Selfpublishing in den USA: „…is beginning to mature“

Samuel Kerber

Mit Selfpublishing in Deutschland setzen wir uns im Grunde jeden Tag auseinander. Aber was ist eigentlich mit Selfpublishern jenseits unserer engen Grenzen? Findet man in anderen Ländern andere Lösungen für die gleichen Probleme? Oder andere Probleme für gleiche Lösungen? Und wie steht man dem Phänomen des selbstverlegenden Autors woanders gegenüber? Um diese Fragen zu beantworten, wollen wir in Zukunft einige Ausflüge in den internationalen Buchmarkt unternehmen. Heute starten wir mit einem Sprung über den Großen Teich in die USA.

„Selfpublishing is beginning to mature“, diesen Schluss ziehen die Analysten des US-Unternehmens Bowker nach einer Untersuchung von ISBN-Daten in den USA von 2014. So wurden 2013 mehr als 450.000 Bücher selbstverlegt, eine Steigerung von 17 Prozent im Vergleich zum Vorjahr und sogar von sagenhaften 437 Prozent seit 2008. Mehrere Autoren wie Jen McLaughlin und Deborah Bladon schafften es auf die Bestsellerliste der New York Times.

Fortschritt statt Stigmatisierung

Die interessanteste Betonung dürfte aber auf dem „mature“ liegen. Sally Dedecker, Bildungsbeauftragte des US Bureau of Economic analysis, schrieb dazu: „Die Sicht auf Selfpublishing als letzten Rückzugsort verzweifelter Autoren ändert sich auch – das negative Stigma, das lange mit dieser Vertriebsform in Verbindung gebracht wurde, wandelt sich zu einem fortschrittlicheren Ausblick und der Erkenntnis, dass Selfpublishing und traditionelles Verlegen nebeneinander existieren und sogar voneinander profitieren können.“

Doch wie hat es das Selfpublishing geschafft, sich in den USA zu etablieren?

Industrie und Innovation

Nicht unerheblich dafür ist sicher die Industrie: Das Phänomen Selfpublishing wurde schnell von Konzernen erkannt, Betriebswege und Beratungsangebote wurden mit hohen finanziellen Mitteln aus dem Boden gestampft. Einer davon ist Bowker, Auftraggeber der oben erwähnten Untersuchung, kommerzieller Selfpublishing-Berater, offizieller Anbieter der US-amerikanischen ISBN und in Form einer Schwesterfirma Host einer der größten Datenbanken für das Buchwesen weltweit.

Zudem scheinen die US-amerikanischen Player dem deutschen Markt in Sachen Innovation den Rang abzulaufen. Die Selfpublisher-Plattform LuLu zum Beispiel startete 2014 die Plattform LuLu Jr., eine Plattform, auf der Kinder Bücher erstellen und veröffentlichen können.

Das El Dorado des Selfpublishers

Ein boomender Markt, finanzstarke und innovative Unternehmen und dank vieler Vorbilder nun auch starke Akzeptanz in der lesende Bevölkerung – sind die USA also das El Dorado des Selfpublishers?

Ein Schlagwort, das in den USA durch die Debatte geistert ist Market Saturation – Marktsättigung. Mark Coker, Gründer der e-Book-Vertriebsplattform Smashwords, unterlegt dieses Problem mit einer Untersuchung von Apples iBook Store, nach der kostenlose e-Books 39 mal öfter heruntergeladen werden als kostenpflichtige. Im Jahr zuvor wurden sie noch 91 mal öfter erworben. „So viele Autoren nutzen kostenlose Leseproben oder dauerhafte Gratismodelle, dass auch kostenlose Bücher zunehmenden Wettbewerb  erfahren“, schloss Coker.

Die selfpublishing-freundlichen Umstände machen also das Verlegen einfacher, aber das gefunden werden schwerer. Also doch zurück zum etablierten Verlag?

Hybridmodelle wachsen

„Es ist ein interessanter Fakt, dass es in der heutigen Zeit gleichzeitig schwieriger und einfacher ist, verlegt zu werden, als jemals zuvor“, sagt Brooke Warner, Chefin der She Writes Press, einem Verlag, der sich als Hybridmodell und Dritter Weg versteht. In diesem Modell wollen Verlage den Autoren zwar unter die Arme greifen, sie insgesamt aber ihrer Eigeninitiative überlassen. „Debütautoren brauchen eine Chance, aber die heutige Realität ist, dass der Autor sie sich selbst nehmen muss. Hybridverlage machen das möglich und geben den Autoren das Selbstbewusstsein, dass hinter ihnen Profis stehen, die sie bis nach der Herausgabe unterstützen.“

Auch Beat Barblan, Leiter der oben erwähnten Bowker-Untersuchung betont, dass Hybridmodelle wachsen werden, sobald sich Autoren mehr über ihre Möglichkeiten außerhalb klassischer Verlage bewusst werden. Die Rolle der Hybridverlage wird in Deutschland hauptsächlich von Selfpublishing-Dienstleistern wie tredition übernommen und von den Autoren gut angenommen, ein Massenphänomen konnte sich jedoch noch nicht daraus entwickeln. Ob sich die Prognose der Marktinsider also auch in Deutschland bewahrheitet – das wird die Zeit zeigen.

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