Einfluss gleich Qualität?

Lukas Lieneke

Die Debatte um die Qualität von selbstpublizierter Literatur dürfte so alt sein wie das Selfpublishing selbst und wird trotzdem beständig weitergeführt, ohne zu einem befriedigenden Ergebnis zu kommen. Im Bereich der Belletristik bezieht sie sich in erster Linie auf Formalia wie Orthografie und Typografie, da sich hier die inhaltliche Qualität eines Textes oftmals einer objektiven Bewertung entzieht. Doch auch in der Wissenschaft ist es nicht immer einfach die Qualität eines Beitrags zu bemessen.

Anders als in der Belletristik, in der vor allem der Geschmack des Lesers über den Wert des Inhalts entscheidet, kann in der Wissenschaft sehr wohl zwischen »gut« und »schlecht«, zwischen »richtig« und »falsch« unterschieden werden. Daher ist eine inhaltliche Qualitätskontrolle hier sinnvoll und unumgänglich. Neben diversen Korrekturverfahren und Gütesiegeln werden Zitationsrankings, in denen Artikel nach der Häufigkeit ihrer Zitation gelistet werden, als gängiger Indikator für die Qualität eines Artikels genutzt.

Das wohl einflussreichste Ranking dieser Art, der »Journal Impact Factor« (JIF), wird jährlich vom US‑Unternehmen Thomson Reuters veröffentlicht, quasi eine Ratingagentur für Wissenschaftler. Er gibt an, wie oft die in einer bestimmten Zeitschrift erschienen Artikel im Durchschnitt zitiert werden. Um seinen Wert zu berechnen, wird die Anzahl der Zitationen zu der Anzahl der über einen Zeitraum von zwei Jahren veröffentlichten Artikel ins Verhältnis gesetzt. Die Höhe des Faktors gibt dabei Auskunft über das Renommee der Zeitschrift. Im Gegensatz zu anderen Qualitätssicherungsverfahren wie dem Peer Review, bei dem ein Artikel vor seinem Erscheinen durch eine Anzahl unabhängiger Wissenschaftler geprüft wird, erfolgt die Bewertung durch den JIF also erst nach dessen Veröffentlichung. Er bewertet außerdem nicht direkt die Qualität des Artikels, sondern vielmehr den Einfluss der Zeitschrift, in welcher er publiziert wurde.

Das Urteil dieser wissenschaftlichen Ratingagentur ist dabei oft ebenso weitreichend und umstritten, wie die Bewertungen ihrer Verwandten aus der Finanzwelt. Ursprünglich als bibliometrischer Richtwert entwickelt, der Bibliotheken zur Auswahl relevanter Fachzeitschriften dienen sollte, geriet der JIF stillschweigend zum vermeintlich universellen Maßstab für die Qualität der in den Zeitschriften erscheinenden Artikel. Ein Trugschluss, der großen Einfluss auf die Karrierechancen vieler Wissenschaftler haben kann, da der Impact Factor auch häufig bei Bewerbungen oder der Vergabe von Forschungsgeldern zu Rate gezogen wird.

Daher plädieren inzwischen viele Wissenschaftler und Bibliographen gegen die Nutzung des JIFs als Maßstab für die wissenschaftliche Leistung einzelner Autoren. Sie kritisieren dabei nicht nur, dass der JIF einer Zeitschrift häufig mit dem Wert der in ihr erscheinenden Artikel gleichgesetzt wird, sondern verweisen auch noch auf einige weitere Schwächen dieses Bewertungssystems. So werden mit dem JIF hauptsächlich englischsprachige Artikel aus dem Bereich der Naturwissenschaft bewertet, womit er nicht mehr den Voraussetzungen für einen internationalen und fächerübergreifenden Qualitätsstandard entspräche. Auch die Formel zur Berechnung des JIFs wird hinterfragt, denn Zeitschriften mit einer geringen Anzahl an Artikeln haben rechnerisch bessere Chancen auf ein hohes Rating. Zu guter Letzt muss ein Fachjournal mindestens drei Jahre lang regelmäßig publiziert haben, um in das Rating von Thomson Reuters aufgenommen zu werden. Vor allem das letzte Kriterium macht es vielen Selfpublishing-Zeitschriften nach wie vor schwer, vom JIF erfasst zu werden, da viele von ihnen deutlich unregelmäßiger publizieren, als die etablierten Verlagsformate.

