Lektorinnen und Lektoren – woher sie kommen und was sie machen

Worin besteht eigentlich die Arbeit eines Lektors und woher kommt dieser Beruf überhaupt? Das und noch mehr wird uns heute Lina Erhard in ihrem Gastbeitrag erklären.

Das Wort Lektor – von lateinisch „lector“ also „Leser“ – erweckt oftmals die Vermutung, die Tätigkeit von Lektoren in Verlagen sei darauf beschränkt, Manuskripte zu lesen, zu beurteilen und direkt am Text zu arbeiten. Tatsächlich reicht das Aufgabenfeld eines Lektors jedoch weit über diese Tätigkeit hinaus. Doch wo beginnt die Geschichte des Lektors, wie wird man Lektor, welche Fähigkeiten benötigt man in diesem Bereich, welche Aufgaben gehören zu seinem Tätigkeitsgebiet und wie unterschieden sich fest angestellte und Freie Lektoren?

Geschichtlich

Der allgemeine wissenschaftliche, technologische, soziale und kulturelle Wandel um ca. 1900 wirkte sich auch auf die Strukturen des Verlagswesens aus. Durch die technischen Innovationen im Bereich des Druckwesens (Schnellpresse, Rotationsmaschine, Setz- und Gießmaschinen, Holzschliff in der Papierherstellung) wurde eine schnellere, aktuellere und günstigere Produktion von Druckwerken möglich. Der Anstieg der Bevölkerungsdichte und bildungspolitische Maßnahmen führten dazu, dass zum ersten Mal auch ein Massenpublikum für den Buchmarkt entstehen konnte. Diese Entwicklung brachte weiterhin eine Heterogenität des Publikums und eine Vielfalt literarischer Strömungen mit sich. Verleger konnten sich für ihre Veröffentlichungen nicht mehr nur an einem vorgegebenen Wertekanon ausrichten und mussten sich zunehmend an ihren eigenen Wertvorstellungen und den Vorlieben des Lesepublikums orientieren. Mit steigendem Konkurrenzdruck gegenüber anderen Betrieben des herstellenden Buchhandels, war es Verlegern nicht mehr möglich alle anfallenden Aufgaben der Qualitätssicherung alleine zu bewältigen. War der Verleger bis dato sowohl für Herstellung, kaufmännische Tätigkeiten, die Arbeit am Manuskript, Werbemaßnahmen sowie die Betreuung seiner Autoren zuständig, so wurde durch die steigende Anzahl von Themengebieten, Titeln und Konkurrenzbetrieben nun die Ausdifferenzierung der Arbeitsteilung notwendig, um sich an diese marktökonomischen Bedingungen anzupassen. So entstand ein Bedarf an Mitarbeitern für die Programmbildung (literarische Berater), die Autorenbetreuung, die Manuskriptlektüre und die Werbe- und Pressearbeit und somit auch für die Tätigkeiten eines Lektors. Über die Jahre entwickelte sich das Berufsfeld des Lektors weiter und etablierte sich in der Nachkriegszeit der 50er Jahre endgültig als feste Bezugsgröße in den Verlagen.

Heute

Bis heute besteht kein eindeutig vorgeschriebener Bildungsweg für den Beruf des Lektors. Möglichkeiten des Einstiegs ergeben sich durch eine Aus- und Weiterbildung im Buchhandel oder Verlagswesen sowie durch ein Studium häufig im Bereich der Geisteswissenschaften (Buch- Medien-, Literatur-, Sprachwissenschaft, Journalismus, Philosophie) oder auch im Bereich der Wirtschaftswissenschaften. Studienbegleitende Praktika, Volontariate oder Traineestellen können letztendlich den Eintritt in das Berufsleben erleichtern. Um das vielfältige Tätigkeitsfeld eines Lektors zu bewältigen sind Qualifikationen, wie eine ausgeprägte Allgemeinbildung, Kommunikationstalent, Durchsetzungsstärke, Organisationstalent, Marktorientierung, Urteilsvermögen, Sprachkenntnisse sowie auch Herstellungskenntnisse und Zahlenverständnis von Vorteil. Zu den Aufgaben der Lektoratsabteilung in Verlagen gehören die Programmplanung (Marktbeobachtung, Programmentwicklung, Akquise), das Projektmanagement (Koordination des Produktionsprozesses), das Autorenmanagement (Akquise und Pflege), und das eigentliche Arbeiten am Text (Beurteilung und Bearbeitung von Manuskripten). Das Lektorat koordiniert vorhandene Projekte mit allen anderen Abteilungen und fungiert somit innerhalb von Verlagen als Schaltzentrale des gesamten Veröffentlichungsprozesses.

