Tobias Kühnlein: „Vielleicht wird den Autoren sogar zu viel geboten“

Olga Janke

Gestern haben wir euch die neue Gattung des autobiografischen, humoristischen Sachbuchs vorgestellt – ein Genre, das Selfpublisher Tobias Kühnlein bedient und seine Leser mit kuriosen Geschichten aus dem Einzelhandel zum Lachen oder Kopfschütteln bringt. Heute erzählt er uns im Interview, wieso er ein Buch über den Einzelhandel schreiben wollte und wie er das Selfpublishing eigentlich so findet…

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© Jens Liebscher Photography

Spubbles: Herr Kühnlein Sie schreiben in Ihrem Buch aus einer sehr persönlichen Perspektive. Hatten Sie gelegentlich Hemmungen über bestimmte Personen oder gar eigene Erfahrungen zu schreiben?

Tobias Kühnlein: Ursprünglich war nie geplant, das Buch tatsächlich auf den Markt zu bringen, insofern gab es da anfangs keine Hemmungen. Erst als ich eine ganze Zeit später tatsächlich beschloss, das Buch zu veröffentlichen, entschärfte ich manche Stellen ein wenig, da sie schon recht scharf formuliert waren, oder nahm ein, zwei kurze Passagen ganz raus, um sicher zu gehen. Im Rahmen der künstlerischen Freiheit wurden die Ereignisse und auch beteiligte Figuren ein bisschen verändert und angepasst, so dass sich eigentlich niemand wiedererkennen dürfte. Das Buch soll einfach Spaß machen und vielleicht als kleinen Bonus ein wenig zum Nachdenken über das Konsumverhalten anregen. Grundsätzlich fand ich es sogar eher einfach, etwas zu erzählen, das ich selbst erlebt hatte, anstatt mir einen vollständig fiktionalen Plot auszudenken.

Was hat Sie dazu bewogen aus den zahlreichen humoristischen Ereignissen ein Buch zu machen?

Wenn Sie im Einzelhandel arbeiten, stellen Sie irgendwann fest, dass Ihnen allerhand Kuriositäten widerfahren und seltsame Menschen begegnen. Für meine Familie und meine Freunde waren diese Geschichten immer sehr erheiternd und unterhaltsam, was vielleicht auch daran lag, dass ich sie immer mit einem sarkastisch-trockenen Humor erzählte. Irgendwann kamen so abstruse und unglaubwürdige Geschichten zusammen, dass ich begann, diese Begebenheiten aufzuschreiben, da sie mir einfach zu schade waren, um sie zweimal zu erzählen und dann zu vergessen. Der „Kassensturz„, also die Fortsetzung, die dieses Jahr erschien, war dann so eine Mischung aus dem Drang, neue Geschichten aufzuschreiben – Material gab es genug – und einer Art persönlichen Therapie für mich, da vor rund einem Jahr meine langjährige Lebensgefährtin leider sehr jung und unerwartet verstarb und das Schreiben für mich eine sehr beruhigende Wirkung hatte und mich vom Grübeln abhielt. Humor hilft da ungemein, auch wenn es eine ganze Weile dauerte, bis der wieder zum Vorschein kam.

Welche von den beschriebenen Ereignissen sind Ihnen die Liebste?

In der „Spätschicht„, also im ersten Buch, ist das ohne Zweifel das Kapitel „Wenn Gott auf die Erde fährt“. Der humorvolle Papa, der seiner Teenager-Tochter im Verkaufsgespräch den Jungfrauen-Status absprechen wollte, war schon an Situationskomik kaum zu übertreffen. Das Streitgespräch zwischen den beiden Eheleuten über ein neues Notebook, das dann in einer religiösen Grundsatzdiskussion über Gottes Strafe bei einer falschen Kaufentscheidung gipfelte, ist bis zum heutigen Tag eines meiner absoluten Highlights überhaupt. Im „Kassensturz“, der Fortsetzung, ist es nicht mal so sehr eine bestimmte Geschichte, die mir am Herzen liegt, sondern ein Kapitel. Die „Ode an den Einzelhandel“ ist ein Kapitel, das wirklich sehr offen und ehrlich geschrieben ist und auch eine vergleichsweise geringe Humordichte hat. Stattdessen breche ich eine Lanze für den Einzelhandel und dafür, dass das alles doch gar nicht so schlimm und übel ist, wie immer alle sagen.

Sie sind jedoch nicht nur als Einzelhandelskaufmann und Buchautor tätig, oder? Was machen Sie denn noch nebenberuflich?

Ich bin nebenbei als Hobby-Grafiker tätig. Ich habe das nie gelernt, hatte nie eine grafische Ausbildung, sondern habe mir das alles selbst beigebracht. Ich vergleiche mich da immer ein bisschen mit meinem Serien-Idol aus Kindertagen, MacGyver. Am Schluss funktioniert es, man darf nur nicht so genau hinschauen, sonst sieht man das Klebeband – im übertragenen Sinn natürlich. Seit über drei Jahren bin ich mit dieser kleinen kreativen Begabung als Grafiker für die Wrestling-Liga des ehemaligen WCW-Wrestlingstars Alex Wright tätig. Mir liegt dieser Sport einfach am Herzen und ich hab‘ die Crew, das Team und die Wrestler der NEW (New European Championship Wrestling) einfach verdammt gern und die Jungs und Mädels sind immer sehr dankbar, dass ich sie auf den Postern wie Stars aussehen lasse. Es ist wie eine große Familie.

Gab es einen besonderen Grund warum Sie sich für das Selbstverlegen entschieden haben?

