BookTuber und Buch-Blogger – Neue Wege für die Literaturkritik

Lukas Lieneke

Literaturkritik findet heute längst nicht mehr nur im Feuilleton der Tageszeitung statt und wird auch nicht mehr ausschließlich von professionellen Kritikern betrieben. Durch das Internet hat die Literaturkritik eine Demokratisierung erfahren, die gleichzeitig viele Veränderungen bei der Rezension von Literatur mit sich bringt, von denen auch das Selfpublishing profitiert.

Schreckgespenst Selfpublishing

Selbstpublizierte Bücher finden in der Regel keinen Weg in den Rezensionsteil des klassischen Feuilletons und das hat seinen Grund. Selfpublishing wird von den meisten Literaturkritikern (nicht ganz zu Unrecht) nach wie vor mit seichtem Lesestoff auf Groschenromanniveau assoziiert. Zwar gibt es auch im Selfpublishing echte literarische Perlen zu entdecken, doch die müssen in einem Meer aus Fantasyromanen, Mysterythrillern und Liebesromanzen erstmal gefunden werden. Dabei entspricht die im Feuilleton behandelte „hohe“ Literatur nur selten dem Lesestoff, der auch auf dem Nachttisch der Otto Normalleserinnen und -leser liegt. Obwohl Krimis, Liebesromane und Fantasy nicht nur im Selfpublishing zu den beliebtesten Genres gehören und die Bestsellerlisten dominieren, finden sie von Seiten der Literaturkritik kaum Beachtung.

Die klassische Literaturkritik hat sich mittlerweile also ein ganzes Stück von der Leserealität vieler Menschen entfernt. Das ändert allerdings nichts daran, dass bei Leserinnen und Lesern nach wie vor der Wunsch nach Orientierungshilfen im Bücherdschungel besteht. Es ist also nur konsequent, wenn die Literaturkritik inzwischen neue Wege einschlägt, die den Bedürfnissen ihrer Leser eher entspricht – und zwar im Internet.

Laienkritik

Im Gegensatz zur literaturwissenschaftlich geprägten Kritik des Feuilletons, findet die Rezension von Büchern im Internet oft in Form von Laienkritiken statt. Das prominenteste Beispiel ist Amazon, dessen Käuferrezensionen die wahrscheinlich größte Sammlung von Beiträgen bilden, die sich mit zeitgenössischer Literatur beschäftigen. Das simple Fünf-Sterne-System gibt bereits nach einem kurzen Blick Auskunft über das Gesamturteil der Leserschaft zu einem Titel. Und wer es gerne etwas genauer und differenzierter mag, gelangt mit einem Klick zu den mal mehr, mal weniger aussagekräftigen Rezensionen, die von der umfangreichen Inhaltsangabe eines Buches bis zu einem schlichten „hat mir gut gefallen, würde ich wieder kaufen“ reichen. Die meisten Kundenrezensionen haben allerdings wenig bis nichts mit klassischer Literaturkritik zu tun. In ihnen stehen Faktoren wie Spannung und Unterhaltung sowie die persönlichen Vorlieben des Rezensenten im Vordergrund und weniger die objektive Analyse eines Buches. Für Selfpublisher können diese Rezensionen Gold wert sein, denn inzwischen nutzen viele Leserinnen und Leser die Buchbesprechungen auf Amazon und Co., um sich vor dem Kauf eines Buches über dessen Inhalt und Qualität zu informieren. Selfpublishing-Titeln erhalten dadurch eine Bühne, die ihnen von Seiten der klassischen Literaturkritik bislang verwehrt wird.

Buchblogger

Für manchen Bücherfreund ist das Besprechen von Literatur längst zu einem Hobby geworden, das mit den Möglichkeiten des Internets mehr oder weniger professionell Betrieben wird. Auf Blogs, die Namen wie „Papiergeflüster“, „Weltenwanderer“ oder „54books“ tragen, rezensieren Bloggerinnen und Blogger meist zeitgenössische Literatur und tauschen sich mit ihren Leserinnen und Lesern über die besprochenen Titel aus. Auch bei diesen Rezensionen handelt es sich in der Regel um Laienkritiken, die nicht den Vorgaben der klassischen Literaturkritik folgen. Die meisten der Buch-Bloggerinnen und Blogger erheben auch gar nicht den Anspruch, in die Fußstapfen von Marcel Reich-Ranicki treten zu wollen. In ihren Rezensionen stehen die Unterhaltung ihrer Leser und die Dokumentation des eigenen Lesehobbys im Vordergrund. Sie sind direkt, emotional, subjektiv und damit aber auch absolut authentisch, wie eine Leseempfehlung unter Freunden. Auch wenn in manchen Fällen die Auseinandersetzung mit einem Werk nur oberflächlich stattfindet, sind Bücher-Blogs damit oft näher an der Realität vieler Leser, als die klassische Literaturkritik aus dem Elfenbeinturm des Feuilletons

BookTuber

Neben den Buchbesprechungen auf dem eigenen Blog, präsentieren viele Bloggerinnen und Blogger ihre Leseempfehlungen auch in eigenen Video-Clips. Als sogenannte BookTuber stellen sie ihre Lieblingsbücher auf Plattformen wie YouTube vor. Inhaltlich unterscheiden sich die dortigen Rezensionen kaum von denen eines Bücher-Blogs. Es sind Buchbesprechungen von Fans für Fans, in denen es weniger um objektive Kritik, sondern um Emotionen, Unterhaltung und manchmal auch um die Selbstinszenierung der Hobby-Rezensenten geht. Die Bücher werden hier in der Regel spontan vor laufender Kamera rezensiert, wobei einem bunten Cover mit Glitzerschrift auch einmal gerne mehr Zeit gewidmet wird, als dem eigentlichen Inhalt des Buches. Die inhaltliche und qualitative Bandbreite der einzelnen Beiträge ist dabei relativ groß. Sie reicht von Videos, in denen neben dem neuesten Lippenstift auch noch der aktuelle Lieblingsvampirroman präsentiert wird, bis zur professionell gescripteten Literatursendung.

Die Demokratisierung der Literaturkritik

Man mag die Selbstinszenierung manches BookTubers kritisieren und viele Rezensionen auf Bücher-Blogs für oberflächlich halten. Trotzdem leisten sowohl BookTuber als auch Buch-Blogger mit ihren niedrigschwelligen wie glaubwürdigen Buchbesprechungen einen wichtigen Beitrag auf dem Gebiet der Literaturvermittlung. Entgegen der Meinung manches Literaturkritikers, stellen sie dabei keine Bedrohung für die klassische Literaturkritik dar oder versuchen gar diese zu verdrängen. Blogs und YouTube-Channels sind eine Bereicherung auf dem Gebiet der Buchrezension aber kein Ersatz zur Literaturkritik des Feuilletons. Sie dienen dem Leser zwar ebenfalls zur Orientierung innerhalb des Buchmarkts, nutzen hierzu aber andere Mittel, behandeln andere Bücher und sprechen wahrscheinlich sogar ein anderes Publikum an. Nicht zu Letzt sind sie ein Indiz für die Demokratisierung der Literaturkritik und geben außerdem Auskunft, was das Lesepublikum von der Literaturkritik der Zukunft erwartet: Mehr Nähe zum Leser und mehr Offenheit gegenüber Neuem, wie zum Beispiel dem Selfpublishing. Kurz gesagt Literaturkritiken, die man tatsächlich gerne lesen möchte.

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