Wie funktioniert ein Netzroman?

Fabienne Franz

Der Bachmann-Preisträger Thomas Lang startete am 1. September 2016 seinen ersten Netzroman „Der gefundene Tod“, eine Erzählung die der Leser während der Entstehungszeit bereits beeinflussen kann. Was hat es damit auf sich? Und wie verändert es die Autor-Leser-Beziehung?

Völlige Transparenz und der Austausch mit interessierten Lesern, das sind die Ziele die Lang an sein Projekt stellt. Als Leser kann man den gesamten Prozess verfolgen und beeinflussen, während der Autor direktes Feedback erhält und entscheidet, ob und wie er die Ideen einarbeitet.

Neu ist die Idee nicht, aber die Umsetzung macht den Unterschied. Im Frühsommer dieses Jahres gab es bereits ein gemeinsames Netzroman-Projekt von Tilmann Rammstedt und dem Hanser Verlag. Bei seiner Arbeit an „Morgen mehr“ konnte der Leser dem Autor online über die Schulter schauen und gegen Gebühr vorab  kapitelweise mitlesen. Aktive Mitgestaltung von Seiten der Leser fand nicht statt, vielmehr ging es um ein häppchenweises Mitlesen bereits lektorierter Kapitel.

Bei Langs Projekt läuft es anders ab. Hinter dem Blog-Roman steht kein Verlag sondern der Deutsche Literaturfonds e.V., welcher das Projekt mit einem Autorenstipendium fördert. Die mediale Begleitung erfolgt vor allem über das Literaturportal Bayern, ein Blog. Zudem räumt Lang der aktiven Mitgestaltung durch die Leser mehr Raum ein. Leser können auf seinem Blog schon vor Beginn des Schreibprozesses, nämlich bei der Recherche und Figurenkonzeption, dabei sein. Ein aktueller Blick auf die Seite (04.10.16) verrät, dass sich die Recherche beispielsweise schwieriger gestaltet als erwartet.

„Der gefundene Tod“ soll ein Kriminalroman beruhend auf einem realen Verbrechen werden, wodurch Lang sich erstmal bei der Sichtung der Medienberichte begleiten lässt. Ein solches Projekt sorgt für eine Eigenreflexion und soll nach eigenem Wunsch auch Diskussionen über grundlegende Fragen zur Entstehung von Literatur anstoßen: Wie haucht man einer Figur Leben ein? Wie viel Wirklichkeit braucht die Fiktion? Wie findet man seinen eigenen Ton? Am Werk soll nachvollziehbar sein, wie beispielsweise Figuren konzipiert werden und wie man einen eigenen Stil entwickelt. Lang freut sich vor allem über die ausführlichen und ernsthaften Antworten, die ihn häufig überraschen, wie er im Interview mit der Süddeutschen Zeitung bekräftigte: „Solche Sachen zu teilen, ist ja etwas Intimes, emotional Tiefgehendes.“ Auch eine Schulklasse begleitet das Projekt, indem sie als Gruppe eine Spielfigur des Romans entwickeln und ausbauen soll.

Der Verdacht der Show liegt bei einem Phänomen wie dem Netzroman nahe, was den Beispielen „Morgen mehr“ und der Internet-Plattform „fortschrift.net“, auf der Leser ebenfalls für das häppchenweise Lesen von Büchern bezahlen, vorgeworfen wird. Für Thomas Lang ist das Projekt ein weiteres Experiment mit der Netzgemeinde. Das Ergebnis der Aktion und die Frage ob ein konventionelles Buch am Ende dabei herauskommt, rücken für ihn in den Hintergrund. Ob es eine Dokumentation oder ein klassischer Roman mit entsprechendem Vor- oder Nachwort wird, zeigt sich erst in den nächsten Monaten. Momentan steht die Online-Phase auf der Agenda, der Rest ist völlig offen.

Die Autor-Leser-Beziehung ändert sich durch ein solches Projekt grundlegend. Es erweitert sich nicht nur das Aufgabengebiet durch die Einarbeitung der Korrekturen und den Betrieb eines Blogs. Der Autor ist auch nicht mehr der Einzelkämpfer in stillen Kämmerlein, stattdessen können die Leser mitverfolgen wie Lang Textpassagen streicht, kürzt oder abändert. Es werden also nicht nur fertige Kapitel vorgestellt, sondern auch solche die noch in Arbeit sind. Es entsteht ein kreatives Gesamtkunstwerk, in dem der Autor die Ideen und Vorschläge einflechtet.

Zunächst ist das Projekt auf sechs Monate angelegt und bleibt eine Wundertüte. Das Interesse der Leser wird zeigen, welchen Weg dieser Roman geht, ob konventionelle oder ungewöhnliche Pfade. Es bleibt also spannend – nicht nur in Bezug auf die Handlung.

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4 Kommentare zu “Wie funktioniert ein Netzroman?

  1. Liebe BuchwissenschaftlerInnen, wisst Ihr, dass eine ehemalige Studienkollegin von Euch ebenfalls einen Netzroman veröffentlicht hat? Nämlich ich. J Von „Nazi-Allergie“ gab es vom 23. Juni bis 19. August täglich eine Folge auf fortschrift.net, und meine Leser haben mit Kommentaren toll mitgemacht. Das Schreiben ist völlig anders als das, was man als Autorin gewohnt ist, und ich fand es sehr spannend, während der Entstehung immer im Austausch mit den Lesern zu sein. Wenn Ihr mehr darüber wissen wollt, kontaktiert mich einfach! Herzliche Grüße von Marianne. Studienabschluss Germanistik, Buchwesen, Philosophie am Institut für Buchwesen 1991, jetzt Alumna im Fachbereich Buchwesen.

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  2. Pingback: In Sachen Netzroman | Von "Buchmachern" und ihren Büchern

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