Vorsicht Fehler!

Ein Kommentar zu Amazons geplantem e-book Warnsystem von Lukas Lieneke

Qualitätssicherung ist per se etwas Tolles, auch beim Selfpublishing. Hier auf spubbles haben wir uns bereits öfter mit diesem Thema beschäftigt und dabei auch regelmäßig für eine verbesserte Qualitätskontrolle bei selbstpublizierten Werken plädiert. Nun hat sich auch Amazon der Sache angenommen und eine Qualitätsoffensive für seinen Kindle-Store angekündigt.

Konkret gestaltet sich diese wie folgt: Ab dem 03. Februar sollen e-books, die zu viele Fehler aufweisen, mit einem entsprechenden Warnhinweis gekennzeichnet werden. Titeln mit gravierenden Formatierungsfehlern oder irreführenden Inhaltsangaben droht sogar die Entfernung aus dem Kindle-Shop. Laut GoodEreader habe der Konzern seine Autoren bereits per Mail über die neuen Qualitätsrichtlinien informiert, außerdem findet sich ein extra Guide to Kindle Content Quality auf der KDP-Homepage. Die Neuerung soll zunächst nur für den US-Store des Konzerns in Kraft treten, ob eine ähnliche Regelung zukünftig auch für die deutschen Shop geplant ist, steht derzeit noch nicht fest.

Kindle-Nutzer haben bereits seit einiger Zeit die Möglichkeit Amazon auf Fehler in e-books hinzuweisen. Die betroffenen Autoren werden in diesem Fall über die in ihren Werken auftretenden Mängel informiert und erhalten die Möglichkeit die angemerkten Fehler zu beheben und das e-book anschließend in korrigierter Form erneut zum Kauf anzubieten. Die zuvor ausgesprochene Warnung wird anschließend von Amazon aufgehoben. Doch trägt ein solcher Warnhinweis tatsächlich zur Qualitätsverbesserung von selbstpublizierten e-books bei? Lässt er sich überhaupt realistisch umsetzen?

Genaue Fehleranalyse nur begrenzt möglich

Zweifelsohne gehören gewisse Qualitätsprobleme immer noch zu den Kinderkrankheiten des Selfpublishing. Es gibt auch mehr als nur ein paar Autoren, denen man am liebsten ihr Manuskript so lange um die Ohren hauen würde, bis sie einsehen, dass eine korrekte Orthografie (von Dingen wie Typografie oder Covergestaltung mal ganz abgesehen) für ein Buch genauso wichtig ist wie eine gute Story. Dass das von Amazon geplante Konzept einen echten Fortschritt auf dem Gebiet der Qualitätssicherung darstellt, erscheint mir dennoch fragwürdig.

Zunächst einmal bezweifle ich, dass Amazon im Einzelfall die Überprüfung eines e-books auf Fehler überhaupt im geforderten Umfang leisten kann. Denn ein solches Lektorat würde ein enormes Maß an Zeit, Personal und mitunter auch Expertise erfordern, das auch von Amazon kaum zu leisten sein wird. Wahrscheinlicher erscheint da die Kontrolle mit Hilfe eines Computeralgorithmus, der zwar zur simplen Rechtschreibprüfung geeignet, angesichts komplexerer Satzstrukturen oder stilistischer Besonderheiten wie Slang, Dialekt oder absichtlich eingebauter Rechtschreibfehler allerdings an seine Grenzen stoßen dürfte. Es wäre sicher interessant zu beobachten, was eine solche Überprüfung bei einem Buch wie Burgess’ A Clockwork Orange ergeben würde.

Das bewährte Fünf-Sterne-Prinzip

Generell stellt sich mir auch die Frage nach der Notwendigkeit eines solchen Warnsystems. Es ist nicht so, dass ich es nicht ebenfalls begrüßen würde, vor dem Kauf eines e-books über dessen Mängel informiert zu werden. Allerdings besitzt Amazon bereits ein etabliertes Rezensionsmodell, in dem Kritikpunkte wie eine miserable Rechtschreibung benannt und entsprechend mit Sternabzug bestraft werden können. Derlei negative Rezensionen sollten sich eigentlich als mindestens genauso abschreckend erweisen wie ein von Amazon ausgestellter Warnhinweis.

Es ist ohnehin gut möglich, dass die meisten Kindle-Kunden niemals einer solchen Warnmeldung begegnen werden. Bei den meisten Büchern in den Top 1000 der Kindle-Charts handelt es sich immerhin um Publikationen von Verlagen oder professionellen Selfpublishern, bei denen grobe Fehler in Orthografie oder Formatierung zunächst einmal eher unwahrscheinlich sind. Die tatsächlich von Warnhinweisen oder Löschungen betroffenen Titel dürften sich größtenteils irgendwo im Ranking-Nirwana auf einem fünfstelligen Rang bewegen und damit außerhalb des Radars der meisten Leser liegen. Und auch wenn eine gewisse sprachliche Korrektheit bei jedem publizierten Text Voraussetzung sein sollte, so muss auch die Frage erlaubt sein: Darf man an ein im Selfpublishing entstandenes e-book für 99 Cent überhaupt die gleichen Qualitätsansprüche richten, wie an eine Verlagsproduktion?

Verlagstitel und Bestseller als Präzedenzfall

Es dürfte spannend werden, wie Amazon mit fehlerhaften Verlagstiteln (auch sowas soll ja vorkommen) oder sogar Bestsellern umgehen wird. Werden diese ebenfalls konsequent mit einem Warnhinweis abgestraft oder sogar gelöscht? Ganz glauben kann ich das noch nicht, schließlich ist Amazon immer noch ein Online-Händler, der mit seinen e-books Geld verdienen will, und das dürfte sich deutlich schwieriger gestalten, wenn diese durch Warnhinweise gebrandmarkt wurden.

Generell ist gegen die Idee einer Qualitätsoffensive im e-book Bereich sicherlich nichts einzuwenden. Langfristig könnte dieses Format dadurch eine neue Aufwertung erfahren und Vorurteile abgebaut werden, was nicht zuletzt dem Selfpublishing zu Gute käme. Was das von Amazon geplante Programm betrifft, bleibe ich dennoch skeptisch. Im besten Fall ist es ein weiterer Schritt zur Etablierung des e-books, im schlechtesten nicht mehr als eine vielleicht gut gemeinte, aber wenig effektive PR-Kampagne.

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