Amazon verleiht ersten deutschen Literaturpreis für Selfpublisher

Lukas Lieneke

In diesem Jahr verlieh Amazon erstmals den Kindle Storyteller Award für Selfpublisher und damit auch den ersten Buchpreis für Selfpublisher in Deutschland. Die Auszeichnung erhielt der Autor Phillip P. Peterson für seinen Roman „Paradox – Am Abgrund der Ewigkeit“. Petersons Roman setzte sich damit innerhalb einer Shortlist von fünf Titeln durch, die zuvor von den Lesern bei Amazon Kindle aus über 1.000 Einsendungen zusammengestellt worden war.

Kindle Chef Russell Grandinetti überreicht den Award an Preisträger Phillip P. Peterson

Kindle Chef Russell Grandinetti überreicht den Award an Preisträger Phillip P. Peterson

Mit Petersons Werk entschied sich die prominent besetzte Jury unter dem Vorsitz von Dr. Uwe Kullnick, Präsident des Freien Deutschen Autorenverbandes (FDA), für einen wissenschaftlichen Science-Fiction Thriller – ein für die bislang durch Erotik und Fantasy dominierte Selfpublishingliteratur eher ungewöhnliches Genre. „Paradox“ war allerdings zuvor schon als heimlicher Favorit der Shortlist gehandelt worden, was neben den erzählerischen Qualitäten des Romans sicherlich auch Petersons Expertise als Raumfahrtingenieur geschuldet ist, die er gekonnt in die Geschichte mit einfließen lässt. Neben formalen Kriterien wie Aufbau, Struktur und Logik sowie Kreativität und Originalität orientierte sich die Jury vor allem an einem weiteren Aspekt: „Wir haben uns bei unserem Urteil auf den Namen des Preises, also auf den Storyteller bezogen“; so Uwe Kullnick. „Ein Storyteller ist jemand, der auf dem Marktplatz steht und Geschichten erzählt und je mehr Leute stehen bleiben, um die Geschichte zu hören, desto besser ist sie auch. Das war einer der wesentlichen Punkte, den wir bewertet haben.“

Preisträger_+_Jury (c) Lukas Lieneke

Die Jury gratuliert dem Preisträger (v. l. ): Michael Kobr, Russell Grandinetti, Volker Klüpfel, Nika Lubitsch, Gewinner Phillip P. Peterson, Ulrich Brand, Uwe Kullnick, Andrea Sawatzki und Andreas von der Heydt

Übergeben wurde die Auszeichnung von Kindle Chef Russell Grandinetti im Rahmen einer öffentlichen Preisverleihung auf der Bühne der Self-Publishing Area der Frankfurter Buchmesse. Amazon hatte Autoren zuvor vom 1. Juli bis zum 15. September die Möglichkeit gegeben, einen bislang unveröffentlichten Titel mit einem Umfang von mindestens 180 Seiten auf der Plattform Kindle Direct Publishing hochzuladen, um am Wettbewerb teilzunehmen. „Wir haben den Preis ausgelobt, um das Thema Selfpublishing in Deutschland voran zu bringen“, erklärte Jurymitglied und Leiter des Kindle Content Teams Andreas von der Heydt. „Das Buch befindet sich heute mehr denn je im Wettbewerb mit anderen Medien. Die Hauptzielsetzung des Awards ist daher, das Buch und das Lesen voran zu bringen.“

Mit einer Dotierung von 30.000 € (bestehend aus 10.000 € Preisgeld und einem Marketingpaket im Wert von 20.000 €) fällt die Siegerprämie des Storyteller Awards sogar höher aus, als die des Deutschen Buchpreises. Eine klare Ansage Amazons, die auch die wirtschaftliche Bedeutung des Selfpublishings für das Unternehmen betont. Schließlich stammen inzwischen mehr als die Hälfte aller Titel in den Amazon-e-Book-Charts von unabhängigen Autoren. Neben dem Preisgeld sicherte sich Peterson auch einen Autorenvertrag mit dem Kölner Verlagshaus Bastei Lübbe, das „Paradox“ nun auch als Print-Buch in den Buchhandel bringen will. Alle fünf Title der Shortlist werden außerdem bei Audible als Hörbuch veröffentlicht.

Finalisten (c) Lukas Lieneke

Die Finalisten des Kindle Storyteller Award 2015 (v.l.): Mella Dumont, Isabelle Müller, Phillip P. Peterson, Barbara und Christian Schiller (B. C. Schiller) und Jessica Winter.

Mit Spannung darf man nun die Reaktion des deutschen Buchhandels erwarten. Bereits im Vorfeld der Preisverleihung hatte unter anderem Heinrich Riethmüller, Geschäftsführer von Osiander und Vorsteher im Börsenverein, Kritik an der Vermarktung des Amazon-Titels im stationären Buchhandel geäußert. Amazons Geschäftspolitik ziele darauf ab, die Strukturen des deutschen Buchhandels zu zerstören und sei daher wenig geeignet, das stationäre Sortiment als Werbepartner zu gewinnen. Auch die wenig transparenten Algorithmen, durch die die Beliebtheit der eingereichten Titel ermittelt und die Shortlist des Awards erstellt wurden, sind kritisch hinterfragt worden. Es bleibt also abzuwarten, ob „Paradox“ seinen Weg in die deutschen Buchhandlungen auch gegen den Willen ihrer Betreiber findet.

