Digitale Indie-Comics als Sprungbrett für Selfpublisher

Lukas Lieneke

Der Webcomic ist zum modernen und zukunftsweisenden Medium für Comic-Selfpublisher geworden. Durch ihn lassen sich die Geschichten der Zeichner mit relativ wenig Aufwand veröffentlichen und an ein größeres Publikum vermitteln. Doch ist das nur die halbe Wahrheit, denn sowohl die Finanzierung eines digitalen Comics als auch seine fehlende Akzeptanz bei den Lesern stellen viele Selfpublisher immer noch vor Schwierigkeiten.

Skepsis gegenüber Digitalem

„Für die meisten Leser ist der , das man als Buch oder Heft in der Hand halten und lesen will“, erklärte 2014 Klaus Schikowski, Programmleiter im Bereich Comics beim Carlsen Verlag, beim Erlangener Comic-Salon. Zumindest in Deutschland seien die meisten Comicleser nicht so internetaffin, wie man vielleicht erwarten könnte. Eine These, die sich bei einem Blick in die einschlägigen Comicforen bestätigt. Gerade Sammler, die einen Großteil der traditionellen Comicleserschaft ausmachen, schwören immer noch auf den gedruckten Comic. Viele Leser stehen dem digitalen Comic hinsichtlich Qualität und Wertigkeit noch skeptisch gegenüber, erst recht, wenn es sich um selbstpublizierte Geschichten handelt. Die dabei vorgebrachten Argumente und Vorurteile gleichen weitestgehend denen, mit denen auch das Selfpublishing in anderen Bereichen der Literatur zu kämpfen hat: Mangelnde Qualität, schlechtes Lektorat und eine Flut unlesbarer Geschichten. Eine Ausnahme bildet hierbei lediglich der Manga-Bereich, dessen meist jüngeres Publikum gegenüber digitalen Formaten deutlich aufgeschlossener zu sein scheint.

Etwas anders gestaltet sich die Situation auf dem asiatischen Markt. E-Comics, bzw. Manga, haben hier längst den Weg aufs Smartphone gefunden und stellen für die Branche ein lukratives und etabliertes Publikationsmodell dar. Auch in den USA genießen digitale Comics, vor allem Webcomics, unter Lesern ein deutlich höheres Ansehen als es in Deutschland der Fall ist. Dies dürfte auch mit der längeren Tradition des Webcomics in Amerika zusammenhängen. Die ersten Strips gingen hier bereits in den Jahren online und werden teilweise bis heute erfolgreich fortgeführt. Zu nennen wären hier unter anderem Charley Parkers „Argon Zark!“, der als der erste Webcomic überhaupt gilt, oder der 1998 gestartete Comic „Penny Arcade“, in dem sich Autor Jerry Holkins und Zeichner Mike Krahulik vorwiegend mit dem Thema Computer- und Videospiele beschäftigen. Beide Webcomics genießen unter Lesern längst Kultstatus.

Deutsche Webcomic-Produktionen

Die Ablehnung digitaler Formate hat allerdings nichts mit einer Abneigung gegenüber Selfpublishern zu tun. Im Gegensatz zum skeptisch beäugten Webcomic scheinen Selfpublisher als Autoren in der Comic-Szene sogar deutlich etablierter und anerkannter zu sein, als in der restlichen Buchbranche. Dies bestätigen Künstler wie die Illustratorin und Comic-Zeichnerin Ulli Lust, die mit ihren Arbeiten zu den wichtigsten Vertreterinnen der deutschsprachigen Comiclandschaft gehört. „Im Gegensatz zum Literatur-Business muss man in der Comicszene in der Regel keinen Imageverlust befürchten, wenn seine Comics selber druckt.“ Man begegne Selfpublishern und Indie-Künstlern auf Augenhöhe und mit gegenseitigem Respekt.

