„Wo das Netz besser ist, da wird es das Buch verdrängen“

Lukas Lieneke

Unter der Moderation von Prof. Dr. Stephan Füssel fand am vergangenen Sonntag auf dem Mainzer Wissenschaftsmarkt am Stand des Instituts für Buchwissenschaft eine Gesprächsrunde zur „Zukunft der Wissenschaftsverlage im Medienumbruch“ statt. Mit Annette Nünnerich-Asmus vom Nünnerich-Asmus Verlag und Ingmar Weber von der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft (WBG) nahmen am Gespräch zwei Vertreter von Wissenschaftsverlagen teil. Neben der Rolle der Verlage beim wissenschaftlichen Publizieren und der Zukunft des gedruckten Buches, fand auch das Thema Selfpublishing seinen Platz in der Diskussion.

Foto Blogpost

Prof. Stephan Füssel, Ingmar Weber und Annette Nünnerich-Asmus

Indem er das diesjährige Motto des Wissenschaftsmarktes „Wissenschaft und Mensch im Dialog“ aufgriff, stellte Prof. Füssel zu Beginn des Gesprächs die Frage nach der Rolle von Wissenschaftsverlagen im Dialog zwischen Wissenschaft und Lesern. Beide Verlagsvertreter bestätigten, dass Verlage nicht allein als Rezipienten von Wissen fungieren, sondern auch zum Forschen anregen. „Die Hälfte unserer Bücher entsteht eigentlich durch die Anregungen, die wir von unseren Lesern, Mitarbeitern oder von den Entwicklungen auf dem Buchmarkt erhalten und dann an unsere Autoren weitergeben“ erklärte Nünnerich-Asmus. Weber bestätigte diese Tendenz und betonte im Falle der WBG auch die Bedeutung von Studenten als Impulsgeber für neue Buchprojekte, da diese am besten wüssten, in welchen Bereichen ihres Studiums noch Bedarf an guter Forschungsliteratur herrsche.

Autoren müssen honoriert werden

Füssels bewusst überspitzt formulierte Frage, ob Verlage im Internetzeitalter überhaupt noch von Nöten seien, oder Bücher nicht besser gleich kostenlos – also Open Access – ins Netz gestellt werden sollten, wurde von beiden Gästen erwartungsgemäß mit einem klaren Plädoyer für die Verlagsbranche beantwortet. Verlage könnten durch ihre Arbeit Wissen weit professioneller bündeln und vermitteln, als ein selbstverlegender Autor im Internet. Content sei im Netz zwar in Massen verfügbar, allerdings oft in ungeprüfter und schlecht aufbereiteter Form. Aufgaben, die in einem Verlag durch Lektorat und Grafiker weit besser bewältigt werden könnten, so Nünnerich-Asmus. Hinsichtlich der kostenlosen Zurverfügungstellung von Büchern im Netz bezog Weber eindeutig Stellung: „Autoren müssen für ihre Arbeit auch entsprechend honoriert werden“, so der Vertreter der WBG. Es handle sich hierbei schließlich um die selbstverständliche Gegenleistung für den vom Autor erbrachten Arbeitsaufwand. Ohne eine angemessene Bezahlung könne vom Autor auch keine entsprechende Qualität erwartet werde.

Verdrängung von Printprodukten

Die Verdrängung des gedruckten Buches durch sein digitales Gegenstück hielten sowohl Nünnerich-Asmus als auch Weber für äußerst unwahrscheinlich. Ein Marktanteil von gerade einmal 4,9 Prozent des e-Books auf dem deutschen Buchmarkt belege, dass sich das gedruckte Buch bei den Käufern nach wie vor großer Beliebtheit erfreue. Allerdings spielten digitale Publikationen in den letzten Jahren besonders für Bibliotheken eine immer größere Rolle, da diese ihre Bestände zunehmend um elektronische Bücher erweiterten.

Internet ist Büchern (teilweise) überlegen

Insgesamt wurden in dem Gespräch die bekannten, teilweise sicher berechtigten Argumente für das Publizieren im Verlag gesammelt. Dennoch zeigten sich beide Verlagsvertreter durchaus auch selbstkritisch und realistisch, was die Zukunft des Buches und der Verlage betrifft. „Wo das Netz besser ist, da wird es das Buch verdrängen“ stellte Weber fest. Allein im Bereich Lexika und Nachschlagewerke seien Online Enzyklopädien wie die Wikipedia der Beweis dafür, dass das Internet hinsichtlich Aktualität und Geschwindigkeit dem Buch – und im Prinzip auch der Arbeit eines Verlags – weit überlegen sei.

Zukunft der Wissenschaftsverlage

Diese Aussage lässt sich als Fazit wohl auch auf die zukünftige Beziehung zwischen Verlagen und Selfpublishing übertragen. So lange Verlage mit Dienstleistungen wie einem sorgfältigem Lektorat, einer professionellen Grafikabteilung und einer guten Presseabteilung bessere Resultate liefern als ein Selfpublisher in Eigenarbeit, haben sie unbestritten ihre Berechtigung. Zahlreiche wissenschaftliche Publikationen demonstrieren durch Inhalt und Layout schließlich nach wie vor den Wert fachmännischer Verlagsarbeit. Dennoch bleibt langfristig abzuwarten, ob nicht auch im Bereich des Selfpublishing irgendwann ein Level an Professionalität erreicht werden wird, dass die Frage nach der Existenzberechtigung von Verlagen neu entfacht. In diesem Fall wäre eine Wiederholung dieser Gesprächsrunde zur „Zukunft der Wissenschaftsverlage“ in 15, vielleicht auch schon in 10 Jahren, mit Sicherheit lohnenswert.

Advertisements

kommentieren

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s