Trotz der (inzwischen schon routinemäßigen) Kritik an Amazon und seiner Geschäftspolitik sollte nicht verkannt werden, dass mit dem Kindle Storyteller Award der erste Literaturpreis für Selfpublisher im deutschsprachigen Raum ausgelobt wurde. Berücksichtigt man die Menge an Titeln und inzwischen auch die literarische Qualität, die sich im Bereich Selfpublishing entdecken lässt, dann war die Ausschreibung einer solchen Auszeichnung mit Sicherheit überfällig. Der Preis ist außerdem nicht nur ein Zeichen der Wertschätzung gegenüber einem neuen Trend auf dem Buchmarkt, sondern vor allem für seinen Stifter eine großartige Möglichkeit der Selbstvermarktung. Eine Chance, die Amazon ergriffen, die der deutsche Buch- und Literaturbetrieb jedoch verschlafen hat. Statt sich also wie gewöhnlich in einem hilflosen Amazon-Bashing zu ergehen, wäre es nun vielleicht an der Zeit, dass sich der deutsche Buchhandel des Themas annimmt und womöglich sogar einen eigenen Selfpublisher-Preis auslobt. Hinsichtlich des Preisgeldes wird man sicherlich nicht mit Amazon konkurrieren können, doch darum geht es auch nicht. Vielmehr wäre dies ein Zeichen gegenüber Autoren und Lesern, dass man sich einem neuen und immer wichtiger werdenden Marktsegment nicht verschließt, sondern dessen Potential und auch Qualität erkennt und nutzt. Langfristig wird es sich der deutsche Buchhandel zumindest nicht leisten können, Amazon das Feld im Bereich Selfpublising zu überlassen.

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5 Kommentare zu “Amazon verleiht ersten deutschen Literaturpreis für Selfpublisher

  1. Der erste deutsche Literaturpreis für Selfpublisher? Was ist mit ePublis „neuem deutschen Buchpreis“ und Neobooks Indie-Autoren-Preis? Wobei alle drei nur Bücher in betracht ziehen die unter dem jeweiligen Anbieter erschienen sind…

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  2. Völlig richtig! Wobei der epubli Preis nur einmal 2012 verliehen wurde (wenn ich das richtig sehe). Da erfreut sich der Indie Autoren Preis (erstmals 2013) doch größerer medialer Aufmerksamkeit – auch wenn dieses Jahr nur im Bereich Fantasy verliehen und nur an neobooks-Bücher…
    In jedem Fall halte ich fest: es gibt wenigstens diese beiden Preise, um Selfpublisher auszuzeichnen.

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  3. Liebe Monique,
    danke für den natürlich vollkommen berechtigten Einwand.
    epubli hat 2010 mit der „Web Walpurga“ und dann von 2011-2012 mit dem „Neuen Buchpreis“ bereits vor Amazon einen deutschen Selfpublisher-Preis ausgelobt und verliehen. Gleiches gilt für den „Indie Autoren Preis“ von neobooks, der seit 2013 verliehen wird.
    Das ändert natürlich nichts daran, dass sich alle drei Auszeichnung nur auf die Werke der jeweiligen Plattform beschränken und die Bezeichnung „deutscher Self Publishing Award“ von daher etwas irreführend ist.
    Allerdings dürfte der deutsche Kindle Storyteller Award meines Wissens im Moment der einzige „große“ genreübergreifende Selfpublisher-Preis in Deutschland sein, da der Neue Buchpreis inzwischen nicht mehr verliehen wird und sich der Indie Autoren Preis dieses Jahr erstmals auf das Genre Fantasy spezialisiert hat.
    Die Bezeichnung „erster deutscher Selfpublisher-Preis“ wurde übrigens im Zuge der Preisverleihung Storyteller Award des Öfteren benutzt und hat, kombiniert mit seinem Beinamen „Der deutsche Self Publishing Award“ wohl dazu geführt, dass ich den Preis für die erste deutsche Auszeichnung speziell für Selfpublisher gehalten haben. An der Stelle hätte ich nochmal etwas gründlicher recherchieren müssen, von daher nochmal vielen Dank für deinen Hinweis!

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  4. haha und so kann man es kurz und lang beantworten 😉 auf jeden Fall: Danke lieber Lukas für den detaillierten Kommentar – jetzt bin ich auch genau im Bilde 😀

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  5. Vielen Dank für die Antwort 🙂 ich fand den Artikel nichts desto trotz sehr gut. Vielleicht wird ja in Zukunft noch ein Selfpublisherpreis ausgerufen der sowohl Genreübergreifend als auch Firmenunabhänging ist

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