Eva Tanner: „Schlage die Trommel und fürchte dich nicht!“

Fabienne Franz

Als „Fundstücke“ präsentieren wir außergewöhnliche Selfpublishing-Titel und die Menschen dahinter. In unserem gestrigen Beitrag haben wir die Kurzgeschichtensammlung „Ich war immer ein Pfirsich“ von Eva Tanner vorgestellt. Um die Autorin und ihre Geschichte näher kennenzulernen, haben wir sie nicht nur zu ihrem Buch, sondern auch zu ihrer Rolle als Selfpublishing-Autorin befragt.

Spubbles: Seit wann sind Sie als Autorin tätig?

Eva Tanner: 1979 war meine erste Veröffentlichung einer Kurzgeschichte in der „Courage“, einer Frauenzeitschrift, die es heute nicht mehr gibt. Ich erhielt auch einen begeisterten Leserbrief, was mich unheimlich motivierte.

Gab es einen konkreten Auslöser dafür, dass Sie mit dem Schreiben anfingen?

Ich habe immer schon erzählen und schreiben wollen. Es gab mir die Möglichkeit, in ein zweites Leben einzutauchen, oder auch einen Rückzugsort zu haben. Die erste große Liebe gab dann wahrscheinlich den Anstoß für meine erste Geschichte,  die veröffentlicht wurde.

Wie kamen Sie zum Selfpublishing?

Ich habe meine Allegorien per E-Mail oder per Post renommierten Verlagshäusern angeboten. Es gab nur Absagen. Der Rowohlt-Verlag schlug dann neobooks vor, weil sie sich dort jeden Monat nach Neuerwerbungen umschauen. Ich hoffte so auf eine Chance, die aber nicht kam, obwohl ich traumhafte Rezensionen erhielt. Ich wäre nie selbst auf die Idee des Selfpublishing gekommen.

Da Sie beides kennen, was ist für Sie als Autorin der größte Unterschied zwischen Selfpublishing und der Veröffentlichung in einem Verlag?

Ich habe bisher nur in mehreren Anthologien Kurzgeschichten veröffentlicht und empfinde dies als unbefriedigend. Zum einen bin ich ungern eine unter vielen, zum anderen gibt es niemanden, der mir das notwendige Unternehmerverhalten abnimmt, damit ich mich aufs Schreiben konzentrieren kann. Man ist also in gedruckten Anthologien genau so alleine für alles zuständig, wie beim Selfpublishing. Vielleicht versuche ich noch Books on Demand. Ansonsten stelle ich eines Tages einfach alle Werke ins Netz, damit sie nicht in der Schublade zu Staub werden.

Welche Schwierigkeiten kommen auf einen Autor zu, der sein Werk erstmals veröffentlichen will? Wie war das bei Ihnen?

Sich an Wettbewerben zu beteiligen, zu gewinnen und dann in Anthologien reinzurutschen, schien mir ein erster Schritt zu sein.  Ich mache halt alleine weiter, d.h. schreiben, von Freunden lektorieren lassen, an Seminaren teilnehmen.

Sind sie mit Ihren momentanen Vertriebspartnern zufrieden?

Nein.

Welche Leistungen werden von Neobooks erbracht?

Sie vertreiben drei meiner Manuskripte über Verlage und im Netz. Ich glaubte, 70 Prozent des Erlöses zu erhalten, es sind aber nur ca. 48 Prozent nach Abzug aller Zwischenhändler und der MWST. Der Abrechnungsmodus ist undurchsichtig und ich scheine nicht in die gewünschten Kategorien zu passen (Krimi, Liebesromane, Fantasy). Es ist leider überhaupt keine Einnahmequelle, die ich so nötig habe.

Was tun Sie freiwillig, um den Bekanntheitsgrad Ihres Buches zu erhöhen?

Ich bewerbe meine Texte über Twitter und im Bekannten- und Nachbarschaftskreis.

Denken Sie, dass Selfpulishing auf lange Sicht den klassischen Verlag überflüssig macht?

Das kann ich mir nicht vorstellen. Allerdings könnte es eine gute Chance sein, entdeckt zu werden. Bislang allerdings bemerke ich nur, dass Verlage nach Mainstream suchen und lieber in Übersetzungen investieren, als neuen deutschen Autoren eine Chance zu geben.

Woher nehmen Sie die Ideen für Ihre Bücher?

Aus meinem eigenen Leben. Ich beobachte gerne Menschen, höre gerne zu, denke in drehbuchartigen Abläufen. Oft formuliere ich die ersten Sätze einer Geschichte, auch wenn ich sie nicht weiter entwickle. Ich schreibe Charakterisierungen für mögliche Protagonisten auf, und speichere diese auf dem PC. Mein augenblickliches Projekt ist ein Roman über eine jüdische Familie, in deren Haus wir vor einigen Jahren lebten. Ich habe ca. zehn Jahre lang die Daten und Fakten recherchiert und bin nun endlich mitten drin im Plot. Es ist eine Mischung aus Fiktion und Tatsachen, und es ist verbunden mit meiner persönlichen Aufgabe, diese ermordete Familie aus dem Vergessen zu befreien. Ich liebe jede Zeile dieses Manuskriptes und halte es für mein Meisterwerk, auch wenn der Roman noch nicht ganz fertig geschrieben ist.

Was hat Sie konkret zu Ihren Geschichten in „Ich war immer ein Pfirsich“ inspiriert?

Als ich vor langen  Jahren mit dem Schreiben anfing, hatte ich noch nicht den Mut, mich zu zeigen. Ich konnte persönliche Schmerzen nur verdeckt in dieser allegorischen Form darstellen. Jede dieser Geschichten ist ein Teil meiner Seele. Einige fielen beim Schreiben wie von selbst aus mir heraus, andere – wie „Der Birkenbär“ – mussten jahrelang warten, bis ich über die Eröffnungspassage hinaus weiterschreiben konnte. Da lernte ich, auf mich selbst zu warten.

Welche Zielgruppe stand Ihnen bei dem Buch vor Augen?

„Ich war immer ein Pfirsich“ ist dem „Kleinen Prinzen“ ähnlich. Auf den ersten Blick könnten es Geschichten für Kinder sein, auf den zweiten dann schimmert ein  gelebtes Leben mit seinen Erkenntnissen durch.

Und zum Abschluss: Würden Sie rückblickend etwas anders machen?

Ich habe zu lange mich in Bescheidenheit und Warten geübt. Ich kenne Männer, die nehmen Posten an und bewältigen diese dann im Modus Learning by Doing. Ich habe immer zuerst versucht, mich zu qualifizieren und dann den Weg in die Öffentlichkeit gesucht. Vielleicht wäre „Schlage die Trommel und fürchte dich nicht“ ein besserer Ansatz.

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