Storywunder auf dem Prüfstand – Meinungen und Eindrücke aus der Beta-Phase

Marisa Klein

Pünktlich zur Frankfurter Buchmesse hat der Oetinger-Ableger Storydocks die neue Publishing-Plattform Storywunder präsentiert. Die Plattform soll ein Treffpunkt für Storytelling-Experten, Illustratoren, Dienstleister und sonstige kreative Köpfe sein. „Connecting Creatives – Publishing Professionals“ ist der Slogan, der ziemlich vielversprechend klingt. Ich habe mir das mal genauer angesehen. Hilfestellung bekam ich dabei von Texter Sebastian Masur, der mir seine ersten Eindrücke und Einschätzungen über Storywunder mitteilte.

Closed Beta-Phase im November

Storywunder arbeitet unter Storydocks. Im November startet die Plattform erst mal als Closed Beta, mit einigen ausgewählten Kreativen und Branchenpartnern wie Random House oder Oetinger. Nach und nach soll sich Storywunder weiterentwickeln und 2017 endgültig am Markt anlaufen. Ab Januar übernimmt Ina Fuchshuber, ehemals bei der Holtzbrinck Holding tätig und Gründerin von neobooks, die Leitung. Fuchshuber hat bereits an Storydocks mitgearbeitet: „Mit Storywunder bauen wir jetzt eine Talentakquise- und digitale Arbeitsplattform auf, die schon in seiner Betaphase viele Nutzer und Partner überzeugen wird.“

Revolution, Innovation – was will Storywunder?

Der Fokus von Storywunder liegt auf kollaborativem Arbeiten. Laut der Mitteilung von Storydocks „sollen nicht nur innovative Neuprodukte“ geschaffen, „sondern auch traditionelle Publikationsprozesse ‚revolutioniert’ werden“. Durch spezielle Tools und einer Art digitalen Werkbank soll ein effizienter Workflow ermöglicht werden. Wichtigstes Mittel hierfür ist ein Text-Layout-Editor, mit dem die User sich von der ersten Idee an untereinander austauschen können. Digitale bzw. druckreife Bücher können über den Browser ausgespielt werden. In der (unvermeidbaren) Community der Plattform können die Kreativen kommunizieren, Feedback erfragen, andere Projekte verfolgen und Geschäftspartner akquirieren. Der komplette Arbeitsprozess kann über den Browser abgebildet werden, was für die Kreativen Zeit und Ressourcen sparen soll. Aber Storywunder will noch mehr: nämlich Talentbörse und Scouting-Pool sein. Die Vorstellung ist, dass Verlage die Plattform zum Outsourcen nutzen, indem sie dort Projekte ausschreiben und den erfolgreichsten Pitch umsetzen. Umgekehrt sollen die kreativen Teams mit Ihren Projekten entdeckt werden können. Erste Verlagspartner sind neben der Verlagsgruppe Oetinger die Verlagsgruppe Random House und der Tulipan Verlag. Liest sich alles gut, allerdings kam mir sofort der Gedanke: Ist das nicht alles ein bisschen viel?

Erste Eindrücke

Klar, die Website gibt aufgrund des Beta-Status noch nicht viel her, aber hier meine ersten zehn (spontanen) Gedanken, nachdem ich mir die Website zu Gemüte geführt hatte. Qualifizierter wird hiernach noch Texter Sebastian Masur seine fünf (kritischen, spontanen) Gedanken preisgeben.

  1. Retroaufmachung mit Hipster-Anklängen
  2. Die Website schreit mich ein bisschen an, aber auf eine positive Art und Weise
  3. Das Design wirkt sehr durchdacht und auf die Zielgruppe der (vermutlich jüngeren) Generation an Kreativen erstaunlich angepasst.
  4. Sie duzen direkt. Mag nicht jede Altersstufe. Aber siehe Punkt 3.
  5. Was für Kreative suchen die eigentlich? Autoren? Texter? Wunderkinder! Ich bin verwirrt.
  6. Bisschen schwammig ist die Beschreibung: „Erstelle Qualitätsinhalte auf unserer digitalen Werkbank und veredle sie mit unserem Tool.“ So ganz klar wird mir nicht, was man GENAU tun kann. Was für Tools? Digitale Werkbank wird übrigens gleich drei Mal erwähnt: für die Google-Suche optimiert?
  7. Ein erster Call-to-Action-Button!
  8. Gibt es eine App dazu? Es gibt bestimmt eine App. An der Smartphone-Abbildung sieht man zumindest mal, wie eine Nutzeroberfläche aussehen kann.
  9. Kundenmeinungen! Eine Illustratorin und eine Autorin. Also will Storywunder quasi alle: Texter, Autoren, Illustratoren, Designer… . Aber sollen die dann nur an Büchern arbeiten? Was sind denn diese ominösen „Projekte“? Ist Storywunder ein einziger großer Think-Tank (für Bücher?)?
  10. Namhafte Partner: u. A. Dressler, Tigercreate, Framily, onilo. Die Orientierung reicht vom personalisierten Kinderbuch bis zu Klassikern der Weltliteratur.

