Kommerzielle Plattformen – (k)ein Thema für uns?

So endlos und unüberschaubar unser Thema „Selfpublishing in der Wissenschaft“ auch ist, über eines waren wir uns ziemlich schnell einig: Mit Plattformen wie BoD, Kindle Direct Publishing und hausarbeiten.de brauchen wir uns gar nicht erst zu beschäftigen. Aus gegebenem (und ziemlich unerwartetem) Anlass standen wir allerdings plötzlich vor der Aufgabe, genau dazu eine Erklärung abzugeben. Eine, die irgendwie etwas reflektierter und ausführlicher klingt, als „Das hat ja nun wirklich nichts mit wissenschaftlichem Publizieren zu tun.“

Also schauten wir noch mal etwas genauer hin. Da wären zum einen diese sogenannten „Wissenschaftlichen Selfpublishing Plattformen“, die nach und nach allesamt vom GRIN Verlag verschluckt werden. Ja wirklich, verschluckt. Sei es nun Examicus oder Diplomarbeiten24, mittlerweile führen diverse von GRIN akquirierte Adressen auf eine zunächst völlig identisch wirkende Startseite. Erst auf den zweiten Blick lassen sich die kleinen Variationen erkennen, die noch an die unterschiedlichen Ursprünge der Plattformen erinnern.

Zum anderen wären da Anbieter wie epubli, die im Bereich Belletristik ganz vorne mitmischen. Die aber, für alle Fälle, auch eine mehr oder weniger gesonderte Rubrik für wissenschaftliche Arbeiten bereithalten. Und warum auch nicht? Für die Anbieter ist es kein Mehraufwand, auch andere Textarten zu vertreiben. Sie verfügen ja schon über die passende Infrastruktur und ein Buch ist ein Buch ist ein Buch, nicht wahr?

So ungefähr muss es sich jedenfalls die Verfasserin des Artikels „Selfpublishing – Ein Selbstversuch“ gedacht haben, der zunächst unser Interesse weckte. Dieser Selbstversuch bestand darin, dass die Autorin ihre Bachelorarbeit bei GRIN einstellte. „Das war‘s: Ich bin Internetautorin geworden“, resümiert sie, und mehr erfahren wir nicht. Zum Beispiel darüber, wie viele Exemplare sie auf diesem Weg für stolze 24,99 € inzwischen verkauft hat. Amazon verrät uns darüber auch nichts. Nur, dass die im Juni 2013 eingestellte Druckversion weder einen Verkaufsrang, noch eine einzige Bewertung hat. Was unsere Einschätzung des Potentials solcher Unterfangen zu bestätigen scheint: Das Selfpublishing-Dienstleistungskonzept unverändert aus der Belletristik für wissenschaftliche Arbeiten übernehmen zu wollen, ist in etwa so zielführend, als würde man Das Basiswissen der Chemie in der Buchhandlung zwischen Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär und Der Mann ohne Eigenschaften stellen. Kein Student, der auf dem Semesterplan seines Chemiedozenten „den Mortimer“ stehen hat, würde ihn bei den Romanen suchen und kaum einer, der in der Romanabteilung stöbert, wird sich spontan zum Kauf eines Chemielehrbuches für 65 € animieren lassen.

Ein (hoffentlich rein hypothetischer) Buchhändler, der seine Ware so stur nach Alphabet sortiert präsentiert, beweist damit, dass er die Bedürfnisse seiner Kunden nicht verstanden hat. Weder der potentielle Käufer, noch der Autor wären bei einem derartigen Service gut bedient. Ähnlich verhält es sich mit den besagten Plattformen.

Versetzen wir uns mal in den Nutzer. Jeder UB-Katalog bietet auf dem Datenblatt zu einer Publikation in der Regel auch das Inhaltsverzeichnis an. Dies hilft enorm bei der Einschätzung, ob die zunächst unter vielversprechendem Titel zutage geförderte Publikation für sein Thema tatsächlich relevant ist. So lässt sich bequem vom Schreibtisch aus abwägen, ob sich der Gang in den Lesesaal überhaupt lohnt. Ein Service, der umso hilfreicher wäre, wenn es darum geht, ob man zum Preis von 12,99 € oder mehr eine solche selbstveröffentlichte Arbeit kaufen möchte. Ein Service, den man auf diesen Plattformen jedoch vergeblich sucht. Dabei wäre es ein Leichtes, das Upload-Formular entsprechend zu gestalten und den Autor diese Daten selbst eintragen zu lassen, um sie benutzerfreundlich für jeden Titel an einheitlicher Stelle zur Anzeige bereitzuhalten. Stattdessen bleibt es den Autoren überlassen, ihr Dokument so zu gestalten, dass derartige Informationen in der „Leseprobe“ enthalten sind. Jedoch beweisen nur die allerwenigsten von ihnen so viel Weitsicht und Erfahrung im Umgang mit Fachliteratur, eben diese Leseprobe gezielt dafür einzusetzen. (Manche verwenden sie lieber, um in einem ausgiebigen Vorwort zu erklären, wie sie zu ihrem Studienfach kamen und ihrer Mutter für das offene Ohr und die Schnittchen zu danken, ohne die … lassen wir das).

