Spubbles Lore – Teil 6: Recap

Samuel Kerber

In den letzten Wochen haben wir uns in einige Bereiche gewagt, die eine neue Perspektive auf Fanfiction und das Medium werfen können, in dem diese Fanfiction geschrieben wird. An dieser Stelle wollen wir noch einmal kurz zurückschauen auf das, was wir dabei entdeckt haben.

So, wie die Fans von Geschichten Fanfiction schreiben, schreiben Fans eines Games Lore. Zwischen den beiden gibt es aber einige größere Unterschiede: Fanfiction entsteht, wenn ein Leser emotional in eine Geschichte involviert ist und auf dieser Ebene Wünsche, Träume oder Phantasien auslebt. Eine Fiktion in einer Fiktion. Gleichzeitig ist Fanfiction damit ein Widerstand gegen die Herrschaft des Autors über die Figuren einer Geschichte. Dadurch ergibt sich auch der Effekt, dass Fanfiction in der Regel auf Figuren und zwischenmenschliche Beziehungen fokussiert ist.

Lore hingegen besteht in der Regel aus Worldbuilding, also dem Kreieren einer Welt oder Kultur, in die das entsprechende Game eingebettet ist. Diese Lore entsteht dadurch, dass Spieler versuchen, die Abstraktheit eines Games auszugleichen. Innerhalb eines Games sticht normalerweise die Regel die Fiktion – so ist es zum Beispiel in vielen Fantasy-RPGs nicht möglich, sich niederzulassen und in Ruhe Kartoffeln anzupflanzen, obwohl das innerhalb des Settings möglich wäre. Dieses Übergewicht der Regeln des Games wird durch die Lore ausgeglichen, in dem sie eine alternative Lesart des Games vorschlägt, in der die Fiktion die Regeln aussticht.

Lesart ist dabei das Stichwort. Anders als bei Büchern, in dem der Autor die komplette Autorität besitzt (Kanon), beschreibt ein Game nur ein Narrativ. Jeder Spieler erlebt und lenkt die Geschichte jedoch individuell, das Game selbst ist demnach nicht kanonisch. Stattdessen ist jedes Spiel und jeder Beitrag zur Lore eine von vielen Perspektiven, die erst kollektiv die eigentliche Geschichte, den sogenannten Monomythos, offenbaren. Während Fanfiction also mehr eine Parallelgeschichte zum eigentlichen Werk ist, versteht sich Lore als Teil und Erzählen seines Games.

Final bleibt also Folgendes festzuhalten: Sowohl Fanfiction als auch Lore sind Instrumente von Fans, sich selbst in eine fremde Geschichte oder Welt zu projizieren. Und in beiden Fällen eignen sich damit Fans eine Geschichte an – das Werk mag unter der Autorität des Autors stehen, aber das Lesen gehört dem Leser. Mit dem Vermischen einer Geschichte mit der Persönlichkeit eines Lesers/Spielers entsteht eine neue, persönliche Geschichte und fügt damit auch dem Ausgangswerk mehr Dimensionen hinzu. Fanfiction darf sich dabei ruhig dem Selbstbewusstsein der Lore-Communities anschließen, dass ihre Perspektive genauso entscheidend ist wie die des Autors.

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