Selfpublishing International: Hinkt Neuseeland hinterher?

Samuel Kerber

Mit Selfpublishing in Deutschland setzen wir uns im Grunde jeden Tag auseinander. Aber was ist eigentlich mit Selfpublishern jenseits unserer engen Grenzen? Findet man in anderen Ländern andere Lösungen für die gleichen Probleme? Und wie steht man dem Phänomen des selbstverlegenden Autors woanders gegenüber? Um diese Fragen zu beantworten, wollen wir in Zukunft einige Ausflüge in den internationalen Buchmarkt unternehmen. Heute geht es auf die andere Seite der Erdkugel nach Neuseeland.

Neuseeland – die grüne Insel, eine der wohlhabendsten Nationen der Erde und bekannt für seine Kurzgeschichten und hohe Autorendichte. Gerade von diesem Land würde man erwarten, Selfpublishing besonders schnell zu akzeptieren und aufzunehmen. Nun, das ist nicht der Fall.

Insignifikantes Wachstum

Ingrid Katherine Foster kommt noch 2012 zu dem Schluss, dass Selfpublishing in Neuseeland nur insignifikant wachse, zwischen 1991 und 2010 gab es etwa nur einen Anstieg von 2,29 Prozent. Zum Vergleich: In den USA wuchs der Anteil der selbstverlegten Neuveröffentlichungen um sagenhafte 437 Prozent – und das nur zwischen 2008 und 2014. Auch die meistverlegten Genres sind in Neuseelands Selfpublishing konstant biographische Familiengeschichte und Lyrik, andere Genres waren bis 2012 kaum vertreten.

Auch wenn es danach Fortschritte gab, die Wahrnehmung von Selfpublishing in Neuseeland erinnert stark an die in den USA vor einigen und an die in Deutschland vor etwas weniger Jahren. In einem Artikel des NZ Herald von 2014 erklärt etwa Doris Mousdale, Buchhändlerin und frühere National Book Market-Managerin, dass man zwar einen graduellen Anstieg an Büchern wahrnehmen könne, aber die Szene weiterhin nicht professionell genug arbeite. „Ich schaue in jedes selbstverlegte Buch, das mir über den Weg läuft, aber es ist vielleicht eins von zehn Büchern, das ich am Ende lese. Etwas zieht die meisten runter, sie sehen nicht wie professionelle Bücher aus […] Es muss richtig aussehen, wenn es in der Hand liegt und es muss sich richtig anfühlen, wenn man die erste Seite aufschlägt.“

Die Schwachstellen des SP in Neuseeland

Ist Neuseeland also einfach ein Nachzügler im Bereich Selfpublishing? Ein anschauliches Beispiel ist vielleicht die Website der New Zealand Self Publishing Group, die auf ihrer Startseite eine Selbstbeschreibung präsentiert, unterschiedliche Serviceangebote anbietet und im Header mehrere Bücher bewirbt, jedoch ansonsten in allen Bereichen aus Blindtext besteht. Andere Anbieter haben zwar funktionierende Webseiten, konzentrieren sich jedoch weiterhin stark auf das klassische Thema „Family history“.

Ingrid Katherine Foster erklärt die Schwäche des Selfpublishing in den beiden größten Städten Neuseelands, Auckland und Christchurch, damit, dass dort die traditionellen Verlagshäuser besonders stark vertreten seien. Die im Selfpublishing aktivste Stadt, Wellington, dagegen habe weniger etablierte Verlagsstrukturen. Foster vermutet weiter, dass dadurch die Autoren entweder weniger daran gewöhnt sind, zuerst Verlage zu konsultieren, oder dass Selfpublishing aus Mangel an Alternativen gebraucht wurde, um die eigenen Geschichten zu verbreiten. Es wird interessant zu beobachten sein, wie sich dieser Effekt bei einer stärkeren Etablierung des Selfpublishing in Neuseeland entwickeln wird.

Fazit

Ein Fazit aus unserer Reise nach Neuseeland ist also klar: In Sachen Selfpublishing läuft der Inselstaat noch hinterher. Ob das an der exklusiven geographischen Lage, an der Sicht auf das Selfpublishing als traditionelles Aufschreiben der Familiengeschichte oder doch an der Stärke des klassischen Verlagswesens, eine Branche mit 330 Millionen Dollar Umsatz und über 5000 assoziiert Beschäftigten, in Neuseeland liegt, bleibt dabei eine offene Frage.

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2 Kommentare zu “Selfpublishing International: Hinkt Neuseeland hinterher?

  1. Interessieren würde mich jetzt mal, wo die Zahlen eigentlich her- bzw. wie sie zustande kommen. Fließen neuseeländische Autoren, die über in anderen Ländern ansässige Plattformen publizieren überhaupt mit rein? Überhaupt stelle ich mir insbes. im englischen Sprachraum das schwierig vor, überhaupt erstmal festzulegen, wen ich mitzähle, und wen nicht. (Und überhaupt: Wer ist eigentlich Ingrid Katherine Forster und warum darf die dazu was sagen …?)

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  2. Hey,
    Ingrid Katherine Forster ist eine neuseeländische Analystin, die zu eben diesem Thema ihre Masterarbeit eingereicht hat und dafür Selfpublishing-Titel in der Nationalbibliothek Neuseelands untersucht hat. Eine gute Vergleichsquelle war das von der Publishers Association of New Zealand herausgegebene Economic contribution of the New Zealand publishing industry, das auch auf ihrer Website (http://www.publishers.org.nz/) erhältlich ist.
    Die Frage, wie genau man englischsprachige Titel nach Ländern abgrenzen kann, ist ziemlich interessant, aber verdient wohl beinahe einen eigenen Artikel. Die Daten für Den bereich Selfpublishing kommen hauptsächlich aus den Titeln in der Nationalbibliothek, also von Titeln, die auch in neuseeland direkt erhältlich sind. Vielleicht wenden sich ja junger SP-Autoren in Neuseeland ob der dürftigen Angebote dort direkt an US-amerikanische oder australische Anbieter? Aber das ist aus dem Datenmaterial schwer herauszulesen.

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