David Oels: „Wissenschaft braucht Freiheit“

Mit dem heutigen Tage endet offiziell das Wintersemester 2014/15, und somit auch unser Studienprojekt. Bloggen werden wir weiterhin – ab morgen allerdings komplett in Eigenregie, auf freiwilliger Basis, ohne Credits und ohne Aufsicht. Ein guter Anlass also, zum Abschluss noch mal beim Chef nachzufragen: Jun.-Prof. Dr. David Oels über Aufgaben, Herausforderungen und Ziele eines „Innovativen Lehrprojekts“ im Speziellen – und des geisteswissenschaftlichen Studiums im Allgemeinen.

Spubbles: „Studienprojekt Selfpublishing“ – wie kam es dazu?

David Oels: An mich wurde von den Studierenden der Wunsch nach mehr eigenverantwortlichem und öffentlich relevantem Arbeiten herangetragen, den ich sehr gerne nach Kräften unterstützt habe, indem ich den organisatorischen Rahmen zur Verfügung gestellt habe. Denn ein geisteswissenschaftliches Universitätsstudium muss neben der Vermittlung von Wissen und diversen Kompetenzen vor allem zur intellektuellen Selbstständigkeit anleiten. Das Ziel war deshalb, dass die Studierenden zum Rahmenthema Selfpublishing möglichst eigenständig zu einzelnen Fragestellungen arbeiten und dass die Arbeitsergebnisse öffentlich wahrgenommen werden.

Wie beurteilen Sie diese öffentliche Wahrnehmung am Ende des Projektes?

Die öffentliche Resonanz war ganz ausgezeichnet. Die Studierenden hätten sich wohl mehr unmittelbare Reaktionen auf den Blog gewünscht, aber insgesamt finde ich die Aufmerksamkeit, die wir mit einem Artikel in der FAZ und Blogbeiträgen bei boersenblatt.net und Tredition erregt haben, ganz enorm. Hinzu kommen noch die informellen Reaktionen von Kolleginnen und Kollegen.

Lief das Projekt so, wie Sie sich das am Anfang vorgestellt hatten?

Im Wesentlichen haben sich die Erwartungen erfüllt. Wir hatten zwar bei der Vorbereitung mit einer größeren Teilnehmerzahl gerechnet, so dass die geringe Zahl die Arbeit in den Gruppen etwas erschwert hat. Insgesamt habe ich aber mit viel mehr Schwierigkeiten bei der Gruppenarbeit gerechnet. Es ist ja eine gewisse Herausforderung, dafür zu sorgen, dass in einer Gruppe tatsächlich gemeinsam etwas geleistet wird, wenn nicht ständig ein Dozent aufpasst. Ob und wie nun tatsächlich gearbeitet wurde, kann ich natürlich nur vermuten, da ich ja nicht ständig dabei war, aber die Ergebnisse sprechen für sich, und darauf kommt es schließlich an.

Wieviel Praxisbezug steckte in der Projektarbeit?

Das war wohl von Gruppe zu Gruppe sehr unterschiedlich. Einen Praxisbezug im weitesten Sinne von „aktiv und eigenständig etwas machen“ gab es sicherlich in allen Gruppen. Auch Wissenschaft ist ja eine Praxis. Aber wenn man unter Praxis vor allem den Bezug zum aktuellen Buchmarkt und seinen Akteuren im Hinblick auf ganz konkrete spätere Beschäftigungsmöglichkeiten versteht, hätten wir dazu insgesamt wohl etwas weiter gehen und nach der inhaltlichen Durchdringung des Themas zum Beispiel konkrete Geschäftsideen entwickeln und deren Realisierung mit Branchenkennern durchsprechen können.

Wo liegen die Vor- und Nachteile eines solchen Projektes, im Vergleich zu klassischen Seminaren oder Übungen?

