Ein Abend im Pub

Sebastian Bröhm 

Kiljan stand an der Ecke und wartete. Ein sich stetig verdunkelnder Himmel schaute missmutig auf ihn herab. Es würde bald zu regnen beginnen. Sie waren zum Kaffee verabredet gewesen, doch sie hatte ihn kurzfristig auf den Abend vertröstet. Die Arbeit! Sie schrieb zu der Zeit an einem neuen Buch – und da ist man nicht immer ganz so flexibel, wie sie sich auszudrücken pflegte. Die Wolken sanken immer tiefer, wie ihm schien, und er hoffte, sie würde bald auftauchen. Ihm war kalt. Ein eisiger Wind blies durch die Straßen und kündigte den nahenden Winter an.

„Hallo, Kiljan!“ ertönte plötzlich eine Stimme hinter ihm. Er zuckte zusammen; er hatte sie nicht kommen hören.

„Selma!“

„Wie geht es dir, mein Lieber?“

„Soweit ganz gut. Und dir?“ Sie begrüßten sich ungewohnt förmlich per Handschlag. „Kommst du voran mit deinem Buch?“

„Danke, ja, es geht schon. Ich bin ganz zufrieden.“

„Worüber schreibst du diesmal?“

„Naja, es wird wieder ein Frauenroman … so Liebeskram eben. Mann trifft Frau, sie verlieben sich, etwas Eifersüchtelei … Frauen wollen das lesen. Zumindest schreiben sie mir das immer wieder. Und ich gehe darauf ein.“

„Deine Leser schreiben dir?“ fragte Kiljan sichtlich verwirrt.

„Klar! Ich bitte sie schließlich darum; und außerdem ist das so üblich. Wenn du keinen Verlag im Rücken hast und selbst publizierst, so wie ich das mache, musst du dich um Leserkontakt bemühen. Du musst dich darüber hinaus selbst um deine eigene Markenbildung kümmern.“

„Und du setzt um, was sie dir vorschlagen?“ Kiljan verstand die Welt nicht mehr.

„Lass es mich so ausdrücken: Ich picke mir die besten Leserideen heraus, lasse mich davon inspirieren und verwebe das Ganze zu einem eigenen Gebilde. Patchwork-Writing könnte man dazu sagen.“

„Aber du würdest es dennoch als dein Werk betrachten?“

„Natürlich ist es mein Werk. Ich lasse mich schließlich nur davon inspirieren.“

Inspiration, dieses Wort!, dachte Kiljan.

„Hast du bereits einen vorläufigen Titel für deinen Roman?“

„Er wird Die Liebe am Ende des Morgens heißen.“

„Mhm“, murmelte Kiljan, „klingt irgendwie … philosophisch.“ Er wollte ihr schmeicheln.

„Na, wenn du meinst.“ Selma schüttelte etwas verständnislos den Kopf. „Wie gesagt: Es wird eher ein Frauenroman.“

„Du hast gesagt, dass du alles selbst machst“, bohrte Kiljan weiter. „Aber ist das nicht total zeit- und auch kostenintensiv, sich um alles selbst zu kümmern: Werbung, Marketing, Covergestaltung und was sonst noch so anfällt? Und geschrieben werden will so ein Roman ja schließlich auch.“

„Natürlich muss ich viel reinstecken, aber ich verkaufe ja auch gut. Das macht alles wieder wett. Ein wenig Glück muss man natürlich auch haben. Ein reines Draufleggeschäft wäre wohl zermürbend. Aber darüber muss ich mir glücklicherweise keine Gedanken machen“, entgegnete sie grinsend.

„Sag mal, sollen wir nicht langsam reingehen?“

„Gerne.“

Sie betraten Old Henry’s Pub. Eine kleine Kneipe im Herzen der Altstadt und ganz in der Nähe des Hafens, die sie schon bei ihren früheren Treffen oft aufgesucht hatten. An der Theke saßen immer noch die üblichen schwammigen Gestalten vor ihren ewigen halbvollen Gläsern. Die Luft war erfüllt von kaltem Rauch. Der Wirt zapfte Bier und grüßte Kiljan und Selma freundlich, als sie den Schankraum betraten. Sie suchten sich einen Tisch in der hinteren Ecke des Raumes aus und setzten sich. Die holzgetäfelten Wände verliehen dem Pub seinen Charme. Der Wirt trat zu ihnen.