Unterm Strich bestätigt unser Erkundungsspaziergang in verschiedenen Katalogen jedenfalls, dass wir es hier mit Dienstleistern zu tun haben, die es erstaunlich wenig zu kümmern scheint, wie sie an der Schnittstelle zwischen Autor und Leser optimal vermitteln können. Zumindest wenn man von der Annahme ausgeht, dass diese Kunden tatsächlich Wissenschaftler sind oder solche, die es werden wollen. Spätestens dann dürfte es von Interesse sein, dass Fachverlage den potentiellen Käufern häufig nicht nur die Inhaltsübersicht, sondern sogar die Liste der verwendeten Literatur separat zur Verfügung stellen.

Ganz recht: Auch wenn wir der Frage nachspüren, ob und wie Selfpublishing eine vollwertige Alternative zum Verlag sein kann, so lässt sich kaum bestreiten, dass eine wirklich gute Selfpublishing-Plattform von niemand anderem besser entwickelt werden könnte, als von einem Fachverlag. Genau dort sitzen die Experten, die wissen worauf es ankommt. Die „ideale Plattform“, die alle heißdiskutierten Wünsche der Wissenschaftsgemeinde erfüllen kann, werden sie wohl trotzdem nicht so bald an den Start bringen. Denn eine Open Access-Publikation, für die auch der Herausgeber nicht zur Kasse gebeten wird, generiert in der Tat erstaunlich wenig Umsatz und stellt damit wohl ein nur mäßig interessantes Geschäftsmodell dar.

Aber was interessant ist, und was nicht, das ist wie gesagt sehr abhängig vom Blickwinkel. Es ist jedenfalls nicht von der Hand zu weisen, dass es einen Markt für die zigtausend Hausarbeiten auf besagten Plattformen geben muss. „Autor werden zum Nulltarif“ und bis zu 40% Beteiligung am Verkaufserlös, da muss so einiges an Verkäufen zusammenkommen, anders ist eine derartige Expansionspolitik kaum zu erklären. Wer diese Käufer sind, und vor allem, was sie eigentlich mit diesen Inhalten anstellen – das ist in der Tat mal eine spannende Frage, der wir unbedingt weiter …

Aber halt.

Eigentlich sind diese Plattformen ja gar kein Thema für uns.

Advertisements

2 Kommentare zu “Kommerzielle Plattformen – (k)ein Thema für uns?

  1. Naja, vielleicht betrifft uns das Thema doch. Auch wenn GRIN oder KDP nicht die optimale Plattform zum publizieren seriöser Fachliteratur bieten, so ändert dies nichts daran, dass es sich hierbei ebenfalls um wissenschaftliches Selfpublishing handelt, also um unser Themengebiet. Außerdem hast du ja ganz richtig festgestellt: Es wird einen Grund geben, weshalb auf GRIN und Co. zigtausende durchaus wissenschaftliche Artikel eingestellt werden. Und angesichts solcher Zahlen halte ich GRIN für ein Angebot, dass man eventuell im Auge behalten sollte.

    Die Frage nach den Käufern finde ich ebenfalls spannend. Schließlich sollte die Perspektive der Rezipienten beim wissenschaftlichen Selfpublishing ebenfalls eine Rolle spielen (sprich: Aus welchen Gründen greifen Leute auf SP-Texte von GRIN und Co zurück?) Von daher fände ich es durchaus interessant, dieses Thema zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal aufzugreifen.

    Gefällt 1 Person

    • Im Mittelpunkt steht für mich die (Forschungs-)Frage, ob und wie Selfpublishing den Verlag ersetzen könnte. Die Kernaussage, die ich mit dem Artikel unterstreichen möchte, besteht deshalb darin, dass ich es für den falschen Ansatz halte, das Plattform-Modell 1:1 aus der Belletristik zu übernehmen. Um mit den etablierten Konventionen brechen zu können, müsste eine SP-Plattform meines Erachtens weitere, wesentliche Punkte berücksichtigen. Das Inhaltsverzeichnis wähle ich deshalb als Beispiel, weil es bei einem selbstpublizierten Roman in dem Kontext tatsächlich völlig unwichtig ist und keinen vergleichbaren Aussagewert hat. Es ist natürlich nur ein einziges Element, an dem aber sehr deutlich wird, dass die Textarten sich maßgeblich voneinander unterscheiden.

      Insofern stimme ich dir zu: Die von mir hier thematisierten Plattformen sind natürlich allein schon deshalb für uns relevant, weil man sie sehr viel genauer betrachten muss, um wirklich begründen zu können, warum sie keine gute Lösung sind (daran halte ich weiterhin fest). Was eben nicht bedeutet, dass sie kein funktionierendes Geschäftsmodell sind, es steckt offensichtlich sehr viel ökonomisches Potential darin. Die Frage, was Nutzer mit den erworbenen Inhalten machen, dürfte sehr schwierig zu beantworten sein. Ich vermute, dass sich nur ein sehr kleiner Bruchteil wirklich gut verkauft und die überwiegende Masse sozusagen als Karteileiche einfach herumliegt. Welches sind also die Erfolgstitel? Dafür bräuchte man genauere Zahlen vom Unternehmen, wobei das plattformeigene Bestseller Ranking natürlich einen ersten, aber stark verzerrten, Eindruck vermittelt. Und was passiert mit den Inhalten? Sind diejenigen, die sie herunterladen, auch diejenigen, die ihre eigenen Texte hochladen? Werden Ideen geklaut oder wird tatsächlich redlich zitiert? Dazu müsste man wiederum mit einer Art Volltextsuche nach Zitaten stöbern, das wiederum geht natürlich nicht, so lange von den meisten Texten nur eine Leseprobe einsehbar ist (und das Literaturverzeichnis nicht dazugehört) …

      Gefällt mir

kommentieren

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s