Aktuelle Herausforderungen für Universitätsbibliotheken

Carolin Schenk

In unserer ersten Gruppensitzung im neuen Jahr empfingen wir den Direktor der Universitätsbibliothek Mainz (UB), Dr. Andreas Brandtner. Seit 2011 leitet er die UB und ist gleichzeitig Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Mainz University Press. Im Gespräch mit Dr. Brandtner erhielten wir einen Einblick in die Arbeit der UB Mainz, ihre Open Access-Aktivitäten und die verschiedenen Möglichkeiten von Selfpublishing an der Johannes Gutenberg-Universität.

Im ersten Teil der Sitzung gab Brandtner einen groben Überblick über die UB und ihre Organisation. Etwa 150 Vollzeitäquivalente (ca. 200 Mitarbeiter) kümmern sich um rund 3.115.000 Medieneinheiten und ca. 40.000 lizenzierte E-Journals, wobei sich der Bestand auf die Zentralbibliothek und die neun Bereichsbibliotheken aufteilt. Die Entleihungen pro Jahr (675.935) im Vergleich zu den jährlichen Bibliotheksbesuchen (2.345.599), die über einen Zähler an der Eingangstür ermittelt werden, deuten darauf hin, dass die Nutzung der Bibliothek nicht immer mit der Entleihung von Büchern einhergeht, des Öfteren wird sie einfach als Arbeitsplatz genutzt. Dazu passt Brandtners Aussage, dass der Buchbestand in Zukunft immer mehr abnehmen wird und in den kommenden drei bis fünf Jahren mehr Medien aussortiert als eingekauft werden. Dies betrifft aktuell vor allem Dubletten. Sofern die langfristige Verfügbarkeit einer Publikation als elektronische Ressource vertraglich sichergestellt ist, werden die Printausgaben nach Möglichkeit ausgesondert.

Des Weiteren sprachen wir über den Etatbedarf der UB Mainz. Für 2015 hat die Bibliothek einen Etat von rund 3,2 Mio. € für alle Medien zur Verfügung. Interessanterweise ist der wichtigste Faktor hier der Etatbedarf für E-Medien. Etwa 2,2 Mio. € werden 2015 für E-Medien eingeplant, im Vergleich dazu ist die Summe von 108.000 € für Monographien verschwindend gering. Hierzu erklärte Dr. Brandtner, dass der Medienetat jedes Jahr in etwa gleich hoch ausfalle, die Kosten für E-Medien jedoch jährlich um ca. 8,8% stiegen, da diese zunehmend von den Lesern genutzt werden. Nur durch Beantragung von Sonderzuweisungen und Einsparungen im Bereich der Monographien (welche den flexibelsten Teil im Budget der UB darstellen) ist diese Kostendifferenz auszugleichen.

Im zweiten Teil der Sitzung wurden die Themen Open Access an der Johannes Gutenberg-Universität und die Mainz University Press besprochen.

Seit 2013 wird der UB ein Publikationsfonds der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) zur finanziellen Unterstützung von Open Access-Publikationen bereitgestellt. Um die Größenordnung des Fonds zu berechnen, musste die Universität ermitteln, wie groß das Interesse an kostenpflichtigen Open Access-Publikationen ist. Hierzu wurde eine Umfrage durchgeführt, in deren Folge der Publikationsfonds auf 100.000€ festgesetzt wurde. Davon übernimmt die UB Mainz vorerst 25.000€ und die DFG 75.000€, mittel- bis langfristig soll der Zuschuss der DFG aber sinken und ab 2020 ist geplant, dass die UB die Finanzierung zu 100% übernimmt.

Ein weiteres Projekt, das die Wissenschaftler an der JGU bei der Veröffentlichung ihrer Ergebnisse unterstützen soll, ist Mainz University Press (MUP). Nach einem langwierigen Verfahren konnte die Uni Mainz 2014 mit V&R unipress, einem Tochterverlag von Vandenhoeck & Ruprecht, den Universitätsverlag MUP gründen. Ausschlaggebend für die Wahl dieses Verlages waren laut Brandtner die hohe Qualität, Tradition, und der gute Ruf. Für MUP wurde ein wissenschaftlicher Beirat von der UB Mainz zusammengestellt, um über die Inhalte, insbesondere die Gründung von Reihen zu entscheiden, die übrigen verlegerischen Aufgaben übernimmt V&R unipress.

