Was vom Text übrig blieb

Felicitas Boos

Am vergangen Freitag begrüßten wir Buchwissenschaftler gespannt Germanisten zur gemeinsamen Diskussion zum Thema „Autorschaft“. Unser ausführlicher Austausch über die theoretischen Ansätze mit Timothy Attanucci und Studierenden seines Masterseminars zu diesem Thema sollte unseren Blick schärfen und uns als Ausgangspunkt für unsere kommende Arbeit an einer Theorie des heutigen selbstpublizierenden Autors dienen.

Dabei stellte sich schnell heraus, dass die Frage nach dem Autor eines Textes schwerlich zu ignorieren ist. Zwar ist unser Interesse, beispielsweise bei Gebrauchsanweisungen, nicht besonders hoch, wer sie im Einzelnen verfasst hat, dennoch stellen wir den Sachverstand des Autors nicht in Frage. An diesem Punkt weitete sich die Diskussion darauf aus, ob es Textformen gäbe, bei denen der Autor vernachlässigt werden könnte oder müsste. Als Beispiel dafür wurde die Mythenliteratur herbeigezogen. Anders als Romane oder Novellen entspringen Mythen der Mündlichkeit und daher kann eine Rezeption der Verschriftlichung ohne eine Autoridentität erfolgen. Der einzige Fall, bei dem der Autor in diesem Bereich in den Vordergrund treten könnte, ist, wenn sich der Autor bewusst in einen Diskurs einbringt. Als Beispiel kann hier Goethes Prometheus genannt werden. Hier wird ein Mythos durch den Autor bewusst in seinen Werkzusammenhang integriert.

Insgesamt ist auch der Begriff des Werkszusammenhangs zu diskutieren. Was ist mit Werken, die ein Autor unter einem Pseudonym veröffentlicht? Als aktueller Vergleich kann hier J. K. Rowling dienen, die sich genötigt sah ihren ersten Kriminalroman „Der Ruf des Kuckucks“ unter dem Pseudonym Robert Galbraith zu veröffentlichen, da sich ihr Krimi offensichtlich von ihren Harry-Potter-Romanen unterschied. Ein ähnliches stilistisches Mittel wird auch von Selfpublishing-Autoren verwendet, wenn sie ihre Werke unter einem Pseudonym veröffentlichen, dessen Biographie sich an die Geschichte ihres Werkes sehr annähert. [1] Dennoch, und das zeigt die Veröffentlichung von J. K. Rowling, ist das Erstaunen der Leser umso größer, entpuppt sich hinter dem Pseudonym eine Autorpersönlichkeit, die so nicht erwartet wurde.

Aber – und das bildete den größten und am meisten diskutierten Teil unseres Zusammentreffens – ist es wirklich immer der eine genannte Autor, der hinter einem Werk zu stecken scheint? Haben nicht auch Verleger, Korrektoren oder Übersetzer einen nicht unwesentlichen Anteil an der Endfassung eines Werkes? Dieser Aspekt kam besonders uns Buchwissenschaftlern in den thematisierten Theorien zur Autorschaft zu kurz. Dass Verlegen eine Kunst ist, schien irgendwo auf der Strecke verloren gegangen zu sein. Allein das Veröffentlichen in einem Verlag integriert den Autor unwiederbringlich in die kollektive Identität eines Verlages und kann die Rezeption eines Werkes beeinflussen. An diesem Punkt können wir in der nächsten Woche ansetzen und danach fragen, ob das Label des Selfpublishing an sich auch eine solche kollektive Identität wie ein Verlagslabel bildet oder ob das Selfpublishing den Autoren die Möglichkeit bietet ihre eigene Identität zu wahren und sich somit dem Kollektiv zu entziehen. Kann sich durch Selfpublishing der Autor dann auch von dieser vermeintlichen kollektiven Autorschaft befreien, die beim Publizieren durch einen Verlag zwangsläufig entsteht? Alle Aufgabenbereiche des Verlags müssten sich dazu beim Autor vereinen, damit dieser den Anspruch auf die alleinige Autorschaft für sich erheben kann.

[1] s. dazu Biographie von Yuki Mai in Bezug auf die Story von „Midori. Trug und Schein“

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