Allerdings gibt es, zumindest aus Selfpublisher-Perspektive, einen Vorteil am Berechnungsverfahren des JIFs. Denn dank Google & Co. verfügen online publizierte Formate, wie Open Access-Zeitschriften, über eine sehr hohe Sichtbarkeit und sind noch dazu kostenlos. Zwei Gründe, die zu einer häufigen Zitation dieser Journale führen, weshalb mittlerweile einige Open Access-Zeitschriften über einen höheren Impact Factor verfügen, als manch renommiertes Fachjournal aus Verlagshand. Und möglicherweise wird sich damit langfristig auch die Einstellung vieler Wissenschaftler hinsichtlich des Renommees von Open Access-Artikeln verändern.

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4 Kommentare zu “Einfluss gleich Qualität?

  1. Gibt es denn eigentlich alternative Vorschläge, nach welcher Formel sich ein solcher Impact Factor sinnvoller berechnen ließe? So eine Art Normierung? Insgesamt ist es ja tatsächlich erstaunlich, dass eine so simpel berechnete Zahl so großen Einfluss hat. Zumal sie auch völlig beliebig ausfallen kann, und nicht beispielsweise irgendwo zwischen 0 und 1 liegt, wie es ja gerade in der Naturwissenschaft eigentlich häufig angestrebt wird.
    Wobei es ja in Sachen OA ziemlich wichtig und erfreulich ist, dass die Berechnung nicht weiter normiert oder korrigiert wird und somit einen unübersehbaren Beweis dafür abliefert, dass die freie Verfügbarkeit auf lange Sicht das A und O ist, um zitiert zu werden. Ich frage mich auch, inwieweit die Tatsache, dass Nature zukünftig (i.e. seit dem 20.10.’14) Artikel nur noch OA veröffentlichen will, mit der Feststellung zusammenhängt, dass man damit den JIF extrem hochziehen kann.

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    • Vielleicht ist die Popularität solcher Indizes einfach Ausdruck einer ausdifferenzierten und unüberschaubaren Forschungslandschaft, deren Einwohner gleichzeitig miteinander um Stellen und Drittmittel konkurieren. Gewiss ließen sich dafür auch andere Kriterien denken, etwa inwiefern bestimmte Arbeiten/Forschungen zur gesellschaftlichen Problemlösung beitragen oder dgl. Dies ließe sich aber einerseits schwer messen und andererseits würden damit externe Kriterien für die Bewertung von Wissenschaft herangezogen. Dass Zitationsindizes nicht nach Verlagen und dgl. fragen ist ebenfalls als Konzentration auf interne Kriterien zu verstehen. Fraglich ist im Zusammenhang mit Selfpublishing nur, wie und ob ohne „Zeitschrift“ publizierte Texte mit einbezogen werden können.

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    • Neben dem JIF existieren natürlich weitere Alternativmodelle, eines der bekanntesten ist z.B. der Hirsch-Index (h-Index), der nicht die Zitation von Zeitschriften, sondern einzelner Autoren misst. Allerdings gibt es auch an diesem Verfahren reichlich Kritikpunkte, beispielsweise kann es bei gleichnamigen Autoren zu Verwechslungen kommen, die eine falsche Berechnung der Zitationszahlen zur Folge hat.
      Im Fall von nature bin ich mir nicht sicher, ob die potentiell häufigere Zitation von OA-Artikeln ein Grund war, sich zukünftig für dieses Modell zu entscheiden. So weit ich weiß, ist nature seit Jahren die mit Abstand meistzitierte Fachzeitschrift (http://www.citefactor.org/journal-impact-factor-list-2014_N.html) und hätte es daher eigentlich nicht nötig, den eigenen Impact Factor durch den Umstieg auf OA zu pushen. Andererseits spricht natürlich nichts dagegen, diesen Vorsprung weiter auszubauen und da ist der Schritt zu OA sicher keine schlechte Wahl.

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      • Ideen, Rat und Lebenshilfe – heißen Sie Thomas Müller? Vergessen Sie Fußball, werden Sie lieber Wissenschaftler und profitieren Sie vom Hirsch-Index! (Ich für meinen Teil hätte dahingehend wohl eher schlechte Karten :/ )

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