„Was darf’s denn sein?“

„Für mich einen Gin Tonic“, sagte Kiljan. „Und du?“

„Für mich dasselbe“, antwortete Selma.

„Gerne!“ sagte der Wirt und verschwand hinter seinem Tresen. Hier bediente der Chef noch selbst. Das war mittlerweile eher eine Seltenheit. Zwei Minuten später standen die Drinks auf dem Tisch. Kiljan honorierte dies mit einem Lächeln.

„Was ich nicht ganz verstehe…“, nahm Kiljan das Gespräch wieder auf, „sorgt dieses ganze Selbstveröffentlichen – oder wie sagst du immer?“

„Selfpublishing“, antwortete Selma.

„Ja, Selfpublishing – sorgt dieses sogenannte Selfpublishing nicht für eine totale Überflutung des Marktes?“

„Nun ja“, Selma räusperte sich, „die eifrige Leserschaft rechtfertigt es wohl. Es scheint großen Bedarf und somit einen Markt dafür zu geben.“

„Es tut mir leid, aber ich will das nicht so richtig verstehen. Für mich stellen Verlage immer noch eine Art Qualitätsinstanz dar. Da gibt es eine Handvoll Leute, die sich hinter ein Produkt stellen und dafür mit ihrem Namen bürgen.“

„Selfpublisher stehen auch hinter ihrem Produkt, wie du es nennst“, entgegnete Selma energisch.

„Schon“, sagte Kiljan entschieden, „aber du kannst es nicht vergleichen. Natürlich will auch ein Verlag sein Produkt verkaufen und wird es somit von seiner besten Seite präsentieren. Aber entsprechend sorgfältig wurde es auch betreut. Man hat das Manuskript Korrektur gelesen, mehrmals, man hat sich eingehend über eine passende und überzeugende Covergestaltung unterhalten und so weiter. Das sind Profis, die außerdem den nötigen Abstand zum Manuskript besitzen, da sie es nicht selbst verfasst haben. Selma, ich will dir wirklich nicht zu nahe treten, aber diesen Qualitätsgrad kann eine einzelne Person doch gar nicht erreichen!“

Kiljan war davon überzeugt, dass sie ihm beipflichten musste. Und obwohl er sich sicher war, dass sie ihm daraufhin eigentlich nichts entgegnen konnte, nagten dennoch leise Zweifel an seiner Argumentation.                                                 Er schaute ihr tief in die Augen. Ihre Lippen begannen zu zittern, woraufhin sie ein sanftes Lächeln gebaren. Seine Augen blieben in ihrem Gesicht hängen. Wie schön sie doch war! Er konnte nicht verstehen, warum sich ihre Wege getrennt hatten. Was war der Grund dafür gewesen? Er konnte sich nicht daran erinnern. Diese Frau! Was würde er darum geben, noch einmal eine Nacht mit ihr verbringen zu können. Vielleicht würde sie es ja in ihr nächstes Buch einfließen lassen. Wer konnte das schon so genau sagen. Keiner von beiden sprach ein Wort. Eine heftige Anspannung machte sich in Kiljans Brustkorb breit. Ob es ihr auch so ginge?

So saßen sie zwei Stunden und kreisten eigentlich die gesamte Zeit um ein- und dasselbe Thema. Kiljan war verwirrt, denn es faszinierte und langweilte ihn gleichermaßen. Er konnte nicht in Worte fassen, worin die Faszination dieser Thematik lag. Sie waren mittlerweile beim dritten Gin Tonic angekommen.

