Flucht und Migration in der Selfpublishing Literatur

roh_04Lukas Lieneke

Zu den unbestrittenen Stärken des Selfpublishing gehört seine Schnelligkeit: Die Möglichkeit, aktuelle Ereignisse unmittelbar aufzugreifen, literarisch zu verarbeiten und zeitnah zu veröffentlichen. Organisiert vom Bundesverband junger Autoren und Autorinnen e. V. (BVjA) fand aus diesem Anlass auf der Bühne der Self-Publishing Area eine Podiumsdiskussion zum Thema „Flucht und Migration in der Selfpublishing Literatur“ statt.

Tobias Kiwitt (BVjA) (m.) im Gespräch mit Gino Leineweber (Hamburger Autorenvereinigung), Dr. Bernd Zabel (Goethe-Institut), Madjid Mohit (Sujet-Verlag Bremen), Michael Wäser (Autor) (v.l.).

Tobias Kiwitt (BVjA) (m.) im Gespräch mit Gino Leineweber (Hamburger Autorenvereinigung), Dr. Bernd Zabel (Goethe-Institut), Madjid Mohit (Sujet-Verlag Bremen), Michael Wäser (Autor) (v. l. ).

Trotz der Aktualität des Themas sind Romane über Flucht und Migration für viele Verlage wenig attraktiv. Diese Erfahrung musste auch Michael Wäser mit seinem fiktiven Kriegs- und Flüchtlingsroman „Warum der stille Salvatore eine Rede hielt“ machen. Trotz durchweg positiver Resonanz fand sich kein Verlag bereit, das Buch zu publizieren. Das Buch sei zu schwer zu verkaufen, das Thema spreche zu wenig Leser an. Sodass sich Wäser entschloss, sein Buch selbst zu verlegen. Gleich zu Beginn der Diskussion wurde damit eines deutlich: Literatur über Flucht und Migration ist meistens unbequem und daher für Publikumsverlage uninteressant.

Sprachliches Überlebensmittel

Nach diesem Einstieg aus der Welt der Literatur fand die Gesprächsrunde schnell den Weg direkt in den Alltag von Flüchtlingen und Helfern. Denn auch wenn der Titel der Veranstaltung etwas anderes suggerieren mag, so geht es beim Selfpublishing im Zusammenhang mit Migration und Flucht um mehr als schöne Literatur. Gerade im Bereich der Sprachvermittlung spielt Selfpublishing mittlerweile eine wichtige Rolle. „Früher hatte man dafür Bücher, die aber heute oft nicht mehr den Bedürfnissen ihrer Zielgruppe gerecht werden“, erklärte Bernd Zabel, Leiter des Bereichs Literatur und Übersetzungsförderung am Goethe-Institut. „Man braucht jetzt aktuelle sprachliche Überlebensmittel, von denen es mittlerweile wirklich hervorragende Beispiele im Netz gibt, die dort von Selfpublishern publiziert wurden.“ Zwar erfüllten diese Titel nicht unbedingt immer die qualitativen Ansprüche eines Verlags, doch fehle im Moment die Zeit, um solche Belange zu berücksichtigen. „Die Zeit drängt, die Stunde der Selfpublisher ist wahrlich gekommen.“

Die Problematik der Übersetzung

Zustimmung erhielt Zabel von Gino Leineweber, Autor und Präsident der TSWTC (Three Seas Writers‘ and Translators‘ Council). „Selfpublishing ist grade in der jetzigen Situation eine Chance zu publizieren, was aktuell interessiert.“ Gleichzeitig wies Leineweber auf eine der größten Hürden bei der Veröffentlichung von Flüchtlingsliteratur hin: Das Problem der Sprache. „Es wird sicherlich viele Flüchtlinge geben, die ihre Geschichten in ihrer Muttersprache in einer ansprechenden literarischen Art erzählen können“, so Leineweber. „Das Problem ist viel mehr, diese Geschichten dann ins Deutsche oder zumindest Englische zu übersetzen.“

Mit diesem Problem wurde auch eine der Schwächen des Selfpublishing angesprochen. Zwar kann ein Selfpublisher seine Arbeit um einiges schneller veröffentlichen als ein Verlag und ist ihm daher in Bezug auf die Aktualität überlegen. Doch gerade im Bereich der Migrations-Literatur sind ein sorgfältiges Lektorat und gute Übersetzerarbeit unverzichtbar und für den Leser sicherlich bedeutender als bloße Schnelligkeit. Zu Recht verwies Wäser auf die Möglichkeit, als Selfpublisher seinen Text im Internet auf einer der zahlreichen Übersetzerplattformen in die gewünschte Sprache übertragen zu lassen. Doch stellt sich auch hier wieder die Frage nach der Qualität dieser Übersetzungen und wie diese von den Autoren überhaupt nachvollzogen werden kann. Ohne jegliche Kenntnisse der Sprache, in die ihr Text übersetzt wird, dürfte dies den meisten Autoren reichlich schwer fallen. Für eine gute Übersetzung brauche es laut Madjid Mohid, seines Zeichens Verleger des Bremer Sujet-Verlags, nicht nur Zeit und gute Vokabelkenntnisse. „Wichtig ist vor allem ein gutes Gespür für das Wesen der zu übersetzenden Sprache.“

„Wir brauchen jetzt eine schmutzigere Literatur“

Im Anschluss an diesen Punkt brachte Bernd Zabel das Gespräch auf die Funktion von Flüchtlings-Literatur: „Literarisch geht es bei den Themen Flucht, Vertreibung und Migration ja hauptsächlich um autobiografische Texte. Das Schreiben ist für viele der Autoren auch immer eine Form der Verarbeitung und Bewältigungsstrategie, um mit dem Erlebten fertig zu werden.“ Mohid fügte hinzu: „Solche Texte geben Auskunft über andere Menschen und tragen dazu bei, dass ihre Anliegen und Bedürfnisse besser verstanden werden können.“ Damit seien solche Berichte auch ein Anhaltspunkt für die Politik, um in der momentanen Situation angemessen auf die Herausforderungen der Flüchtlingskrise reagieren zu können. Allerdings dürfe dabei nicht vergessen werden, wie Leineweber zu Recht einwarf, dass solche Berichte auch immer einer gewissen Subjektivität unterliegen: „Auch bei solchen Texten wäre ein Lektorat sinnvoll, das überprüft, ob es sich bei dem Geschriebenen um eine Tatsache oder mehr um die eigene Wahrnehmung des Autors handelt.“

Die Bedeutung des Selbstverlegens für die Flüchtlings-Literatur wurde von Zabel am Ende des Gesprächs in einem klaren Plädoyer für mehr Selfpublishing zum Ausdruck gebracht: „Etablierte Verlage setzen bei Büchern auf Qualitätssicherung. Für sie müssen Bücher ausgearbeitet und lektoriert sein. Die Frage ist aber, ob wir nicht gerade jetzt eine etwas schnellere, kleinere, schmutzigere Literatur brauchen. Die Flüchtlingsthematik wird in Deutschland nicht nur euphorisch und optimistisch betrachtet. In diesem Zusammenhang ist es daher wichtig, Geschichten zu individualisieren, zu erzählen und sie so schnell wie möglich zu verbreiten. Nur dann kann man die Menschen verstehen und ihre Beweggründe und Schicksale abseits nackter Zahlen und Fakten nachvollziehen und verstehen.“

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