Selfpublishing in Deutschland – Zeitgeistphänomen oder Zukunftsmodell

Ein Gastbeitrag von Sebastian Bröhm

Wie weit ist die Professionalisierung im Bereich des Selfpublishing vorangeschritten und wie könnte sich resultierend aus diesen Erkenntnissen die Zukunft gestalten? Handelt es sich beim Selfpublishing in Deutschland nur um ein Phänomen des (digitalen) Zeitgeistes oder kann davon ausgegangen werden, dass es sich um ein Modell handelt, das die Zukunft der Buchbranche entscheidend mitgestalten wird? Diese Fragen stellten sich zum Ende des „Studienprojekt Selfpublishing“ und wurden inform einer Seminararbeit beantwortet. Hier eine kleine Zusammenfassung:

Der Wunsch beziehungsweise das Herangehen an ein professionelles Arbeiten im Bereich Selfpublishing ist in nahezu allen Bereichen und bei allen Akteuren im Markt erkennbar. Bei den Selfpublishern zeigt sich die zunehmende Professionalisierung neben der Beschäftigung von Lektoren oder Grafikern zur Verbesserung von Texten, Buchcovern oder Satz auch daran, dass sie sich vermehrt an Agenten wenden. „So kommen beispielsweise von den knapp 130 Autoren, die die Münchner Literaturagentin Lianne Kolf betreut, allein 60 aus dem Selfpublisher-Bereich.“[1] Dies ist immerhin knapp die Hälfte.

Bezeichnend dafür, dass dieser Markt an Bedeutung gewinnt, ist das Interesse der Verlage selbst in eigene Selfpublishing-Plattformen zu investieren. Matting prognostiziert, dass Verlage auch weiterhin auf den Selfpublishing-Zug aufspringen werden: „Verlage sehen, was da gerade passiert und fragen sich, wie sie daran teilhaben können.[2] Außerdem dürfe man nicht vergessen, dass Holtzbrinck bereits seit 2007 mit epubli und Droemer Knaur seit 2010 mit neobooks in diesem Bereich sehr aktiv sind.[3] Beim verlagsunabhängigen Publizieren entscheidet der Leser, was gut ist und was nicht, nicht mehr die Verlage. Doch ob diese auf lange oder kurze Sicht ihre Stellung als qualitative Türhüter gänzlich werden einbüßen müssen, ist mehr als ungewiss.

Soll der Selfpublisher den regulären Weg in den stationären Handel finden, müssten sich dafür Personen finden, die sich durch den Dschungel an Veröffentlichungen wühlen und eine Auswahl von ansprechender Qualität treffen. In seinem Artikel „Der YouTube-Literaturbetrieb“ für Zeit Online schreibt Jan Fischer: „Jetzt muss nur noch die Arroganz gegenüber selbstpublizierten Büchern überwunden werden. Und dann muss jemand anfangen, nach den Schätzen zu tauchen.“[4] Vielleicht wäre dies tatsächlich ein Weg, die Hemmschwelle gegenüber Selbstpubliziertem herabzusetzen. Außerdem müsste das Lesepublikum vordergründig auch erst einmal für das Thema Selfpublishing sensibilisiert werden. Schätzungsweise ist vielen Lesern – zumindest denen, die kein digitales Lesegerät besitzen und sich zum Buchkauf auf den einschlägigen Internetseiten bewegen – immer noch nicht bewusst, welch großes Angebot an Titeln es in diesem Bereich mittlerweile gibt und was Selfpublishing überhaupt bedeutet.