Alltag eines Lektors, einer Lektorin

Das Lektorat ist mitverantwortlich für die Gestaltung des Verlagsprogramms. Bei sinkenden Auflagenzahlen pro Titeln und einem immer kürzer werdenden Produktlebenszyklus ist es notwendig die knappe Aufmerksamkeit der Leser im Markt zu erkämpfen. Das Lektorat muss also innerhalb der zahlreichen Novitäten weitere gut verkäufliche Titel akquirieren, die Marktlücken und Nischen abdecken, aktuellen Trends und Vorlieben der Leser entsprechen und zusätzlich zur Produkt- und Programmpolitik des Verlages passen. Hierbei ist eine gute Urteilsfähigkeit notwendig, da qualitativ gute Manuskripte nicht unbedingt in ausreichender Quantität verkäuflich sind und genauso als mangelhaft eingestufte Manuskripte gute Verkaufschancen besitzen können (Beispiel Harry Potter). Je nach Verlag steht bei der Entscheidung für oder gegen ein Projekt der potentielle geschäftliche Erfolg gegenüber dem Renommee und den ethischen Werten eines Verlages. Akquiriert werden können neue Projekte einerseits passiv, durch die große Zahl an unverlangten Einsendungen von Manuskripten, bei denen die Wahrscheinlichkeit auf Veröffentlichung jedoch höchst gering ausfällt. Auf der anderen Seite steht die aktive Projektakquise durch die Mitarbeiter des Lektorates. Hierfür ist der Aufbau und die Pflege eines dichten Beziehungsletztes zu Autoren, Journalisten, Literaturagenten und anderen Verlagskollegen wichtig, um von neuen Projekten zu erfahren. Zusätzlich können Literaturagenten oder Scouts direkt beauftragt werden, um passende Autoren für bestimmte angestrebte Thematiken zu finden, neue inhaltliche Projekte zu akquirieren und Lizenzen auf dem ausländischen Markt einzuholen. Auch Buchmessen, Recherche innerhalb von Programmvorschauen der Konkurrenzverlage und innerhalb der Branchenpresse sind wichtige Instrumente der Marktbeobachtung. Nicht zuletzt ist die Beobachtung der Interessen der Zielgruppe in den entsprechenden Medien zu beachten. Wird schließlich ein Projekt begonnen, so kooperiert das Lektorat im Hinblick auf Absatzschätzung, Kosten, Erlöse, Preisgestaltung, Zielgruppen, Verkaufsargumenten, Ausgestaltung des Werkes, mit den Abteilungen, wie Controlling, Vertrieb, Marketing, Presse, Herstellung und ist bei der Termin- und Ressourcenplanung ausgiebig beteiligt.

Autorenbetreuung

Ein zentraler Punkt innerhalb des Lektorats ist neben der Autorenakquise auch die Verhandlung mit den Autoren über Konditionen des Verlagsvertrages, aber auch die Ausgestaltung des Buchprojektes und die Terminabsprache. Hierbei müssen die unterschiedlichen ökonomischen und thematischen Interessen des Verlages auf der einen Seite und der Autoren auf der anderen Seite ausgelotet und ausgeglichen werden.  Diese Zusammenarbeit fordert eine hohe Kommunikationsstärke und eine Feinfühligkeit gegenüber dem Autor, da der Lektor hierbei oft mit schwierigen und eigenwilligen kreativen Charakteren zusammenarbeitet. Die Beziehungspflege zu den Autoren beinhaltet neben dem Informationsfluss über den Verlag, zu Entwicklung, Produktion, Vermarktung sowie Verkaufszahlen zu den Buchprojekten auch das Ausrichten von Veranstaltungen für die Autoren bis hin zu Geburtstags- und Weihnachtsgrüßen. Der Lektor muss einen Zugang zum Autor und somit eine ausreichende Basis finden, um die Interessen des Verlags gegenüber dem Autor durchzusetzen ohne dass der Beziehung geschadet wird.

