Ein fanfictionales Dekameron – Im Gespräch mit einer FF-Schreiberin

Samuel Kerber

Hoch lohten die Flammen des Lagerfeuers, das wir im örtlichen Kulturcafé entzündet hatten und eng hafteten unsere Augen an dem neuen Gesicht in unserer eingeschworenen Mitte: Larissa, oder Blaetterwind, wie ihr Pseudonym lautete, schrieb Fan Fiction und lugte neugierig zurück: „Nun, was soll ich euch erzählen?“

Fragend blickten wir uns an. Viele Mythen und Geschichten rankten sich um diese scheuen Wesen, aber nun saß sie leibhaftig vor uns und war keine 14-jährige Teenagerin.

Als sie unsere zurückhaltende Vorsicht bemerkte, nippte sie noch einmal an ihrer Limo, lehnte sich nach vorne und begann zu erzählen:

Die Motivation und das Meer

Ein Fanfiction-Autor und ein Self Publisher fuhren viele Jahre gemeinsam zur See, sie saßen nebeneinander im Boot des Schreibens und angelten Themen.

Eines Tages sprach der Self Publisher: „Wusstest du, dass der quergekitschte Romance-Aal zu den am schwersten zu fangenden Themen der Welt gehört? Wenn ich nur einen fangen sollte, würde man mich überall als großen Fischer anerkennen und ich könnte von der Fischerei leben!“ So sprach der Self Publisher und holte mit seiner Angel weit aus, um möglichst weit schweifend fischen zu können. Der FF-Autor aber saß ruhig in seiner Hälfte des Bootes und sagte kein Wort.

Nur kurze Zeit später kreuzte einer besagter Romance-Aale den kleinen Kahn und der Self Publisher zitterte vor Aufregung. Aber was war das? Schwamm dort nicht der wertvolle Krimithrillerdorsch? Schnell zog er die Angel aus dem Wasser und warf sie nach dem neuen Opfer aus. Der FF-Autor aber wartete und schwieg.

Schnell war der Krimithrillerdorsch nahe am Köder, aber wieder zog der Self Publisher die Angel zurück. Was war nun, wenn auch noch ein Digital Enhanced Lachs vorbei schwamm? Oder eine Sachbuchsardine? Sollte er seine Köder so einfach verschwenden? Oder besser doch das erstbeste Thema fangen, das ihm über den Weg lief? Und während der Self Publisher noch nachdachte, schwamm ein kleines, unscheinbares Thema an die Angel des FF-Autors. Es war ein sehr kleines Thema und wurde vermutlich von vielen anderen gefangen. Aber es kam zu ihm und daher fing er es und das Boot füllte sich mit Worten. Was aus dem Self Publisher wurde? Man erzählt sich, dass er sich ein Thema aus Pappmaché bastelte und dann Leute dafür bezahlte, es ihm abzukaufen. Aber das verschwindet im Dunkel der Geschichte.

Nach dieser Geschichte war das Eis gebrochen. Ausgiebig diskutierten wir über Inhalt und Bedeutung des Gesagten, war es also so, dass FF-Autoren zuerst das Thema haben und das Schreiben nur die Ausdrucksform für dieses Gefühl ist? Und ist es bei Self Publishern so, dass das Schreiben zum Mittel zum Zweck instrumentalisiert wird, für Geld oder Bekanntheit oder Anerkanntheit?

„Ich kann doch nicht für alle sprechen“, grinste uns Larissa an und auch wir waren uns einig, dass es so einfach nicht ist. Trotzdem hatten wir einen Punkt gefunden, den es zu erwägen lohnt. Kurz darauf schwenkten wir aber in eine andere Richtung. Wir hatten uns in der Vergangenheit mit der Einstellung von Autoren zu Fanfictions beschäftigt, nun wollten wir wissen, wie sich das Thema aus Sicht eines Schreibers darstellte.

