Open Innovation – Selfpublishing-Plattformen als Innovationsmodell

Kann man das Konzept der Open Innovation auf die Buchbranche anwenden? Dieser Frage habe ich im Sommer 2015 meine Bachelor-Arbeit am Institut für Buchwissenschaft der Uni Mainz gewidmet. Grundlage hierfür waren, neben der Forschungsliteratur, Experten-Interviews. In meinen Gesprächen mit verschiedenen Branchenvertretern wurden Selfpublishing-Plattformen häufiger thematisiert – Grund genug, sie heute für spubbles noch mal ganz genau unter die Lupe zu nehmen.

 Das Konzept der Open Innovation

Open Innovation ist eine Strategie des Innovationsmanagements, die vor allem durch Henry W. Chesbrough und sein Werk „Open Innovation. The New Imperative for Creating and Profiting from Technology“[1] geprägt wurde. Allgemein ist mit Open Innovation die Öffnung von internen Innovationsprozessen nach außen hin gemeint. In der aktuellen Wirtschaftslage, die durch hohen Substitutions- und Wettbewerbsdruck geprägt ist, kann Innovation und Innovativität nicht mehr ausreichend gewährleistet werden, wenn sie nur innerhalb eines Unternehmens gefördert wird, vielmehr bedarf es externen Wissens und externer Kräfte. Dadurch wird der Innovationsprozess ein vielschichtiger, offener Such- und Lösungsprozess, der zwischen mehreren Akteuren abläuft, über die Unternehmensgrenzen hinweg. Das befähigt Unternehmen, Aufgaben an Akteure auszulagern, die besondere Kompetenzen haben.[2]

Ansätze in der Buchbranche

Open Innovation wird in der Buchbranche schon diskutiert, die Umsetzung wird von den Experten allerdings unterschiedlich betrachtet. Bei einer Auslegung auf Offenheit bestimmter Prozesse kann schon projektbezogene Arbeit mit einem flexiblen Team als Open Innovation gesehen werden. Wird Open Innovation eher als ein Herauswachsen aus unternehmenszentrierter Sichtweise verstanden, sind Zusammenschlüsse und Kooperationen ein Ansatz – beispielsweise der Aufbau von Selfpublishing-Plattformen im Verbund mehrerer Verlage.

Selfpublishing-Dienstleister im Fokus

Wirft man einen Blick auf die vielen, verschiedenen Selfpublishing-Plattformen in Deutschland, fällt recht schnell auf, dass einige der Dienstleister aus einem Verlagshaus entsprungen sind und es sich um Tochterunternehmen großer Firmen handelt. Zum einen seien an dieser Stelle neobooks und epubli genannt, die beide zu der Holtzbrinck Deutsche Buchverlage GmbH gehören und in diesem Jahr sogar gemeinsam unter das Dach von Holtzbrinck Digital gefasst werden. Neobooks war zunächst eine Akquiseplattform für Droemer Knaur und veränderte sich erst 2012 zu einer Selfpublishing-Vertriebsplattform. Zum anderen der Selfpublishing-Dienstleister Ruckzuckbuch: Ruckzuckbuch.de ist neben BoD am längsten im Bereich Selfpublishing tätig und bietet schon seit 2000 Book-on-Demand-Dienstleistungen für Selbstpublikationen an. Auch dieser Dienstleister ist eng mit einem Verlagshaus verbunden: Monsenstein und Vannerdat.

Innovationskraft durch Öffnung

Droemer Knaur liefert mit neobooks ein gutes Beispiel dafür, wie die Autorenakquise aus dem eigentlichen Verlagsgeschäft ausgegliedert werden könnte. Weil dies zu Beginn aber eher schlecht als recht lief wurde schließlich aus einer Akquiseplattform eine Vertriebsplattform. Auch epubli kann man zu den klassischen und etablierten Selfpublishing-Plattformen zählen, die sich vor allem auf den Vertrieb von selbstverlegten Titeln spezialisiert haben. Warum ist dieser Schritt aus dem eigentlich Unternehmen heraus und in ein neues Segment hinein so wichtig für die Innovation des Verlagshauses?

Tom van Endert, Geschäftsführer von Monsenstein und Vannerdat, sagte vor kurzem: „Derzeit öffnen sich die Verlage und gründen eine Selfpublishing-Plattform nach der anderen. Um Bestseller abzuschöpfen? Nein, Sie haben erkannt, dass man hier Geld verdienen kann. Sie lernen dadurch aber auch, zuzuhören und Trends zu erkennen, die sich in einer unabhängigen Szene entwickeln und durchaus ein Publikum finden.[3] Auch andere Stimmen der Branche sind sich einig, dass das Heraustreten aus dem klassischen Verlagswesen und die Gründung von Selfpublishing-Plattformen Verlage stärken und ihnen zum Teil verlorene Innovationskraft zurückgeben können. Unternehmensentwicklerin Marguerite Joly zufolge verändert der Selfpublishing-Boom das Selbstverständnis klassischer Verlage. Außerdem gewinnt die Transparenz in den Autorenbeziehungen sowie der direkte Draht zur Leser-Community an Bedeutung.[4]

Fazit

Diese kurze Zusammenstellung zeigt, dass Verlage durch Selfpublishing-Plattformen durchaus aus ihrer unternehmenszentrierten Sichtweise heraustreten, neue Wege gehen und dafür auch meist ein Team aus Experten auf diesem Gebiet einbeziehen, zumindest werden die Tätigkeiten aus dem klassischen Verlagshaus ausgegliedert. Somit schaffen Verlage sich neue Kompetenzen auf einem stetig wachsenden Markt. Nach der oben aufgestellten Definition lassen sich Selfpublishing-Plattformen, die unter dem Dach einer Verlagsmarke stehen, als Open Innovation-Konzepte fassen. Auch kann gesagt werden, dass Verlage so ihre Innovationskraft stärken und im neuen, aufstrebenden Segment des Selfpublishing mitmischen. Das kann für die Gesamtlandschaft der Buchbranche sehr förderlich sein, zielt Open Innovation doch auch immer darauf ab, Austausch zu schaffen und Wissen über Unternehmensgrenzen hinauszutragen. Am Ende sollten im besten Fall sowohl Autoren, Verlage als auch Leser von der Anwendung dieses Konzepts profitieren – Selfpublishing-Plattformen sind für die Zusammenführung dieser verschiedenen Akteure ein erster Schritt in eine offene und innovative Zukunft.

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Nina Rubach: Open Innovation in der Buchbranche. Ein neues Konzept von Innovationen und sein Niederschlag bei Verlagen und Start-Ups

Mainz: Institut für Buchwissenschaft 2016

58 Seiten

ISBN: 978-3-945883-35-8

8,99€

 


 

 

[1] Chesbrough, Henry W.: Open Innovation. The New Imperative for Creating and Profiting from Technology. Boston: Harvard Business School Press 2003.

[2] Vgl. Piller, Frank u. Reichwald, Ralf: Interaktive Wertschöpfung. Open Innovation, Individualisierung und neue Formen der Arbeitsteilung. 2., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Wiesbaden: Gabler 2009, S. 117.

[3] Wohin entwickelt sich der Selfpublishing-Markt, Tom van Endert? In: Website von Indie-Publishing vom 12.01.2016.

[4] Vgl. Crossover zwischen Verlag und digitaler Szene. In: Website des Börsenvereins vom 31.07.2015.

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