Anja Bönsch: „Ich verarbeitete mein eigenes Trauma“

Fabienne Franz

Gestern haben wir euch unser neues Fundstück „Ich sag dir, wann du stirbst“ von Anja Bönsch vorgestellt – heute folgt das Interview mit der Autorin. Sie erklärte im Gespräch mit spubbles unter anderem, wie sie mit dem Thema Depression umgeht, wieso sie einen Thriller aus ihren persönlichen Erfahrungen mit der Krankheit gemacht hat und warum es wichtig ist, die Öffentlichkeit im Umgang mit Depressionen zu sensibilisieren.

Spubbles: Auf Ihrem Blog schreiben Sie, dass sie selbst gerne lesen und offen für verschiedene Genres sind. Warum entschieden Sie sich bei Ihrem aktuellen Buch für das Thriller-Genre?

Anja Bönsch: Zu dieser Geschichte passt das Genre, und da ich persönlich nicht jammern wollte, habe ich diese sehr spannende, ungewöhnliche, dennoch gefühlvolle Story als Thriller geschrieben. Mit Burnout und Depression verbindet die Gesellschaft viel „Jammerei“. Dem möchte ich widersprechen.

Wie kamen Sie dazu, die Themen Burnout und Depression in einen Thriller zu verpacken?

Burnout und Depression sind „harte“ Krankheiten und Zustände! Ein „weiches“ Genre, wie z. B. eine Liebesgeschichte, hatte ich persönlich als unpassend empfunden. Ich wollte meine doch sehr außergewöhnliche Idee in die Tat umsetzen. Etwas schreiben, was es so noch nicht gibt. Die Story ist sehr perfide. Kein Mensch, so hoffe ich doch, heuert einen Auftragskiller an, um sich selbst umbringen zu lassen. Der Hintergrund der Geschichte konnte so wunderbar mit den Gefühlen von Maria vermittelt werden. Der innigste Wunsch zu Sterben und doch überleben zu wollen.

Wie sah Ihre Recherche für das Buch aus?

In dieser rein fiktiven Geschichte sind größtenteils meine eigenen Erfahrungen und Gefühle, als seinerzeit selbst Betroffene, beschrieben. Auch habe ich Erzählungen und Zustände von Bekannten verwendet und sah deutliche Parallelen mit meinen eigenen Empfindungen. Teilweise wird in dem Buch meine Seele gespiegelt. Ich verarbeitete mein eigenes Trauma.

Haben Sie lange am „Schurken“ gearbeitet? Wie sind Sie auf diesen Charakter gekommen?

Ich habe nicht sehr lange am „Boss“ gearbeitet. Dieser Protagonist entspricht genau meinen persönlichen Vorstellungen eines miesen Charakters. Sehr klug, nach außen hin zeigt er sich als Lebemann und Chef eines erfolgreichen Unternehmens. Er versteht es, seine dunkle Seite im Verborgenen zu halten und agiert in seinem Tun heimlich und zielsicher. Das macht ihn sehr selbstsicher, denn er macht, seiner Meinung nach, keine Fehler. Ich wollte ihn als personifizierten „Übermenschen“ in allen Facetten zeigen. Unnahbar und doch voller Sehnsucht nach etwas Geborgenheit und Liebe im Leben.

Was wollten sie vordergründig mit dem Buch erreichen?

Ich wollte für Verständnis der Krankheiten, die sich durch den geforderten Leistungsdruck weiter ausbreiten, werben. Auch das Betroffene sich Hilfe holen. Mir war auch wichtig, an der Protagonistin Anna-Lena zu zeigen, dass es wirklich jeden treffen kann. Anna-Lena ist eine bodenständige Frau, die schon vieles als Polizistin gesehen und erlebt hat. Es trifft sie plötzlich und unerwartet. Einige Feedbacks von Selbst-Betroffenen beschreiben, dass sie sich in den Gefühlen und Leiden der Protagonisten selbst wiederfinden. Das Buch hat einigen Lesern Kraft und Mut gegeben sich der heimtückischen Krankheit zu stellen und nicht mehr zu verstecken.

Wer war das von Ihnen anvisierte Publikum?

Ich spreche alle Menschen an, die gerne lesen und neugierig auf eine ungewöhnliche Geschichte sind. Auch erhoffe ich mir, dass ich damit die Stigmatisierung der Gesellschaft ein wenig eindämmen kann. Auch teile ich Solidarität mit missbrauchten und vergewaltigten Frauen. Ich will zeigen, dass es nach einem schrecklichen Erlebnis weiter geht und diese nicht den Mut ihren weiteren Lebensweg zu gehen, verlieren sollen.

Wie reagierte ihr Umfeld auf das Buch? Es gibt ja einige Stellen, die etwas prekär sind.

Mein persönliches Umfeld reagierte teilweise geschockt und auch neugierig. Sie kamen mit vielen Fragen auf mich zu. Auch ich verstand es für lange Zeit eine künstliche Fassade aufrecht zu halten. Viele in meinem Umfeld verstehen jetzt besser. Die etwas prekären Stellen verknüpfen wunderbar die gesamte Geschichte und zeigen die dunkle Seite, aber auch die Sehnsüchte der Menschen. Einfach mal loszulassen und den Gefühlen Freiraum geben.

Und als letzte Frage: Sind Sie zufrieden mit Tredition als Dienstleister und Verkäufer Ihres Buchs?

Ja, ich bin sehr zufrieden. Es wurde nach der Veröffentlichung viel Pressearbeit geleistet. Alles Weitere liegt, als Selfpublisher, in meinen Händen.

 

 

 

 

 

 

Advertisements

kommentieren

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s