Also sprach Diana Gabaldon

„Fanfictions sind Übel!“ sprach Diana Gabaldon und hörte mit Genuss, wie pathetisch ihre Stimme vor der Menschenmenge nachklang. „Gibt es denn nicht ein heiliges Vorrecht des Autors an seinem Werk? Ist nicht die Aneignung einer Geschichte, um daraus eine andere Geschichte zu machen, genauso schändlich wie Diebstahl? Wenn nun aber ein Schuft Geschichten über meine Welt schreiben, dann nicht unter der Prämisse, die ich hineinlegen wollte. Nein, worüber schreiben diese Schurken? Über Sex!“ Diana war zufrieden mit sich, aber um sicherzugehen, dass alle den Höhepunkt ihrer Rede mitbekommen hatten, bohrte sie noch einmal den Zeigefinger in die Höhe und brüllte „Über Sex!“

Stille im Publikum.

Doch gerade, als Diana erneut Luft holen wollte, meldete sich einer der umstehenden Männer. „Aber handeln Ihre Geschichten nicht auch von…Sex?“ Diana strafte ihn mit einem giftigen Blick. „Das ist anspruchsvolle Liebesliteratur! Und zudem historisch!“ – „Naaaaaaaja, Liebesliteratur. Ein Schatten von Verrat und Liebe, uiuiui. Bei uns heißen solche Bücher Nackenbeißer.“

„Genau,“ mischte sich jetzt ein älterer Herr ein, „wäre es nicht eher ein Missbrauch Ihrer Geschichte, wenn die Fanfictions nicht von Sex handeln würden?“

„Was?!“, fauchte Diana. „Na, sehen Sie es doch einmal so“, setzte der Mann an und zog eine Tabakpfeife hervor, „um einer Geschichte gerecht zu werden, muss man möglichst nah an dem Original bleiben. Sicher kann man die Charaktertiefe und das Setting niemals genau treffen, aber solange man es versucht, benutzt man seine eigene Phantasie, um die Geschichte um Aspekte zu erweitern, die den Autor nicht interessiert haben, oder an die er vielleicht schlichtweg nicht gedacht hat. Wenn man nun aber etwas völlig anderes schreibt, dann instrumentalisiert man ja die Geschichte des Autors für seine eigene Geschichte. Man will quasi etwas eigenes schreiben, ohne sich dabei mit Charaktererstellung und Weltschöpfung abgeben zu müssen. Lange Rede, kurzer Sinn: Man missbraucht eine Geschichte, wenn man sie zu einer anderen Geschichte macht.“ Der Mann zog einen tiefen Zug aus er Pfeife.

„Was?!“, sagte Diana probehalber noch einmal. Sie hatte das Gefühl, dass ihr die allgemeine Diskussion etwas entglitten war. Eine Frau aus der hintersten Reihe rief nach vorne: „Aber das bedeutet ja, dass man ihre Geschichten nur dann missbrauchen würde, wenn man über, was weiß ich, händchenhaltende 15-jährige schreiben würde.“

„Über händchenhaltende, 15-jährige Highlander.“ bestätigte ein Mann, der sich in Dianas Gesamtwerk gut auskannte.

Der Mann vom Anfang setzte sich nachdenklich auf einen Stein und sinnierte: „Also toleriert J.K. Rowling Fanfictions, solange sie züchtig sind, weil sie selbst züchtige Geschichten schreibt? Mehr als ein paar Küsschen kommen da ja nicht vor.“

„Ein interessanter Ansatz“, sprach ein dicklicher Mann aus der Menge, „dann ist die Twilight-Serie unter FF-Autoren wohl so beliebt, weil man dort seine latenten sadomasochistischen Triebe ausdrücken kann, ohne die Originalgeschichte zu missbrauchen…“

„Aber da machen Sie es sich doch sehr einfach, Trieb ist doch nicht gleich Trieb, haben sie denn ihren Freud nicht gelesen!“ fiel ihm eine junge Dame ins Wort.

