unauffällige Namen, à la „Hans Schmidt“ oder „Petra Müller“, die durch ein einprägsameres Pseudonym ersetzt werden. Entstammt ein Werk der Feder mehrerer Autoren, kann es sich ebenfalls lohnen, über ein gemeinsames Autorenpseudonym nachzudenken. Denn Anthologien oder Romane von Autorenkollektiven laufen mitunter Gefahr, den Käufer ob der vielen genannten Namen zu verwirren. Ein einzelner Name bleibt dem Käufer hingegen deutlich leichter im Gedächtnis und lässt sich – je nach Länge – auch noch großflächig und damit gut sichtbar auf ein Cover drucken.

„Sprechende“ Pseudonyme

Einige Autorenpseudonyme vermitteln dem Leser bereits einen relativ genauen Eindruck vom Inhalt des Buches. Gemäß dem Motto „nomen est omen“ ist das Pseudonym dabei oft an die Stereotypen und Erwartungen angelehnt, die mit einem besonderen Genre assoziiert werden. So verwundert es zum Bespiel nicht, dass es sich bei Jason Dark oder Dan Shocker um Pseudonyme aus dem Bereich der Horrorliteratur handelt, wo hingegen Katja von Seeberg oder Ursula Freifrau von Esch Verlagspseudonyme aus dem Bereich romantische Adelsgeschichten sind.

Durch den bewussten Einsatz von Klischees bleiben „sprechende“ Pseudonyme bei Leserinnen und Lesern häufig besser in Erinnerung. Genre und Autorenpseudonym sind hier aufeinander abgestimmt und bedienen dadurch die Erwartungshaltung der Käuferinnen und Käufer.

Setting und Internationalität

Neben den erwähnten Assoziationen bei „sprechenden“ Pseudonymen gibt es noch weitere gute Gründe, sich für ein fremdsprachiges Autorenpseudonym zu entscheiden. Viele Autorinnen und Autoren greifen zum Beispiel auf einen englischen Namen zurück, in der Hoffnung, sich auf diesem Weg bei steigendem Erfolg leichter auf dem großen englischsprachigen Buchmarkt etablieren zu können. Zusätzlich können ausländische Namen beim Käufer den Eindruck erwecken, dass es sich hierbei bereits um einen international erfolgreichen Autor handelt.

Ähnlich wie im Fall des „sprechenden“ Pseudonyms, das sich am Genre orientiert, kann aber auch der Handlungsort der Geschichte ausschlaggebend sein: So ist die deutsche Selfpublisherin Carolin Bendel seit Jahren mit in den USA angesiedelten Liebesromanen erfolgreich – unter dem Namen Poppy J. Anderson:

„Ein englisch klingender Name passte einfach besser zu Geschichten, die in den USA spielten – er gab dem Ganzen einen glaubwürdigeren Anstrich. […] Jemand namens Poppy J. Anderson erschien mir geeigneter zu sein, über American Football und New York zu schreiben als beispielsweise Elfriede Müller.“[2]

Fazit: Ein günstiges Marketinginstrument für Selfpublisher

Natürlich ist ein gutes Pseudonym noch lange keine Garantie für einen Bestseller. Doch ein gut ausgewählter Autorenname erhöht die Chance, dass ein Autor und sein Buch vom Publikum wahrgenommen werden und im Gedächtnis bleiben. Im Schutz der Anonymität haben Autoren außerdem die Möglichkeit, sich auf verschiedenen literarischen Feldern auszuprobieren und zu experimentieren, ohne Gefahr zu laufen, durch Misserfolgen gebrandmarkt zu werden oder die bisherigen Leser zu enttäuschen.

Bei der Vermarktung der eigenen Bücher sind Selfpublisher in der Regel auf sich allein gestellt, wenn sie nicht auf das kostenpflichtige Angebot eines Dienstleisters zurückgreifen wollen. Autorenpseudonyme sind somit eines der kostengünstigsten Marketinginstrumente überhaupt, das bei geringem Aufwand sehr effektiv sein kann. Ein gut ausgewähltes Pseudonym kann also durchaus dabei helfen, sich als Selfpublisher – im wahrsten Sinne des Wortes – einen Namen auf dem Buchmarkt zu machen.


[1] Remke, Susann: „Hinsetzen! Schreiben!“ Ein Interview mit Nora Roberts. In: FOCUS, 09.01.2016.

[2] Anderson, Poppy J.: Pseudonyme: Die große Freiheit [Kolumne]. In: lesen.net, 30.01.2015.

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