So entstanden in den letzten Jahren auch in Deutschland erfolgreiche Webcomics von Indie-Zeichnern. Zu den bekannteren Webcomics aus deutscher Feder zählt beispielsweise Sarah Burrinis „Das Leben ist kein Ponyhof“, in dem die Zeichnerin aus ihrem fiktiven WG-Leben mit einem misanthropischen Zwergelefanten, einem vorlauten Fliegenpilz und einem Pony mit Knastvergangenheit erzählt. Ebenfalls eine feste Größe des deutschen Webcomics ist Daniel Lieske, laut Frankfurter Rundschau „einer der weltweit am meisten gelesenen und zugleich unbekanntesten deutschen Comiczeichner“, dessen Fantasy-Epos „Wormworld Saga“ inzwischen ein internationales Millionenpublikum begeistert. Sowohl Burrini als auch Lieske sind mittlerweile außerdem als Hybridautoren tätig und stehen mit ihren Comics bei renommierten Verlagen (Panini und Tokyopop) unter Vertrag.

Die Finanzierung des eigenen Comics

Ein Problem für die meisten selbstverlegenden Comic-Zeichner bleibt nach wie vor die Finanzierung ihrer Arbeit. Selbst große Verlage können ihren Zeichnern pro Buch in der Regel keine Honorare zahlen, mit denen man seinen Lebensunterhalt bestreiten könnte. Im Printbereich lässt sich Geld ohnehin erst wirklich ab einer Auflage von 5.000 Comics verdienen, eine Zahl, die bereits für die meisten deutschen Verlagsproduktionen relativ hoch, für 99 Prozent aller Selbstverleger aber vollkommen utopisch ist. Um die eigene Arbeit und sich selbst finanzieren zu können, müssen Selfpublisher daher nach anderen Erwerbsquellen suchen.

Eine Möglichkeit bietet hierbei beispielsweise das Crowdfunding. In den USA längst als gängiges Finanzierungsmodell etabliert, wurden inzwischen auch in Deutschland mit Hilfe solcher Spendenaufrufe mehrere Comicproduktionen möglich gemacht. Nicht selten kommen bei solchen Aktionen sogar Geldbeträge zusammen, die das ursprünglich angestrebte Spendenziel weit übersteigen. So spielte die von Daniel Lieske gestartete Crowdfunding-Kampagne zur Entwicklung der Wormworld Saga-App insgesamt 23.730 US-Dollar ein und schoss damit deutlich über die angepeilten 12.000 US-Dollar hinaus. Lieske nutzte hierzu die amerikanische Crowdfunding-Plattform „Kickstarter“, die, angesichts des dort für Comics gesammelten Kapitals und der daraus entstandenen Veröffentlichungen, laut der Fachzeitschrift Publishers Weekly mittlerweile rein rechnerisch zum drittgrößten Independent-Comic-Verlag der USA avanciert. Einen ähnlichen Ansatz verfolgt die Plattform „Patreon“, deren Crowdfunding-Modell allerdings eher auf einen längeren Zeitraum ausgerichtet ist. Ähnlich wie bei einem Abo können hier Projekte und Künstler langfristig mit regelmäßigen Spendenbeträgen finanziert werden – quasi Mäzenentum 2.0.

Natürlich existieren neben Crowdfunding auch noch andere Möglichkeiten, um als Comic-Selfpublisher für die eigene Arbeit entlohnt zu werden. Sie reichen von Webshops, in denen Merchandise-Artikel oder Printausgaben des eigenen Webcomics angeboten werden, über klassische Werbebanner bis hin zu Zeichenworkshops oder Spendenbuttons. Mit den eigentlichen Webcomics lässt sich hingegen kaum Geld verdienen, da auch hier die im Netz weit verbreitete Umsonst-Mentalität vorherrscht und die meisten Leser nicht bereit sind, für die angebotenen Inhalte zu bezahlen.

Generell stellen selbstverlegte Comics, vor allem Webcomics, also eher eine Möglichkeit dar, sich selbst und seine Zeichnungen der Comicwelt zu präsentieren und sich eine eigene Fangemeinde aufzubauen. Sie sind ein Sprungbrett um sich in der Comicszene einen Namen zu machen und so schließlich einen Verlag zu finden oder an Auftragsarbeiten von Autoren oder Unternehmen zu gelangen.

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