Was ist eigentlich Literaturkritik?

Literaturkritik ist die „(wissenschaftliche) Beurteilung (zeitgenössischer) Literatur“ – zumindest laut Duden. Das Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte fasst die Definition schon etwas weiter: „Literaturkritik ist jede Art kommentierende, urteilende, denunzierende, werbende, auch klassifizierend-orientierte Äußerung über Literatur […]“[1] Richtig klar wird der Begriff dennoch nicht – was genau zeichnet Literaturkritik aus? Nach welchen Kriterien verfassen Rezensenten Kritiken und wie ist Literaturkritik eigentlich entstanden?

Definition

Unter der Literaturkritik versteht man den Definitionen zufolge die Besprechung und Beurteilung von Literatur, meist literarischer Neuerscheinungen. Die Buchkritik wird dabei in Literatur- und Fach- bzw. Sachbuchrezension aufgeteilt und fällt in das Arbeitsgebiet von Literatur- und Kulturredakteuren, Feuilleton- oder Medienjournalisten. Durch die Entstehung des Web 2.0 und die Digitalisierung breitete sich die Literaturkritik jedoch auf weitere Rezensentenkreise aus. Näheres dazu wird im Artikel „BookTuber und Buch-Blogger – Neue Wege für die Literaturkritik“ erläutert, der am 08. Juli erscheint. In diesem Artikel wird sich mit der „klassischen“ Auffassung von Literaturkritik und deren Entstehung beschäftigt.
Die vorrangige Aufgabe der Literaturkritiker ist es, zwischen Autor und Publikum zu vermitteln. Um es mit Worten der bekannten Literaturkritikerin Sigrid Löffler zu sagen: „Der Kritiker schreibt nicht um des Autors willen, sondern um des Publikums willen […] Er ist Vermittler zwischen dem Buch und dem Publikum.“[2] Wichtig ist es dabei, ein gutes Gespür für die Zielgruppe zu haben. Diese kann sich stark unterscheiden, je nachdem ob man für eine literarische Fachzeitschrift, eine Kinderzeitung oder das Feuilleton einer Tageszeitung schreibt. Der entsprechenden Zielgruppe werden Werke vorgestellt, ein Werturteil ist dabei oft Bestandteil der Literaturkritik, dennoch soll der Kritiker nicht einfach sagen, ob das Buch nun gut oder schlecht ist. Er soll es in erster Linie beschreiben, beurteilen, interpretieren und Kriterien nennen, die es dem Publikum erlauben, ein eigenes Urteil zu fällen. Literaturkritik ist immer auch subjektiv geprägt. Denn die Wirkung eines Buches auf den Kritiker ist abhängig von persönlichen Einstellungen und Erfahrungen, von seinem Charakter und seiner momentanen emotionalen Verfassung. Dabei spielen beispielsweise negative oder positive Erfahrungen mit dem Autor, der Thematik oder Ähnlichem eine Rolle. Der Rezensent ist davon beeinflusst, umso professioneller er arbeitet umso besser kann er diese Einflüsse jedoch in den Hintergrund stellen bzw. geschickt für seine Kritik nutzen. Denn, Kritik kann ruhig emotional gefärbt, humoristisch, polemisch oder sarkastisch sein. Eine vorgegebene Darstellungsweise gibt es nicht. Wichtig ist nur, dass der Leser am Ende überzeugt wird und die Kritik gut begründet ist, sodass sie vom Leser nachvollziehbar ist.

Maßstäbe

Fachbücher sind relativ objektiv zu rezensieren. Hier geht es vor allem um sachliche Richtigkeit, zielgruppenadäquate Darstellung und fachliche Relevanz.[3] Das sind messbare Kriterien, die der Kritiker abarbeiten und für den Leser untersuchen und darstellen kann. Schwieriger wird es bei literarischen Werken. Hier sind objektive Standards kaum gegeben. Man kann sich zwar auf objektive Wertmaßstäbe wie die Beurteilung des Gesamtkomplexes des Werkes, die Form oder die Sprache einigen.[4] Mehr als einen Leitfaden hat man aber auch dann nicht zur Hand. Dieser kann durch Informationen über Autor, Entstehungszusammenhang, Inhalt, Gestaltung und Neuigkeitswert ergänzt werden. Dennoch wird nicht jeder Kritiker zu demselben Ergebnis gelangen. Und das soll er auch gar nicht.