Manuskriptarbeit

Die tatsächliche Arbeit am Manuskript ist, wie schon zu Beginn erwähnt, ebenfalls Teil des Aufgabenbereiches des Lektorates. Dazu gehört einerseits die inhaltliche Arbeit am Text. Das Lektorat übernimmt hier die Überprüfung der Stimmigkeit und Logik des Inhaltes, der Handlungsstränge und Charaktere. Weiterhin sollte die Richtigkeit der enthaltenen Informationen gegeben sein. Stilistisch ist die Prüfung der Kombination von Sprachstil und Genre von Bedeutung, die Anpassung überflüssiger oder zu wenig ausgeführter Textpassen und eine insgesamt verständliche, unterhaltsame und zielgruppengerechte Präsentation des Textes notwendig. Letztendlich muss die grammatikalische und orthographische Richtigkeit gegeben sein. In einem gesonderten Arbeitsgang sollten also korrekte Satzbezüge, Tempora, Rechtschreibung und Interpunktion geprüft werden. Wichtig ist, dass bei der gesamten Arbeit am Manuskript der Stil des Autors nicht gänzlich verloren geht und trotz Überarbeitung von inhaltlichen oder formalen Unstimmigkeiten die Intention des Autors erhalten bleibt.

Es kann also insgesamt zwischen einem akquirierenden Lektorat, das für konzeptionelle Aufgaben zuständig ist und einem redigierenden Lektorat, das direkt am Manuskript arbeitet und inhaltliche, sprachliche und formale Bearbeitungen von Manuskripten beinhaltet, unterschieden werden.

Der Freie Lektor

Wo liegt nun der Unterschied des fest angestellten Lektors zum Freien Lektor? Freie Lektoren sind Dienstleister, die einzelne anfallende Tätigkeiten aus dem Bereich des Lektorates ausgelagert für Verlage übernehmen. Das Angebot unterliegt einer ständigen Ausdifferenzierung, Professionalisierung und Qualitätssteigerung, die mit den Entwicklungen in der Verlagsbranche einhergeht. Freie Lektoren übernehmen beispielsweise ebenso wissenschaftliche Lektoratsarbeiten für spezialisierte Themengebiete und Fachverlage oder für Privatpersonen (Selfpublisher). Auch das Werbelektorat wird in diesem Bereich immer wichtiger. Hier werden für Werbe- und PR Agenturen, Grafikbüros oder andere Unternehmen, Produkte, wie Anzeigen, Broschüren, Kataloge, bis hin zu Webauftritten lektoriert. Dennoch decken sie nur Teilaspekte der Arbeit im Verlag ab und sind nicht in die projektübergreifende Ziel- und Programmgestaltung, Budgetierung oder Koordination mit weiteren Abteilungen involviert. Insgesamt liegt der Unterschied zu fest angestellten Lektoren also darin, dass sie nicht in die Verantwortung und den Arbeitsalltag des Verlagsgeschehen eingebunden sind. Freie Lektoren koordinieren und strukturieren ihre Arbeit hautsächlich selbstständig, benötigen also ein hohes Maß an Selbstdisziplin und Eigenmotivation, um die Büroorganisation, die finanzielle Planung und Absicherung und die Akquisition von Aufträgen eigenständig abzuwickeln. Für Freie Lektoren ist eine kontinuierliche Beziehungspflege mit Verlagen oder Autoren besonders wichtig, von denen neue Aufträge erwartet werden können. Mittels Freier Lektoren kann für jede Aufgabe und jedes Projekt genau das richtige und spezifische Know-how gefunden werden, trotz der kleinen vorhandenen Belegschaft vieler Verlage.

Die Gesamtheit der aufgezeigten Tätigkeiten im Bereich der Lektoratsarbeit stellt einen „Dienst im Hintergrund“ dar, der jedoch grundlegend an der Akquise, Entstehung, Überarbeitung, Produktion, Vermarktung und dem Verkauf von Buchprojekten beteiligt ist. Im Lektorat laufen alle Fäden der Buchproduktion zusammen. Deshalb ist und bleibt die Tätigkeit des Lektors – ob integriert im Verlag oder über freie Lektoren – eine wichtige Aufgabe im Bereich des Verlagswesens, die sich kontinuierlich weiterentwickelt und an den Veränderungen und Erfordernissen des Marktes anpasst.

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Ein Kommentar zu “Lektorinnen und Lektoren – woher sie kommen und was sie machen

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