„Was mich noch interessiert, Selma: Wenn nun ein Verlag bei dir anklopfen würde … würdest du für ein entsprechendes Sümmchen das Lager wechseln?“

Selma legte eine Kunstpause ein, antwortete dann aber grinsend: „Klar, scheiß drauf! Prostitution hin oder her. Wenn das Kleingeld stimmt, würde ich natürlich zu einem Verlag gehen. Warum nicht?“

„Das heißt also, du würdest deine ganze Überzeugung hinsichtlich des unabhängigen Schreibens wegwerfen, einfach so, des Geldes wegen? Wo bleibt da deine Glaubwürdigkeit?“

„Stop, Kiljan, stop! Ich habe nie behauptet, einer von den Autoren zu sein, die ständig betonen, sie wollen niemals zu einem Verlag gehen. Das hast du dir erdichtet, mein Lieber! Ich habe die Schreiberei völlig unbedarft und ohne größere Ambitionen begonnen. Niemals hätte ich geahnt, dass ich so viel Erfolg damit haben könnte. Die Möglichkeiten auszureizen, die das unabhängige Publizieren mit sich bringt – das habe ich erst später für mich entdeckt. Und darum ging es mir schließlich immer: zu schauen, wie weit ich damit kommen kann.“

Kiljan nahm einen kräftigen Schluck von seinem Drink und schaute gedankenverloren aus dem Fenster. Ein heftiger Regen schlug mittlerweile gegen die Scheiben des Pubs. Auch er hatte immer schon gerne geschrieben. Vielleicht sollte er es auch einmal auf diese Art und Weise versuchen. Möglicherweise könnte auch er gutes Geld damit verdienen. Es wäre nicht das Schlechteste im Moment. Seine gelegentlichen redaktionellen Auftragsjobs brachten ihm nicht viel ein. Doch es widersprach eigentlich seinen Vorstellungen und Überzeugungen.

Er beobachtete einzelne Regentropfen, wie sie auf der Fensterscheibe aufschlugen und anschließend an ihr hinabliefen, bis zu einem Punkt, den Kiljan nur erahnen konnte. Für einige Momente vergaß er alles: sein Umfeld, Selma, ja sogar sich selbst…

Kiljan konnte an ihrem Gesicht ablesen, dass sie müde war. Er schlug vor, zu gehen. Selma war ihm dankbar dafür. Sie sagte, sie wolle zu Hause noch ein, zwei Kapitel überarbeiten, dann aber auch direkt ins Bett. Seine Chancen sah er in diesem Moment zusammen mit seinen Träumereien in den vorwinterlichen Himmel davonziehen. Was hatte er auch erwartet?

Sie verließen Old Henry’s Pub. Vor der Tür nahm er sie in den Arm und gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange.

„Mach’s gut – und viel Erfolg mit deinem Buch!“

„Danke! Ich lass es dir zukommen, sobald es fertig ist.“

„Ich werde es lesen.“

Sie gingen in unterschiedliche Richtungen davon. Kiljan drehte sich noch einmal nach ihr um. Das hatte er schon immer getan und auch diesmal konnte er den Impuls nicht unterdrücken. Er sah ihr nach, wie sie in die Nacht verschwand. Eine tolle Frau, dachte er, und wieder bereute er es, dass sich ihre Wege damals getrennt hatten. Sonst könnte er heute behaupten, er sei mit einer Autorin zusammen. Das klang irgendwie gut. Nur, dass sie bei keinem Verlag zu Hause war und ihre Sachen selbst veröffentlichte – das würde er wahrscheinlich verschweigen. Auf ihn wirkte es einfach nicht annähernd so professionell.

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Ein Kommentar zu “Ein Abend im Pub

  1. Was geschieht als nächstes? Wird Kilijan seine Liebesgeschichte aufschreiben? In der Hoffnung auf eine Fortsetzung in der Realität? Oder wird er als Leser – vielleicht unter einem Pseudonym – zu Selma Kontakt aufnehmen, um sie zu gewinnen? Bestimmt wird er dann seine Vorurteile gegen das Selfpublishing revidieren und stolz darauf sein, als eine Art Lektor, Redakteur und Manager an Selmas Erfolg teilhaben zu können.

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