Als ich mich zur Veröffentlichung entschieden habe, habe ich mich schlau gemacht, welche Möglichkeiten ich habe. Natürlich habe ich viele Verlage, lokale wie überregionale, angeschrieben. Damals wurde mir gesagt, dass ein Verlag von 200 eingesandten Manuskripten vielleicht eines verlegt. Eine Quote von 0,5 Prozent. Irgendwann stieß ich auf das Selfpublishing und damit auch auf tredition, deren Angebot und Leistungsumfang mir von allen Anbietern am fairsten erschien. Die Abwicklung war dann tatsächlich auch extrem einfach. Letzte Fragen wurden mir freundlich und unbürokratisch am Telefon beantwortet und dann ging plötzlich alles ganz schnell und zwei Tage später war das Buch bereits überall bestellbar. Das und die Möglichkeit, im kreativen Prozess nahezu vollständig freie Hand zu haben und einfach „mein Ding“ machen zu können, haben mich überzeugt. Und da es mir mit den Büchern ohnehin weniger um das große Geld als um den Spaß am Erzählen ging, war das für mich eine wunderbare Möglichkeit, mein Buch möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen.

Was tun Sie um Ihr Buch im Gespräch zu halten?

Begleitend zu den Büchern gibt es eine Facebook-Präsenz, wo ich immer mal wieder lustige Begebenheiten poste oder auf die Bücher hinweise. Gelegentlich gibt es mal eine Verlosung. Zu beiden Büchern hat der Fränkische Tag große Artikel im Lokalteil der Zeitung gebracht, worüber ich ebenfalls sehr dankbar war. Für das aktuelle, zweite Buch wird dann im Herbst und Winter nochmal ein bisschen die Werbetrommel gerührt, da sich die Fortsetzung thematisch ja auch etwas weihnachtlicher liest.

Was halten Sie als Autor von der momentanen Lage auf dem Selfpublishing-Markt? Wird Autoren genug geboten?

Vielleicht wird den Autoren sogar zu viel geboten. Ich denke, dass es genügend Anbieter und Angebote für jeden Typ und für jedes Bedürfnis gibt. Das lädt aber auch zu einer gewissen Bequemlichkeit ein, einerseits, andererseits wird den Menschen suggeriert, dass „jeder Depp“ ein Buch schreiben kann. Ich habe Bücher gesehen, die über Selfpublishing auf den Markt gekommen sind, die auf den ersten zwei Seiten ein Dutzend Satzzeichenfehler hatten und schlechter geschrieben waren, als Shades of Grey… und das will was heißen. Ja, jeder kann ein Buch veröffentlichen, aber leider kann nicht jeder ein Buch schreiben. Das macht es schwieriger für die Menschen, die wirklich Talent haben und zwischen all den „Möchtegern-Autoren“ unbeachtet untergehen. Ich kann und darf auch, nein, besonders beim Selfpublishing einfach nicht alles aus der Hand geben und sagen „Na veröffentlicht wird’s ja eh, ich zahl‘ ja dafür.“ Falscher Ansatz! Nur weil es da ein Unternehmen gibt, das mein Buch veröffentlicht, heißt das nicht, dass ich alles schleifen lassen kann. Es gibt so viele sensationell gute Selfpublishing-Autoren, die aber von der breiten Masse, die denkt, sie müsse mal schnell ein Buch schreiben, in Verruf gebracht wird.

Wie ist ihr Cover entstanden?

Ich gebe zu, dass ich mir über die Covergestaltung wenig Gedanken gemacht hab. Böser Fehler, das weiß ich. Ich wusste nicht so recht, wie ich den Wahnsinn bildlich darstellen sollte, bis ich irgendwann in einem Dekoartikel-Laden einen kleinen Einkaufswagen gesehen habe. Zur gleichen Zeit kam mir die Idee, einfach einen verrückten, smiley-ähnlichen Kopf in diesen Wagen reinzusetzen. Ich hab mich dann online ein bisschen von verschiedenen Smileys und Emojis inspirieren lassen und ein paar Dinge kombiniert… Beim zweiten Buch, beim „Kassensturz“, hab ich mir dann etwas mehr Gedanken gemacht und das bekannte Gesicht hinter einem Kassenzettel vorgucken lassen, auf dem allerhand Blödsinn steht. Wenn man das Buch dann aber gelesen hat und sich den Kassenzettel nochmal anschaut, dann stellt man schnell fest, dass sich jeder Artikel auf dem Beleg auf irgendeine Stelle im Buch bezieht. Diese versteckten Gags fand ich sehr witzig.

Was sagen Sie als Hobby-Grafiker zu Covergestaltung im Selfpublishing-Bereich?

Es verstecken sich manchmal tolle Bücher hinter hässlichen Einbänden. Da wird wirklich viel Zeit und Mühe in ein tolles Buch, eine tolle Geschichte investiert, und dann am Ende stellt man fest, dass man ja noch ein Cover braucht und klatscht in Word schnell und uninspiriert etwas hin. Das ist fatal. Ein Buchcover muss mich in der Buchhandlung optisch anspringen, es muss aus der Masse hervorstechen und mich neugierig machen. Das gilt für die Vorderseite, wie auch die Rückseite und den Klappentext. Das alles ist der erste Eindruck und wenn ich den verschenke, verliere ich einen Leser. Mein Rat an alle: Nehmt euch für das Cover Zeit, überlegt in Ruhe, macht euch Gedanken und wenn ihr eure Idee nicht allein umsetzen könnt, holt euch Hilfe. Es gibt so viele Menschen, die fit im grafischen Bereich sind und gerne helfen.

 

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