Carl-Heinz Scharpegge: „Mein Lerneffekt? Ernüchterung über den schwierigen Buchmarkt“

Olga Janke

Nachdem gestern das neue Funstück „Besser Lügen (ertragen) mit Psychologie“ vorgestellt wurde, wollen wir euch heute das Gespräch mit dem Autor nicht vorenthalten. Warum schreibt man über Lügen? Wie ist die Verbindung zur psychologischen Arbeit? Und eignet sich Selfpublishing überhaupt für Fachbücher?

Scharpegge_Autorenbild

© Carl-Heinz Scharpegge

Spubbles: Was war der Auslöser dafür, dass Sie sich besonders dem Thema der Lüge zugewandt haben?

Carl-Heinz Scharpegge: Der zunehmende Eindruck vorherrschender Unehrlichkeiten. Dazu die Erkenntnis, dass „die Politik“ uns Bürgern selten ein gutes, sehr oft ein schlechtes Vorbild bezüglich Ehrlichkeit ist: statt Transparenz wird bestenfalls „eingeräumt“. Und schließlich die offensichtliche Tatsache, dass in Deutschland zumindest mit zwei (eigentlich mit je nach Bedarf vielen) Ellen gemessen wird.

Sich als Psychologe mit der Lüge auseinander zu setzten könnte man fast als Klischee bezeichnen. Aber warum übt die Tatsache etwas von einem Experten zu lesen nichtsdestotrotz eine Faszination auf den Leser aus?

An meine fachlichen Voraussetzungen habe ich – ungelogen – erst gedacht, als ich über Form und Rahmen des Buches nachgedacht habe. Es soll ja auch nachdrücklich kein psychologisches Fachbuch sein. Es ist der Versuch, mit einem Schmunzeln auf den verlogenen Alltag zu reagieren – und damit sich selbst zumindest hin und wieder vor der eigenen Lügerei zu bewahren.

Die Faszination des Lesers vermag ich nicht zu beurteilen. Ich habe keinerlei Feedback auf dieses Buch bekommen. Wenn ich (fachlich subjektiv) eine Vermutung äußern soll, werden es zwei: erstens geht ohne Marketing-Rummel und Jubel-Wellen auch auf dem Buchmarkt nur wenig; zweitens könnten auch das eigene Eingeständnis und das Gefühl, gerade ertappt worden zu sein, eine gewisse Zurückhaltung bewirken. Letztendlich genießt doch jeder für sich allein; besonders bei solch intimen Sachen wie erfolgreichen Lügen.

Wie lange hatten Sie den Wunsch ein Buch zu schreiben?

Ein Buch als solches wollte ich bis vor 4 Jahren nie schreiben; ich fühlte und fühle mich mehr für die praktische Psychologie zuständig. Mit den ersten beiden praktischen MPU-Büchern war plötzlich auch der praktische Blick für dieses „Lügen-Buch“ offen.

Ist in Ihren Augen das Ergebnis gelungen?

Dafür, dass ich für die Idee eine Woche, für das grundlegende Material-Sammeln ca. einen Monat (im Buch ist ja nur eine Momentaufnahme reflektiert) und für das Schreiben einen Monat und eine Woche gebraucht habe, liest es sich für mich heute äußerst unterhaltsam. Als gelungenes Ergebnis sehe ich auch die Bestätigung an, dass man in seinem Kopf nicht nur reifen lassen, sondern ruhig auch mal Mut zur Ernte aufbringen sollte.

Wie sind Sie auf tredition als Dienstleister gekommen?

Durch Suche per Internet und anschließende Vergleiche. Das vorher eingeholte Angebot von einem Berliner Verlag kam mir unverschämt teuer vor.

Sehen Sie in der Praxis des Selbstverlegens besondere Vor- oder Nachteile? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Wieder ungelogen ehrlich: die Vorteile liegen in der freien Selbstverwirklichung, weil ein Buch auch für Autoren bezahlbar bleibt. Der Nachteil liegt sehr offensichtlich in der dadurch begünstigten Bücher-Flut; es fehlt ja jedes filtern vor einer Veröffentlichung. Das erschwert den Konsumenten die Auswahl und der wirklich interessierte Leser verlässt sich dann lieber auf die eingefahrenen Kanäle. Auch tredition ringt ja noch um Bekanntheit: bisher wurde kein Exemplar eines meiner Bücher über diesen Weg verkauft.

Dadurch geht sehr viel Konstruktives in Buchform einfach ungelesen unter.

Was tun Sie, um den Erfolg Ihres Buches zu unterstützen?

Bisher so gut wie nichts. Meine MPU-Bücher sind von der Natur der Sache her (bescheidene) Selbstläufer, die sich zumindest selbst finanzieren. Größere Ambitionen könnte ich mit der Veröffentlichung meiner Roman-Serie entwickeln, weil ich da mein eigenes Seelenleben und Anspruch auf ein „gutes Buch“ bewusst und von Anfang an hineinlege.

Beim Lügen-Buch war mein Lerneffekt (Ernüchterung über den schwierigen Buchmarkt) größer als der Erfolg. Außerdem bin ich aktiv beruflich als Verkehrspsychologe in Sachen MPU-Vorbereitung tätig und nehme mir nur dreimal im Jahr eine teilweise Auszeit für mein zweites Leben als Autor.

Könnten Sie sich vorstellen in einem Verlag zu veröffentlichen?

Die Vorstellung ist ebenso da wie z.B. … sagen wir mal die von einer Verfilmung meiner Roman-Serie. Aber ich beabsichtige nicht, mit großem Geld den Erfolg meiner Bücher zu erzwingen: schließlich habe ich als Auftakt ein Buch über Ehrlichkeit auf meinem Konto.

Außerdem habe ich mir so viel Selbstbewusstsein erhalten, dass ich der anderen Seite den Vortritt lasse: wenn ein Verlag auf mich zukommt, denke ich darüber nach.

Warum haben Sie sich gegen das Genre des klassischen Fachbuches entschieden?

Das klassische Fachbuch überlasse ich gern Fachkolleginnen und -Kollegen. Unklassische Fachbücher in Form meiner MPU-Selbsthife-Serie schreibe ich ja ebenfalls seit 2013 und inzwischen sogar als Neuauflagen und Ergänzungen.

Ich schreibe eben gern das auf, was mich bewegt, beschäftigt, tiefer berührt. Und ich bin nicht gern einseitig ausschließlich auf meinen Beruf fokussiert. Das kann ich bisher nur, weil mir der Erfolg als Autor relativ egal ist. Die Tatsache, dass ich dennoch sehr regelmäßig nach den Buch-Umsätzen schiele, straft allerdings auch mich Lügen. Aber so ist er nun mal auch für mich, der Lügen-Alltag.

 

 

 

 

 

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