Kriterien

Der Literaturwissenschaftler Thomas Anz weist der Literaturkritik zudem folgende Funktionen zu: informierende Orientierung; Selektion; didaktische Vermittlung; didaktische Sanktionierung für Literaturproduzenten (Autoren, Verlage); Reflexions- und Kommunikationsstimulanz und Unterhaltung. [5] Bedenkt der Rezensent diese Punkte, kann Anz zufolge die Funktion der Kritik erfüllt werden und dem Leser dienlich sein. Auch sollte eine Kritik interpretatorische Hilfestellung liefern, die dem Leser wertvolle Hinweise zu Verständnis und Hintergrund des Buches bieten. Dabei ist es wichtig, dass der Kritiker nicht überheblich und allwissend wirkt, er soll nur erklären und sein Urteil darstellen. Diese Gradwanderung kann sehr schwer und zugleich entscheidend für die Qualität der Literaturkritik sein. Der Leser soll schließlich aus der Rezension entscheiden, ob das Buch für ihn lesenswert ist. Die Kritiker sollen (im Bestfall) nicht nur Bücher von renommierten, großen und bekannten Verlagen heranziehen sondern so gut es geht den gesamten Markt überblicken und auch in Kleinverlagen stöbern oder bisher unbekannte Autoren rezensieren. Literaturkritik sollte als Marktkorrektiv verstanden werden. Der Kritiker darf sich nicht von Bestsellerlisten, Auflagenhöhen, PR-Maßnahmen und Werbeinvestitionen beeinflussen lassen.[6] Die Umsetzung ist allerdings recht schwer und richtet sich vor allem nach Zeit, Budget und Interesse des Kritikers.

Entstehung

Zum Schluss muss noch eines geklärt werden: Wann und warum ist Literaturkritik überhaupt entstanden? Die Ursprünge der Literaturkritik wie sie oben definiert wurde, liegen im 18. Jahrhundert. Zur Zeit der Aufklärung wurde der Buchmarkt zunehmend unübersichtlich, die Leser suchten nach Information und Orientierung und wandten sich daher dankend den Rezensenten zu, die ihnen einen Überblick verschafften.
Auch schon im antiken Rom gab es eine Art der Literaturkritik in Form des sogenannten criticus (Richter der Literatur) und des grammaticus (Kenner der Literatur). Diese verwendeten verbindliche Bewertungskriterien aus antiker Rhetorik und Poetik. Hier standen allerdings ausnahmslos Formfragen im Vordergrund, eine Wertung wurde nicht vorgenommen. Im Mittelalter, der Renaissance und dem Barock gab es ebenfalls Literaturkritik, allerdings ist aus dieser Zeit sehr wenig überliefert und wahrscheinlich richteten sich auch diese Kritiker vor allem nach bestimmten Poetiken, in denen Regeln für literarischen Stil und Geschmack aufgestellt wurden. Ebenso können auch inhaltliche Aspekte wie Weltanschauung und Religion bei der Kritik eines Werkes von Bedeutung gewesen sein. Im 19. Jahrhundert wurde die Literaturkritik, angetrieben durch die Alphabetisierung, den expandierenden Buchmarkt und das zunehmende wirtschaftliche Interesse, aufgespalten. Auf der einen Seite stand nun die journalistisch-feuilletonistische Literaturkritik, auf der anderen die akademischinstitutionelle Literaturwissenschaft. Diese Trennung gibt es bis heute.


[1] Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Teil 2. Hrsg. von Harald Fricke. 3., neubearb. Aufl. Berlin: de
Gruyter, 2000.

[2] Löffler, Sigrid: Die versalzene Suppe und deren Köche. Über das Verhältnis von Literatur, Kritik und Öffentlichkeit. In: Literaturkritik. Theorie und Praxis. Hrsg. von Wendelin Schmidt-Dengler. Innsbruck u.a.: Studien-Verlag, 1999. S. 27-39.

[3] Vgl. Kuhl, Miriam: Literaturkritik. In: Fachjournalist 2 (2007), S. 20-24.

[4] Vgl. Ebenda.

[5] Vgl. Literaturkritik: Geschichte – Theorie – Praxis. Hrsg. von Thomas Anz. München: Beck, 2004.

[6] Vgl. Löffler, Sigrid: Die versalzene Suppe und deren Köche. Über das Verhältnis von Literatur, Kritik und Öffentlichkeit. In: Literaturkritik. Theorie und Praxis. Hrsg. von Wendelin Schmidt-Dengler. Innsbruck u.a.: Studien-Verlag, 1999. S. 27-39.

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Ein Kommentar zu “Was ist eigentlich Literaturkritik?

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