„Was erdreisten Sie sich, Madame, der Stein des Anstoßes bei den meisten Autoren sind nun mal die oft phantasievoll angelegten Sexszenen.“

Der ältere Herr steckte sich eine neue Pfeife an, blies einen Rauchring und sagte nüchtern: „Vielleicht sollten wir erstmal den genauen Bereich „Triebe“ abstecken, bevor wir ausführlicher debattieren…“

Während die Diskussion hin und her wogte, stand Diana verloren herum. „Nun, ich gehe jetzt.“, warf sie schüchtern ein, aber niemand hörte ihr mehr zu. „In den Armen eines starken Highlanders versinken und so.“ Also sprach Diana Gabaldon.

„Diana Gabaldon“, lachte einer aus unserer Gruppe, „Tja, wenn man sich so vehement gegen Fanfiction ausspricht, sollte man gut auf das achten, was man selbst geschrieben hat.“

„Ganz Unrecht hatte sie aber nicht“, erwiderte ein anderer, „es ist nun einmal unbestreitbar die Geschichte des Autors.“ Larissa mischte sich ein: „Absolut, und das sollte man auch respektieren. Genauso, wie man eigentlich keine Fanfictions über reale Personen schreiben sollte. Das ist ja wie… wie eine Kamera im Bad, die dann nicht mal das aufnimmt, was wirklich passiert. Aber leider ist das Bewustsein dafür bei manchen FF-Schreibern ungefähr so stark ausgeprägt wie das Bewusstsein über die rechtliche Situation.“ Fragend schauen wir sie an. „Na, gar nicht!“, antwortet sie uns lachend.

„Also, wenn ich das jetzt richtig verstanden habe“, fragt einer aus der Runde, nachdem er nachdenklich an seiner markenneutralen Cola genippt hat, „definiert sich Fanfiction nicht nur über das Geschriebene an sich, sondern auch über die Community.“ Larissa nickt eifrig. „Es ist ganz einfach: Man schreibt, man lädt hoch, die Leute sagen, was sie davon halten. Keine Probleme mit Verkauf, Distribution oder sonst etwas. Nur die Geschichte.“

„Dann gibt es doch sicherlich Unterschiede zwischen den einzelnen Plattformen. Was hältst du denn von der neuen Plattform von Amazon? Kindle Worlds.“

Brave New Kindle Worlds

Eine Frau kommt in einen Buchladen.

„Hallo, ich hätte gerne ein Buch. Nichts schwieriges, am besten eine Abenteuergeschichte.“

„Oh, Abenteuergeschichten haben wir leider nicht.“, erwidert der Buchhändler freundlich, „Wir wollen keine Gewalt in unseren Bücherregalen.“

„Nun, wie wäre es dann mit einer Liebesgeschichte?“, fragt die erstaunte Kundin. „Eine Liebesgeschichte?“ empört sich der Buchhändler, „Sex ist doch sogar noch schlimmer als Gewalt. Außerdem bin ich Mormone!“

„Äh…also…wie wäre es dann mit einer Biographie?“ – „Originalplots sind bei uns streng untersagt!“ – „Ein Sachbuch?“ – „Sachbücher? Heißen wir Kindle Worlds oder Kindle Realität?“ – „Was haben Sie denn überhaupt im Sortiment?“ Auf diese Frage hin schaut der Verkäufer der Frau lange in die Augen, zieht genüsslich ein Buch unter der Theke vor und haucht der verschreckten Kundin ins Ohr: „Wir haben Gossip Girl!“

„Wieso kauft nur nie jemand bei uns?“, fragt sich der Verkäufer, während er der aus dem Laden stürmenden Kundin hinterher sieht und richtet dann seine Augen auf den abendlichen Afterglow.

Wir lachen.

Amazonspott zu später Stunde tut uns gut. Aber mittlerweile ist das Gespräch wie die letzte Flasche Gutenbergbräu erschöpfend behandelt und wir alle haben das Gefühl, dass das persönliche Erleben unsere Forschungen weiter gebracht hat. Manches hat sich bestätigt, manches verändert, manches als falsch erwiesen. Wir stehen von unserem Platz auf, das Lagerfeuer ist da schon lange heruntergebrannt.

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