Christoph Bläsi: Potentiale und Probleme des akademischen Selfpublishings

Lukas Lieneke Open Access-Zeitschriften spielen sicherlich eine der wichtigsten Rollen im akademischen Bereich des Selfpublishings. In unserem Gespräch mit dem Mainzer Buchwissenschaftler Prof. Dr. Christoph Bläsi wollen wir daher der Frage nachgehen, welche Möglichkeiten Open Access für wissenschaftliche Autoren bietet und wo die Grenzen des akademischen Selfpublishing liegen. Herr Bläsi, auf Ihrer Profilseite des Instituts für Buchwissenschaft stellen Sie selbst einige Ihrer Vorträge und Publikationen frei zugänglich, quasi Open Access, zur Verfügung. Welche Motivation steht für Sie dahinter? Christoph Bläsi: Für die von Ihnen angesprochenen Texte besitze ich die Zweitverwertungsrechte. Ich nutze also quasi die Möglichkeiten der Green Road, um meine Publikationen, sofern es möglich ist, für andere zugänglich zu machen und schlüpfe dazu in die Rolle des Selfpublishers. Es ist für den Leser meiner Publikationen einfach deutlich unkomplizierter, da sie für ihn schnell und einfach auffindbar sind und er neben Zeit möglicherweise auch noch jede Menge Geld sparen kann. Ich habe als Leser außerdem den Vorteil, dass ich mir die Texte sofort ansehen und dadurch beurteilen kann, welche Informationen die Publikation enthält und ob diese für mich überhaupt relevant sind. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist natürlich auch die Sichtbarkeit. Wenn ich Texte frei zugänglich im Internet einstelle, werde ich über Suchmaschinen auf der Suche nach bestimmten Begriffen viel einfacher und vor allem auch häufiger gefunden, als wenn ich einfach nur die bibliographischen Angaben zu meinen Publikationen liefere. Und auch der Leser stößt so viel schneller auf die Texte von Fachleuten, die sich wirklich mit der Materie auskennen, und deren Publikationen ihm auf seiner weiteren Suche nach Literatur als Ankerpunkt dienen können. Im Falle akademischer Publikationen wird Selfpublishing ja meist mit Open Access gleichgesetzt. Oder sind Ihnen wissenschaftliche Selfpublishing-Formate bekannt, bei denen ein ökonomischer Aspekt im Vordergrund steht? Nein, spontan fällt mir da kein Projekt ein. Liegt das möglicherweise daran, dass sich solche Projekte weder vom Aufwand her lohnen, noch im Hinblick auf Reputation rentieren oder vom Selfpublisher überhaupt geleistet werden können? Das wissenschaftliche Publizieren umfasst ja viele Funktionen. Der Aspekt der „Wahrheit“ ist dabei nur einer von vielen. Wenn es mir wirklich nur auf die Weitergabe von Forschungserkenntnissen an eine kleine, klar zugespitzte Zielgruppe ankommt, dann mag reines Selfpublishing eine Option sein. Das ändert sich allerdings schon, wenn meine Forschungsergebnisse für eine interdisziplinäre Gruppe von Wissenschaftlern interessant sein könnten, die die Grenzen meiner kleinen Zielgruppe überschreitet. Um diese zu erreichen, wäre eine ganz andere Form des Publikmachens, des Marketings erforderlich, die ich als einzelner Selfpublisher kaum leisten kann. Ich richte mich dann schließlich nicht mehr nur an Wissenschaftler aus dem mir bekannten Fachgebiet, sondern müsste möglicherweise in mir weitestgehend unbekannte Themengebiete eintauchen. Eine Aufgabe, die von der professionellen Marketingabteilung eines Verlags viel besser übernommen werden kann. Reputation spielt natürlich in der Wissenschaft ebenfalls eine große Rolle. Ein Autor veröffentlicht ja nicht nur, weil es ihm um die Wahrheit geht, sondern weil er sich davon auch Dinge wie einen Job, eine Beförderung oder Forschungsgelder verspricht. Solche Dinge lassen sich mit Selfpublishing aber kaum bewirken, da hierzu eine professionelle Begutachtung durch neutrale Experten, typischerweise aus dem Kreise der „Peers“, also grundsätzlich gleichgestellter Wissenschaftler aus demselben Fachgebiet, organisiert werden muss. Und gerade diese Neutralität wäre nicht gegeben, wenn der Autor seine Expertengruppe selbst zusammenstellen und deren u. U. divergierende Ergebnisse selbst konsolidieren würde. Wären das Aspekte, in denen der Verlag dem Selfpublisher also in der Regel überlegen ist? Definitiv. Ein anderer Aspekt, der vor allem die Naturwissenschaften betrifft, wäre das Einbauen von funktionalen und ansehnlichen Tabellen, Karten oder Grafiken; in noch stärkerem Maße gilt das, wenn es sich hierbei um komplexere, „enhanced“ digitale Publikationen handelt, bei denen auch noch interaktive Elemente oder Animationen hinzukommen. Die meisten Autoren werden kaum über das nötige technische Know-How oder die Mittel verfügen, um so etwas zu leisten bzw. machen zu lassen. Gibt es umgekehrt Aspekte, in denen Selfpublisher einem Verlag überlegen sind? Unbedingt. Ein großer Vorteil des Selfpublishing ist