Hut ab – ob man schreiben lernen kann?

Dies ist ein Gastbeitrag von Sonja Faußner, die uns in einem interessanten Beitrag voller ungeklärter Fragen ihre Meinung darlegt, ob man schreiben denn lernen kann – oder genauer ob DU schreiben lernen kannst und wie du möglicherweise auf den Pfad dahin gelangst.

Er sieht mir in die Augen, beobachtet, taxiert mich, bevor er sich zu mir herunterbeugt und mir hastig einen keuschen Kuss auf die Lippen drückt. (E. L. James)

Das gesuchte Französisch, in dem unsere Vorfahren nicht nur redeten, sondern auch dachten, sprach er mit jener leisen, gönnerhaften Intonation, wie sie typisch ist für den in der Gesellschaft und bei Hofe alt gewordenen bedeutenden Mann. (L. N. Tolstoi)

Ein gelber Schlafrock mit offenem Gürtel bauschte sich leicht hinter ihm in der milden Morgenluft. Er hielt das Becken in die Höhe und intonierte: – Introibo ad altare Dei. (J. Joyce)

Während die Maschine zum Stillstand kam, die Leute ihre Sicherheitsgurte lösten und ihre Taschen und Jacken aus den Gepäckfächern nahmen, stand ich im Geist mitten auf einer Wiese. (H. Murakami)

Betreten durfte man das Institut nur in Pantoffeln. (Umberto Eco)

Roger verwandelte sich aus dem Schwein in einen Jäger, sodass die Mitte des Ringes frei war. (W. Golding)

Mit einer Hand fuhr ich leicht über die perfekt modellierte Muskulatur seines Armes und  folgte dem blassen Muster der bläulichen Adern an seiner Innenseite. (S. Meier)

Was haben die Passagen gemeinsam? Alle wurden einmal als genial, alle wurden ein andermal als Mist bezeichnet. Welche Aussage ist wahr? Keusche Küsse können Emotionen wecken, einen wohligen oder abfälligen Seufzer beim Leser hervorrufen. Lange Sätze können den Leser fordern oder nerven. Bewusstseinsströme können brillant und undurchschaubar sein. Surrealistische Texte können zum Träumen oder Alpträumen einladen. Kurze einfache Sätze können gut oder zu simpel sein. Wirre Ideen können zum Klassiker werden oder als zu absurd empfunden werden. Genaue Beschreibungen können der Blick auf das Einzelne oder zu klischeehaft sein. Haben diese Autorinnen und Autoren so zu schreiben gelernt?

Kannst du es denn lernen? Ich sage nein, du kannst es nicht. Wie auch? Dein Kopf ist voll Ideen, wirrer Gedanken, genialer Geistesblitze, Schrott, alles davon willst du auf Papier bringen. Kann jemand anders dein Chaos ordnen? Oder soll überhaupt jemand Zensur ausüben? Kannst du dann je etwas Reines, Kreatives gebären? Sei frei, phantasiere, probiere aus, geh fremde Wege, scheiß auf Richtig oder Falsch!

Ich sage ja, du kannst es. Wenn du davon ausgehst, mit Schreiben ist ein Roman gemeint. Ein Buch mit deiner Geschichte, die du nach außen tragen willst. Das andere Schreiben hast du in der Schule gelernt. Hast du dort auch gelernt, was ein Plot ist? Oder was du bei deinen Figuren beachten musst? Oder hast du dort gelernt, deine blinden Flecken selbst zu erkennen? Ob deine Geschichte Sinn ergibt? Taste dich an dein Instrument heran, lerne die Noten, die Griffe, die Kompositionen, die Werkzeuge!

Die Wahrheit liegt dazwischen, es gibt Kritiker und Befürworter. Je nachdem woran du glaubst, die Genialität des Einzelnen, das ewige Lernen?

Ich halte es für sehr hilfreich, meine Projekte professioneller Kritik auszusetzen. Deswegen verliere ich meinen Stil, meine Idee nicht. Aber ich werde gezwungen, mir mehr und mehr Gedanken darüber zu machen. Was bedeuten Räume in Büchern? Wie werden Figuren rund, lebhaft, real, einzigartig? Habe ich ein Grundthema? Welches Dilemma gibt es in meinem Buch? Wie sehen Spannungsbögen aus und wie kann ich sie noch spannender machen? Was bedeutet Sinnlichkeit? Was soll mein Leser / meine Leserin hören, schmecken, fühlen, tasten, riechen? Ist meine Protagonistin ein Antiheld? Oder einfach nur ein Arschloch? Für wen schreibe ich? Warum schreibe ich? Wie hängt das mit meiner Biografie zusammen? Welche Biografien haben meine Figuren? Was macht Dialoge aus? Welche Sprache spricht meine Figur? Welche Gegenspieler hat meine Protagonistin? Ist sie es selbst? Wie recherchiere ich gut? Was ist ein Want, was ist ein Need und warum ist das wichtig für meine Geschichte? Welche Veränderungen gibt es?

Verwende ich Klischees? Ergibt der Satz, die Geschichte, die Figur keinen Sinn? Verwende ich zu viele Adverbien? Klingen die Dialoge gekünstelt? Versteht niemand irgendetwas? Beschreibe ich jede Kleinigkeit, ohne etwas dabei auszusagen? Ist die Rechtschreibung, der Satzbau falsch? Sind die Perspektivwechsel unsinnig? Wenn du das von alleine kannst, Chapeau!

Aber muss ich das alles überhaupt wissen, um gut zu schreiben? Um erfolgreich zu Schreiben jedenfalls nicht, da kennen wir genug Beispiele. Und genug Bücher, die erst viel später erfolgreich waren oder gute Kritiken bekamen. „Gut schreiben“ hängt viel vom Zeitgeist, von unserer persönlichen Entwicklung, unserem Wissensstand, unseren Neigungen ab. Jeder einzelne definiert einen Roman als gut oder schlecht, uninteressant, interessant. Herausfordernd oder leicht verdaulich.

In diesem Sinne.

Schreibt! Lernt!

Schreibt! Macht Euer Ding!

Schreibt! Schreibt!

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