Ein Leben nach dem Tod? Der Autor kehrt zurück

Christina Greiner-Pachter

“To me, I was using something as though it were a letter in an alphabet. And if artists cannot use things that are already here, this means that I cannot function in an objective realm, that I must be a masturbator, that I have to deal with the self, and I can’t deal in things beyond the self, that I can’t create in the objective realms, I can’t create in the realms of association and create my vocabulary there.” – Jeff Koons

1988 konnte man die Kunstausstellung Banality von Jeff Koons besuchen, in ihr war unter anderem die Skulptur String of Puppies ausgestellt. Koons hatte sich für diese von Art Rogers Postkarte Puppies inspirieren lassen.

Hier lag das Problem: Rogers meinte, Koons habe sich zu nah an seiner Fotografie orientiert und zog wegen Verletzung des Copyrights vor Gericht. Mit Erfolg: Die Unterschiede zwischen den beiden Werken seien zu gering, um String of Puppies als eigenständiges Kunstwerk zu betrachten, so die Richter, und Rogers gewann den Rechtsstreit. Was für die Rechtsprechenden so eindeutig ist, erscheint uns weniger klar, denn obgleich die zwei Objekte sich auf den ersten Blick durchaus ähneln, sind sie dennoch aus zwei völlig unterschiedlichen Schöpfer-Intentionen heraus entstanden.

Matías Martínez beschäftigt sich in seinem Text Autorschaft und Intertexualität mit genau diesem Beispiel von Koons Skulptur. Er meint, die Nichtbeachtung der materiellen und ästhetischen Unterschiede führe zum „materialistischen Fehlschluss“ [1, S. 469]. Koons‘ Werk unterscheide sich nicht nur in allen materiellen Eigenschaften von Puppies, sondern auch die künstlerische Intention und Aussage, die es transportiert, sei grundlegend anders. Ähnlich wie die durch Marcel Duchamp bekannt gewordenen „ready-mades“ – Alltagsgegenstände, die durch Verpflanzung in die Kunstwelt eine neue Bedeutung erhalten – sei auch Koons‘ Werk zu sehen: Durch die scheinbare Imitation eines Werks des sogenannten Kitsch wird String of Puppies zu einem ironischen Kommentar dieses Kunststils, aber nicht des Einzelwerkes [vgl. 1, S. 470f.]. Martínez veranschaulicht mit diesem Beispiel, wie wichtig die Intention, die hinter einem Medium steht, für dessen Interpretation und Beurteilung ist.

Dies findet auch Anwendung in der Literatur. Laut Martínez ist der Autor mehr als nur die Vergangenheit seines Werks [vgl. 2, S. 189]. In der Regel sei er „Urheber des Textes“ (denn der Text allein ist noch kein Werk) und „konzeptuelle[r] Schöpfer des Werkes“ in einem, jedoch können sich diese beiden Funktionen auch auf zwei Personen verteilen [1, S. 474]. Wirklich wichtig für die Analyse eines Werks ist der konzeptuelle Schöpfer – erst durch ihn erhält der Text einen spezifischen Sinngehalt und wird somit zum Werk.

Während bei Barthes der Autor sterben musste, damit der Text sich loslösen und unbeeinflusst vom Leser gedeutet werden konnte, muss der Autor bei Martínez mit seinem Werk am Leben bleiben, da erst durch ihn nicht nur ein „ready-made“, sondern überhaupt ein Werkzusammenhang wirklich Bedeutung gewinnt. Es ist „die Identifikation eines Kunstwerkes, die stets auch einen Akt der Interpretation darstellt, [die] ohne Kenntnis der Entstehungsgeschichte des Werkes und der Konzeption seines Autors unmöglich“ ist [1, S. 478].

[1] Matias Martinez: Autorschaft und Intertexualität. In: Rückkehr des Autors. Zur Erneuerung eines umstrittenen Begriffs. 1999.

[2] Roland Barthes: Tod des Autors. In: Texte zur Theorie der Autorschaft. 2012.

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Ein Kommentar zu “Ein Leben nach dem Tod? Der Autor kehrt zurück

  1. Für Kunstwerke wird seit Entstehen des Kunst- und Literatursystems der Moderne um 1800 die Kenntnis der Entstehungsgeschichte notwendig, weil nur auf diese Weise gesichert werden kann, dass die Werke der Logik der Überbietung genügen und nicht etwa epigonale Nachahmungen sind. Zudem wird für die Beurteilung von Kunstwerken so etwas wie handwerkliche Meisterschaft immer unwichtiger und stattdessen gewinnt der Rahmen an Bedeutung. Zu beidem, also zur Entstehungsgeschichte sowie zu Rahmen und Kontext ist der Bezug zum Autor ein, vielleicht der einfachste Weg – aber dass es dafür der Annahme einer Intention bedarf, überzeugt mich nicht. Denn die Intention ist ja nicht deshalb wichtig, weil sie der Autor gehabt hat, sondern nur dann, wenn sie entweder explizit öffentlich ist und damit zum Rahmen gehört oder aus dem Werkzusammenhang erschlossen werden kann – wobei es im letzteren Fall eigentlich überflüssig ist von Intention zu sprechen.

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