z. B. seine enorme Unmittelbarkeit. Ein Text kann auf diesem Wege viel schneller veröffentlicht werden, als durch einen herkömmlichen Verlag oder sogar im Open Access-Verlag über Golden Road. Ein weiterer Vorteil ist die Möglichkeit, mich mit meiner Zielgruppe sofort nach Veröffentlichung eines Textes über dessen Inhalt austauschen zu können. Grade dieser Aspekt wird auch für Verlage immer interessanter, da hier nicht nur der wissenschaftliche Diskurs gefördert wird, sondern ich als Verlag auch etwas über die Interessen und Wünsche meiner Endkunden erfahren kann. Verlage können also durchaus etwas vom Selfpublishing lernen? Natürlich. Viele Verlage haben deshalb auch Angebote, die eigentlich aus dem Bereich Selfpublishing (und dessen Unterstützung) stammen. Durch die digitalen Möglichkeiten verfließen nicht zuletzt die Grenzen zwischen dem Generieren und dem Publizieren von Wissen. Das ist ein Aspekt, den auch viele Wissenschaftsverlage (wie z. B. Wiley) erkannt haben, und die neben dem Publizieren auch die Unterstützung bei der Wissenserstellung mit in ihre Dienstleistungspalette aufnehmen, indem sie ihren Autoren z. B. besondere IT-Angebote für das Forschungs- und das Forschungsdatenmanagement zur Verfügung stellen. Sie haben vorhin den Aspekt des wissenschaftlichen Austauschs angesprochen. Umfasst das auch die Möglichkeit, einen wissenschaftlichen Beitrag, ähnlich wie einen Wikipedia-Artikel, mit Hilfe der Leser permanent zu aktualisierten und so auf dem neusten Forschungsstand zu halten? Solche Möglichkeiten werden durchaus diskutiert. Allerdings stellt sich hier die Frage, wer beurteilen kann und muss, welche Anregungen und Kommentare stichhaltig genug sind, um vom Autor in seine Publikation mit aufgenommen zu werden. Aber darüber hinaus ist es eine tolle Möglichkeit, den Stand des Wissens zu erweitern, indem man den Weg zu neuen, gesicherten Erkenntnissen von vornherein auf mehrere Schultern verteilt, um ihn dadurch nicht zuletzt auch zu beschleunigen. Voraussetzung hierfür ist natürlich ein sehr stark koordiniertes Handeln, das eben typischerweise auch mit Personal- bzw. Mitteleinsatz verbunden ist. Das sind Dinge, die z. B. ein mit Bordmitteln betriebenes institutionelles Repositorium kaum leisten kann. Open Access kann also mit den aufgezeigten Möglichkeiten die wissenschaftliche Diskussion unbedingt anregen, allerdings setzt das in der Regel immer eine professionelle Institution im Hintergrund voraus. Das kann ein Verlag, aber auch eine Universität sein, die es als ihre Aufgabe sieht, die nötige digitale, personelle und Prozess-Infrastruktur zur Verfügung zu stellen. Welche Rolle spielt Networking für Selfpublisher? Wenn man als Selfpublisher mit seiner Publikation entsprechende Wirkung erzielen will, dann sollte man sich, im Rahmen seiner Möglichkeiten, vernetzen, um den Wirkungskreis zu aktivieren, an Stellen möglicherweise auch zu erweitern. Das könnte zum Beispiel auch intensives und proaktives Networking mit Leuten aus angrenzenden Forschungsgebieten umfassen. Würden Sie beim Verfassen einer wissenschaftlichen Arbeit auch auf selbstpublizierte Artikel zurückgreifen und diese zitieren? Das kommt darauf an, ob die redaktionellen Regeln des Werkes, in dem ich publiziere, das Zitieren von Selfpublishing-Material nicht explizit ausschließen. Falls das nicht der Fall ist, würde ich schauen, ob mir der Autor der Publikation bekannt ist und ob mir seine Argumentation schlüssig erscheint. Wenn Letzteres oder, noch besser, beides gegeben ist, hätte ich keine Probleme, einen solchen Artikel zu zitieren.

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2 Kommentare zu “Christoph Bläsi: Potentiale und Probleme des akademischen Selfpublishings

  1. Ein schönes informatives Interview. Vielen Dank! Diskutiert werden könnte nur noch, wie die sogenannten Publikationsfonds der Universitätsbibliotheken einzuschätzen sind, die beispielsweise die DFG massiv fördert. Sollten die vielleicht auch Selfpublishing-Projekte unterstützen und nicht nur Publikationen in Verlagen/verlagsähnlichen Gebilden? Denn dann könnte zumindest die technische Einrichtung der Beiträge finanziert werden.

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    • Da muss ich widersprechen, es gibt meiner Ansicht nach sogar noch eine ganze Menge mehr zu diskutieren (ganz recht, ich betreibe Erbsenzählerei und störe mich an dem Wörtchen „nur“). Angefangen mit der einleitenden Auskunft „weil ich die Zweitverwertungsrechte besitze“, allein schon an der Stelle muss man sich (als Außenstehender) doch sofort fragen, wieso es scheinbar nur bei einem Teil der eigenen Arbeit erlaubt ist, damit zu machen, was man will, aber nicht bei allem.

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