Ich weiß gar nicht so recht, was ein klassisches Seminar eigentlich ist. Veranstaltungen, in denen sich ein Referat an das andere reiht, biete ich sowieso nicht an. Ich bestehe immer darauf, dass die Studierenden selbst etwas entwickeln. Das besondere bei unserem Studienprojekt war, dass die Studierenden auch konzeptionell vollständig mit einbezogen waren. Erwartet man von einer Lehrveranstaltung die strukturierte Weitergabe von klar definierten Wissensbeständen oder das Einüben von genau bestimmten Fertigkeiten, ist ein solches Studienprojekt natürlich defizitär. Vielmehr mussten die Studierenden Wissen anlassbezogen und aktiv selbst erarbeiten. Deshalb fördert dieses Modell neben den Fach- und Sozialkompetenzen vor allem die Selbstkompetenzen, also Fähigkeiten wie Selbstkontrolle, Engagement, Selbstständigkeit, Verlässlichkeit, die sowohl in der Wissenschaft als auch im Berufsleben entscheidend sind.

Die GLK-geförderten „Innovativen Lehrprojekte“ dienen u. a. dazu, neue Formen der Lehre auszutesten. Halten Sie es für sinnvoll, die von uns ausprobierte Form zukünftig zu wiederholen?

Dass man das Projekt eins zu eins wiederholt, kann nicht unbedingt das Ziel sein. Ich halte aber drei Facetten oder Teile für künftige Lehrveranstaltungen für sehr sinnvoll.  Da ist zunächst die langfristige konzeptionelle Einbindung von Studierenden in die Planung und Durchführung von Lehrveranstaltungen. Dafür gibt es verschiedenste Möglichkeiten. Für wesentlich halte ich auch den kreativen Umgang mit formalen Anforderungen. Wissenschaft braucht Freiheit. Das kommt in stark reglementierten Veranstaltungen vielleicht manchmal zu kurz. Sehr hilfreich ist dabei schließlich die Verbindung der Veranstaltungen eines Moduls, wie es in unserem Projekt ja auch gewesen ist. Für gewöhnlich sind die Module in Einzelveranstaltungen mit jeweils zwei Semesterwochenstunden aufgeteilt, in denen jeweils Studienleistungen erbracht werden müssen. Fasst man die zwei bis vier Veranstaltungen eines Moduls dagegen zusammen in eine integrierte Veranstaltung, schafft das Freiräume. Leider sind die bürokratischen Hürden dafür sehr hoch und nur bei großem Wohlwollen der Beteiligten (Prüfungsbüro, Studienmanagement etc.) zu überwinden, auch deshalb bedeuten solche Projekte für die Lehrenden einen sehr viel höheren Zeitaufwand in der Vorbereitung. Die dritte wichtige Facette schließlich ist die selbstständige Entwicklung von Themen und Inhalten.

Gerade dadurch hat sich jeder Teilnehmer ein sehr individuelles Paket an Fachwissen erarbeitet. Aber sollte ein Abschluss im selben Studienfach nicht besser einen identischen Wissensstand bei allen Absolventen sicherstellen?

Diesen Gedanken  halte ich für grundfalsch und weder dem eigenen Selbst der Studierenden noch der Lebenswirklichkeit oder der Wissenschaft dienlich. Vielmehr kann es in einem geisteswissenschaftlichen Universitätsstudium nur um individuelle thematische Schwerpunktbildung und die Ausbildung von Kompetenzen gehen, die in den eigenen Potenzialen gründen und zu den je eigenen Zielen führen. Dafür gibt es meiner Ansicht nach viel zu selten Gelegenheit.  Das heißt nicht, dass es nicht Veranstaltungen geben sollte, insbesondere Einführungen, die einen Methoden- und Wissenskanon vermitteln, aber der eigentliche Wert eines Studiums kann das wohl kaum sein.

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2 Kommentare zu “David Oels: „Wissenschaft braucht Freiheit“

    • Danke, danke! Also, insbes. was die guten Wünsche betrifft. Sind momentan selber sehr gespannt, was kommt. Vielleicht gehen wir ja mal bei euch ein bisschen Wildern und Ideen mopsen, für den Neustart. Wird dann aber natürlich alles redlich mit Fußnote belegt, wo kämen wir sonst hin.

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