Der Vertrag gilt zunächst vorbehaltlich des Erfolges der Mainz University Press. Nach drei bis fünf Jahren wird entschieden, ob er verlängert oder beendet wird. Maßgeblich werden für diese Überprüfung unter anderem Rezensionen sein, die eine Einschätzung der Qualitätsstandards ermöglichen. Die erste Reihenveröffentlichung ist allerdings erst für 2016 geplant.

Bei MUP sind prinzipiell beide Wege des Open Access-Publizierens möglich: Für den „Grünen Weg“ beträgt die Embargo-Zeit, also die Sperrfrist, innerhalb derer die Publikation an keinem anderen Ort veröffentlicht werden darf, drei Jahre. Beim „Goldenen Weg“, der sofortigen Parallelveröffentlichung via Open Access, verdoppelt sich der Druckkostenzuschuss.

Zusammenfassend können wir sagen, dass sich unsere Hoffnungen erfüllt haben und wir nun über einen sehr viel besseren Überblick über die Arbeit der UB Mainz und die Rolle, die dabei dem wissenschaftlichen Selfpublishing zukommt, verfügen.

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3 Kommentare zu “Aktuelle Herausforderungen für Universitätsbibliotheken

  1. Klar, Verlage, noch dazu ein so alteingesessener wie V&R, bringen natürlich eine ganze Menge professionelle Dienstleistungen mit, die man nicht so ohne weiteres in Eigenregie verwirklichen kann. Trotzdem kann ich ziemlich gut verstehen, warum Wissenschaftler zunehmend unzufriedener mit den damit einhergehenden Einschränkungen sind: Entweder muss man hinnehmen, dass die Publikation noch recht lange eher eingeschränkt zugänglich ist – oder man entscheidet sich für den Goldenen Weg, zahlt das Doppelte, und kannibalisiert damit jedes Mal eine von zwei Publikationen, für die dann im Zweifel eben erst mal kein Geld da ist.

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    • Grundsätzlich ist die Idee eines Universitätsverlags die logische Konsequenz aus der Idee, kommerzielle Unternehmen möglichst aus der öffentlich finanzierten Wissensproduktion und -verbreitung auszuschließen. Vielleicht ist die Kooperation mit v & r-Unipress daher einfach als ein erster Schritt zu sehen, auf den gegebenenfalls auch ein zweiter folgen kann, der noch weiter in Richtung Selfpublishing geht…

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  2. Dieses „noch weiter“ hieße ja, dass eine derartige Kooperation zumindest ein Schritt auf Selfpublishing zu ist. Allerdings erschließt sich mir noch nicht so ganz, welche klassischen Verlagsaufgaben tatsächlich aus der Verantwortung des Verlages herausgelöst, geschweige denn dem Autor selbst übertragen werden. Der Wissenschaftliche Beirat, also eine eher institutionelle Instanz, übernimmt die Entscheidung, ob ein Text veröffentlicht wird, bestimmt damit also das Programm. Der Verlag behält sich allerdings vor, bei mäßigem Erfolg das ganze Unterfangen einzustellen, völlig unabhängig kann also auch der Beirat nicht agieren. Das wiederum führt uns auch mal wieder zu einer unserer schwierigsten Fragen: Bis wohin können wir eigentlich von Selfpublishing reden? Inzwischen sind wir zum Beispiel dazu übergegangen, viel mit dem Wort „verlagsunabhängig“ zu hantieren, anstatt von Selfpublishing zu reden. Disziplinäre Repositorien beispielsweise halte ich für eine extrem sinnvolle Lösung, aber auch hier steckt natürlich sehr viel „Institution“ drin, die wiederum auch in einer gewissen Art und Weise als Gatekeeper fungiert… Wieviel Autonomie kann ein wissenschaftlicher Autor hier also überhaupt erreichen, und wieviel Institution darf im Prozess stecken, um von Selfpublishing sprechen zu können?

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