Der literarische Frühling, oder … wie sich Glühwein auf Selfpublishing auswirkt

Jan Budde

Wir stehen unter einem von Wolken verhangenen, grau melierten Himmel.
Klirrende Kälte. Unsere Finger sind so taub, dass sie nicht mehr in der Lage wären noch etwas zu Papier zu bringen und umklammern zitternd den wärmenden Glühweinbecher.
Ihm entsteigen weißliche Wolken und verbinden sich mit dem synthetisierten Atem, als würden die Worte unserer hitzigen Debatte nur so qualmen.

Es wirkt wie ein Rütteln am Establishment und phasenweise wie ein Molotowcocktail, der mit abgespreiztem Kleinenfinger geworfen wird. Ist Selfpublishing der literarische Frühling?  IMG_2798

Das Streben nach Freiheit und dem Lossagen von Verlagen wirft die Frage auf, wer die Rädelsführer dieser Bewegung sind. Nur gescheiterte Autoren? Verkannte Genies? Wird die literarische Geschichte in Zukunft getippt und nicht mehr gedruckt? Bevor wir näher auf die in der Mitte unseres Kreises stehenden Fragen eingehen können, entsteigt ein vom Schnupfen forcierter starker Nieser einer der roten, verstopften Nasen, lässt die Tasse kurz überlaufen, sich ein paar Tropfen dem kalten Pflaster entgegen stürzen und unterbricht die Diskussion.
Ist das alles nur ein heißer Tropfen auf den kalten Stein?
Das weiße Tuch wird vor die Nase gedrückt, für eine Kapitulation wäre es auch noch viel zu früh.

Neue Runde, gleiches heißes Thema, das einer Feuerzange würdig ist.

Wir sind uns einig, das sich Qualität durchsetzten wird. Egal in welcher Form.
Viele Selbst-Publizierer suchen die Nähe zum Leser, fragen nach Feedback für Textpassagen, ändern zum Teil Plots oder ganze Storyboards und nutzen so den Konsumenten als Qualitätsinstanz. Doch auch viele persönliche Sachen sind Gesprächsstoff auf ihren Internet- und Facebookseiten. Was der Leser will, das kriegt er auch. Der Unterschied zum Verlag ist klar erkennbar: Beim Selfpublishing bildet der Leser die Qualitätsinstanz.
Bei vielen Selfpublishern muss gefragt werden, wie frei der Autor überhaupt noch ist, wenn er sich von diesen kontrollieren, vielleicht sogar diktieren lässt, denn ein Leser ist kein Lektor.
Ist Selfpublishing vielleicht nur Fanfiction für „echte Literatur“? Oder viel krasser: wenn Freiheit eine der Säulen von Selfpublishern ist, aber diese nicht frei handeln, sind sie dann überhaupt noch kreative Freigeister oder nur Dienstleister?

Langsam verebbt die Diskussion, der Glühweinquell ist erschöpft und hat seine Tore geschlossen. Erfüllt vom Duft des roten Aphrodisiakums, das die kalten Wogen winterlicher Tage mit dem Geschmack sonniger Hänge in südlichen Gestaden hinwegspült, schlägt die Saat jener Frucht neue Blüten und fungiert als Schmiermittel für den, im Angesicht solcher Pracht, scheinbar noch mechanisch arbeitenden Verstand.
Wie wirkt sich Glühwein auf Selfpublishing aus? Glühwein ist der Biotreibstoff unserer Diskussion.

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2 Kommentare zu “Der literarische Frühling, oder … wie sich Glühwein auf Selfpublishing auswirkt

  1. Die Qualitätskontrolle scheint in der Tat eine der entscheidenden Fragen zu sein, die sich angesichts nicht weniger der selbstpublizierten Texte mit neuer Dringlichkeit stellt, ohne dass eine befrieidgende Antwort derzeit zu finden zu ist. Die Freiheit und Unabhängigkeit der Autorinnen und Autoren, die auch in der Selbstbezeichnung als „Indie-Autoren“ zum Ausdruck kommt, würde ich allerdings verteidigen, denn es ist beim Selfpublishing doch stärker den Autorinnen und Autoren selbst überlassen, welchen Fremdansprüchen sie sich beugen und welchen nicht. Was aber – und hier schließt sich der Kries – nichts über die Qualität des Ergebnisses aussagt.

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  2. Warum haben wir immer das Gefühl einer Qualitätskontrolle zu bedürfen? Klar ein lektorierter und korrigierter Text ist wünschenswert, sagt aber ja auch nicht unbedingt etwas über die inhaltliche Qualität aus. Vor allem im belletristischen Bereich, wer will sich da als Qualitätsprüfer erheben?
    Bei dieser Diskussion kann man sich nur im Kreis drehen und zu keiner befriedigenden Lösung kommen. Macht aber nichts, in jedem Fall war die Glühwein-Diskussion ein fröhliches Pro- und Contra sammeln.

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