Ganz wichtig ist es aber zunächst, dass die Selfpublisher ihre Titel im VlB verzeichnen, damit sie im Buchhandel überhaupt sichtbar sind und wir die Möglichkeit haben, diese Titel zu identifizieren und sie zu bestellen. Es reicht eben nicht, wenn das Buch im Internet steht oder eine Liste des Verlags irgendwo auftaucht. Oftmals gibt es nicht einmal eine Verlagsadresse und wir müssen erst anfragen, wo wir den Titel herkriegen und wie die Konditionen sind. Ganz klar ist auch: Die Konditionen müssen stimmen. […] Ein Selfpublishing-Titel muss sich für uns rechnen wie jeder andere Titel auch.[5]

Eine Möglichkeit, die vermutlich viele Selfpublisher noch nicht in Betracht gezogen haben: Die Vertretung im Buchhandel durch eine allgemein anerkannte Instanz. Ein Vertreter wäre sicherlich eine gute Möglichkeit, um eine Chance zu erhalten, in das Sortiment mit aufgenommen zu werden. Dies stellt natürlich für viele Autoren auch eine finanzielle Frage dar. Zudem hat der Vertreter auch einen gewissen qualitativen Anspruch, an die von ihm repräsentierten Titel.

Das ausgeprägte Bedürfnis nach Selbstverwirklichung und Selbstdarstellung, das in unserer Gesellschaft auch weiterhin zunehmen wird, wird möglicherweise auch dazu beitragen, dass das Selfpublishing in Deutschland weiteren Zulauf bekommt. Dabei wollen viele Autoren aus Überzeugung unabhängig bleiben und sich nicht an Vertragsklauseln binden. Selbstpublizieren bietet mehr Freiheit, auch wenn das (wirtschaftliche) Risiko natürlich ungleich höher ist.

Der Übergang vom Hobby- zum Profiautor ist mittlerweile fließend.

Zudem ist das große Interesse an einer konstanten Kooperation mit dem stationären Buchhandel erkennbar. Eine generelle Präsenz im Buchhandel wäre natürlich eine gute Möglichkeit das Marktsegment Selfpublishing einer breiteren Öffentlichkeit zu präsentieren und somit wachsen zu lassen. Doch diverse Hürden sorgen weiterhin dafür, dass eine langfristige Kooperation noch nicht so recht klappen will. Es wird spannend bleiben, zu beobachten, wie sich diesbezüglich die jeweiligen Parteien einander annähern werden. Die Mayersche Buchhandlung hat nun mit der Präsentation ihres eigenen Selfpublisher-Portals Bookmundo den vielleicht entscheidenden Schritt in die richtige Richtung gemacht.[6] Darüber hinaus bleibt ebenfalls abzuwarten, wie die Verlagsbranche die Veränderungen im Bereich des Selfpublishing aufnimmt und wie sie darauf reagieren wird bzw. welche Synergien sich daraus entwickeln werden.

Die große Kunst wird es weiterhin bleiben, die Spreu vom Weizen zu trennen; also die Bücher aus der Unmenge an Publikationen herauszupicken, die etwas taugen. Bislang existiert immerhin eine Auflistung aller Titel der Mitglieder des Selfpublisher-Verbandes auf der verbandseigenen Website.[7]

 

Dieser Artikel ist die Zusammenfassung der Hausarbeit „Selfpublishing in Deutschland – Zeitgeistphänomen oder Zukunftsmodell?“, die als abschließende Prüfungsleistung eingereicht wurde. Weitere Infos sowie den ausführlichen Text stellen wir gerne auf Anfrage zur Verfügung.


 

[1] Der Tagesspiegel. Sasse, Sabine: E-Books. Die Selfpublishing-Branche boomt. Einige verdienen prächtig, die Mehrheit wenige Euro im Monat [11.07.2014]. [22.08.2015].

[2] Buchreport. Matthias Matting über den deutschen Selfpublishing-Markt [11.07.2013]. [22.08.2015].

[3] Vgl. ebenda.

[4] Zeit Online. Fischer, Jan: Self-Publishing. Der YouTube-Literaturbetrieb. Vom 09.01.2013. [22.08.2015].

[5] Indiepublishing. »Aufgeschlossene Buchhändler sind in der Minderheit« [11.07.2015]. [22.08.2015].

[6] Vgl. BookBytes. Meier, Steffen: Mayersche eröffnet Selfpublisher-Portal Bookmundo. Buchhandel goes Selfpublishing? [13.08.2015]. [22.08.2015].

[7] Vgl. Selfpublisher-Verband. Indie-Bücher von Autoren im Selfpublisher-Verband. [22.08.2015].

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