Jetzt kommt Sebastian zu Wort:

  1. Design is everything. Die klassische Homepage liefert alle relevanten Informationen über ein Unternehmen. Angefangen von der Geschichte bis hin zur Vision. Eine Landingpage hingegen richtet die gesamte Aufmerksamkeit auf ein einziges Thema oder Service. Und das ist hier sehr gut gemacht. Die Seite ist übersichtlich und regt dazu an, mitzumachen.
  2. Das Problem: Ein unbekannter Player. Leider erfährt man aktuell gar nichts über dieHintergründe von Storywunder bzw. über die Storyjam GmbH. Im Hinblick auf die Authentizität wird sich das hoffentlich noch ändern, wenn das Projekt die Beta-Phase hinter sich lässt.
  3. Preismodell. Kein Abo. Keine monatlichen Belastungen. Klingt zunächst alles sehr gut, doch über das Preismodell ist nichts zu erfahren. Vielleicht bleibt alles kostenlos, dank Werbung. Vielleicht fließen Provisionen. Wer weiß. Auch hier sollten dringend weitere Infos geliefert werden. Denn wenn etwas kostenlos im Netz angeboten wird, bezahlt man für gewöhnlich mit seinen Daten. Und das schreckt für gewöhnlich viele Nutzer ab.
  4. Ein Beta-Fazit. Die Idee hinter Storywunder ist einfach wie genial. Noch wird sie aber von der Informations-Wüste beeinträchtigt. Wer, wie, wann? Darüber erfährt man leider nicht viel auf der Seite. Würde ich mich anmelden? Ja, um mich mit den Tools vertraut zu machen und sie zu testen. Definitiv nein, wenn ich ein konkretes Projekt mit Blick auf Publisher hätte, da hierzu alle relevanten Fragen (noch) unbeantwortet sind. Denn warum sollte ich mein geistiges Eigentum auf einer Plattform verwirklichen, über die man nur wenig recherchieren kann? Das ist für mich ein No-Go-Kriterium. Langfristige Erfolge sind das Ergebnis von Vertrauen. Und das kann nur mit Infos aufgebaut werden.

Was genau macht man jetzt auf Storywunder? Und will man da eigentlich was machen?

Bücher. Buchprojekte. Kollektive, kreative, digitale Arbeit im weitesten Sinne. Zwar hält sich Storywunder mit dem Wort Buch vornehm zurück, aber so viel dürfte (mittlerweile auch mir) nach Einsicht der Website klar sein. Storywunder präsentiert sich modern, locker und offen. Der Blog zu Storywunder, der das junge Team um die Plattform zeigt, untermauert diesen Eindruck noch mehr. Hier sehen wir engagierte Mitarbeiter, die sich anscheinend gerne Masken aufsetzen, Wunderkerzen entzünden, Emojis mögen und auch ansonsten äußerst motiviert die Zielgruppe (U35) anlocken. Ich würde sagen, Storywunder ist von Anfang bis Beta auf die Generation Y fokussiert und macht selbst mehr oder weniger Fachfremden wie mir Lust, sich das als Lesezeichen zu speichern und weiter zu verfolgen.

Ist Storywunder auch was für Selfpublisher?

Storywunder scheint eigentlich perfekt für Selfpublisher: Ein Pool aus arbeitswilligen Wunderkindern, die bereits zusammenarbeiten oder aus besagtem Pool rekrutiert werden können, um ein Buchprojekt zu erstellen. Soweit klingt das zumindest nach Selfpublishing. Der große Unterschied ist aber, dass Storywunder mit Verlagen konspiriert und dass das Ziel ist, das Buch in einem der Partnerverlage unterbringen zu können. Jedenfalls so mein Eindruck. Ein unabhängiges Veröffentlichen abseits der Partner scheint nicht vorgesehen zu sein. Vorstellbar ist aber, dass man die Community und deren Arbeitskraft nutzt, um an seinem als Selfpublishing gedachtem Buch das Beste rauszuholen. Ob Storywunder das allerdings tolerieren würde, ist unklar. Unklar ist auch, wie die Vergütung für Designer oder Illustratoren aussehen würde und ob diese überhaupt an solch einem Buchprojekt, dass nicht bei einem Verlag landet, interessiert wären. Genaueres lässt sich in dieser Hinsicht erst herausfinden, wenn Storywunder nächstes Jahr voll an den Markt geht. Ich werde jedenfalls dranbleiben.

 

Advertisements

2 Kommentare zu “Storywunder auf dem Prüfstand – Meinungen und Eindrücke aus der Beta-Phase

kommentieren

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s