Spubbles Lore – Teil 5: Kanon

Samuel Kerber

Eine Sache ist für viele, die sich mit Fanfiction beschäftigen, schnell klar: Der Autor schreibt die eigentliche Geschichte, Fanfictions sind nur kleine Phantasien oder Kommentare dazu. Die Autorität des Autors, fest zu legen, wie die Geschichte wirklich verläuft, wird häufig mit dem Schlagwort Kanon versehen. Etwas, das „nicht Kanon“ ist, kann zwar trotzdem eine gute Fanfiction-Geschichte sein, aber mit dem Ausgangsstoff hat sie nichts zu tun.

In Lore-Communities wird dieser Schluss jedoch oft in Frage gestellt – nicht zuletzt weil sich Lore oft dort bildet, wo kein offizieller Kanon existiert. Es gibt also Bereiche des Games, die offen für widerstreitende Auffassung der Spielenden sind. Der offensichtlichste Bereich ist der Hauptcharakter, der sich gerade in Open-World-Spielen erheblich zwischen den Spielenden unterscheiden kann. Einige Games (z.B. der Star Wars-Ableger Knights of the Old Republic) legen in einem späteren Spiel einfach eine kanonische Antwort fest: Das war der Held, so hieß er, so sah er aus. Andere Franchises wie z.B. The Elder Scroll überlassen diese Entscheidung vollkommen der Phantasie der Community.

So eine Herangehensweise bietet Potential für sogenannte Grey Areas, Teile einer Geschichte, die zwar impliziert, aber nie direkt im jeweiligen Medium dargestellt werden. So ist in einem gewissen Sinne jeder Charakter jedes Spielers Teil des Kanons; und dadurch ist auch die persönliche Wahrnehmung der Spielwelt durch den jeweiligen Spieler Kanon. Wenn also ein Spieler einen Text veröffentlicht, in dem er Worldbuilding betreibt, ist dieser Text gültig. Genauso wäre jedoch ein exakt widersprüchlicher Text gültig.

Diskussionen über dieses Thema wurden, vor allem in englischen Communities, als Canon Wars bezeichnet. Die eine Seite bestand darauf, dass ein Autor oder Entwickler einen offiziellen Kanon vorstellt, und fan-gemachte Texte nur Spekulationen oder ähnliches seien.

Eine andere Auffassung vertritt Michael Kirkbride, der uns auch schon im vorangegangenen Artikel begegnet ist. Da er Lore grundsätzlich als ein kollektives Erzählen von Mythen betrachtet, kann es auch keinen Kanon geben; jede Perspektive – auch die des Entwicklers – ist nur eine Erzählweise eines tiefer liegenden Monomythos. In seinem (ebenso populären wie verwirrenden) Comicbuch-Script c0da versucht er schließlich die Widersprüche beizulegen. Das Script selbst war passenderweise Mittelpunkt unterschiedlichster widersprüchlicher Interpretationsansätze.

Historisch gesehen ist der Kanon ein religiöser Begriff, der Wahrheit von Unwahrheit und Gottes Wort von Teufels Beitrag trennt. Games sind, genau wie Literatur, aber keine konstanten Realitäten, sondern Fiktionen. Fiktionen entstehen in den Köpfen der Menschen, die sie erfahren und spiegeln nicht nur den Inhalt des Mediums, sondern auch etwas des eigenen Selbst wider. Über die Sinnhaftigkeit einer „offiziellen Fiktion“ darf also kontrovers gestritten werden. Fest steht aber, dass es, auch wenn viele Autoren und Entwickler das gerne so sehen würden, nie ein offizielles Lesen oder Spielen geben wird. Und sowohl Fanfiction als auch Lore sollten sich diesen subversiven Geist bewahren.

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