Ein Blick in die Praxis

Lukas Lieneke

Um einen Einblick in die Perspektive des wissenschaftlichen Autors zu erhalten, waren wir am 28.11.2014 zu Gast bei David Oels, seines Zeichens Buchwissenschaftler an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und unter anderem Betreiber der Seite sachbuchforschung.de. Dabei wurden neben den Ursprüngen des wissenschaftlichen Schreibens auch dessen Geschichte, Bedeutung und die Motive der Autoren thematisiert.

Das Dokumentieren und Verbreiten von Forschungserkenntnissen ist seit jeher ein existenzieller Bestandteil der Wissenschaft. Ohne die Möglichkeit, auf die Aufzeichnungen bereits erfolgter Forschungen zurückgreifen zu können, ist der Gewinn neuer Forschungserkenntnisse, und damit eine moderne Wissenschaft an sich, unmöglich. Voraussetzung hierfür ist die Veröffentlichung von aktuellen Forschungsbeiträgen durch die jeweiligen Wissenschaftler.

Die Ursprünge des akademischen Publizierens in seiner heutigen Form hängen mit der Entstehung der modernen Naturwissenschaft im 17. Jahrhundert zusammen. Experimente und Versuche erforderten eine genaue Dokumentation, denn erstens wurden sie so für andere Wissenschaftler nachvollziehbar und wiederholbar, zweitens garantierte dies gegenüber Geldgebern eine gewisse Transparenz über die Verwendung der zur Verfügung gestellten Mittel. Dies, verbunden mit dem Bedürfnis nach dem Austausch neuer Forschungserkenntnisse und deren Diskussion, führte dazu, dass die ersten wissenschaftlichen Publikationen entstanden. Zuerst nur wissenschaftsintern, später öffentlich in Zeitschriften oder Monographien. Spätestens mit den Universitätsreformen Anfang des 19. Jahrhunderts, die die Dozenten zur aktiven Forschung und Weitergabe neuer Forschungsergebnisse verpflichteten, wurde das wissenschaftliche Schreiben zum festen Bestandteil der akademischen Welt. Dies reicht heute sogar soweit, dass vor allem innerhalb der Geistes- und Sozialwissenschaft beinahe eine Art Publikationszwang besteht, der zur regelmäßigen Veröffentlichung neuer Forschungsergebnisse anmahnt.

Neben dem Fortschrittsgedanken ist das Hauptmotiv für akademisches Publizieren das Erlangen von Reputation. Diese gewinnt der Autor durch die Rezeption und Rezension seiner Forschungsergebnisse innerhalb der Wissenschaftsgemeinde. Die Namen der Rezensenten und der Name des Verlags (letzteres gilt sowohl für den ursprünglichen Artikel, wie auch die dazugehörige Rezension) sind dabei oft wichtiger, als die Bewertung des Artikels durch die Rezension an sich. So erhält ein Artikel, dessen Rezension in einer gedruckten Zeitschrift erscheint, eine deutlich höhere Anerkennung und Beachtung, als dies bei einer Rezension auf einer verlagsunabhängigen Internetplattform der Fall wäre, und zwar ungeachtet seines Inhalts. Entscheidend ist vor allem, dass der Beitrag innerhalb der Wissenschaft wahrgenommen wird und dadurch Öffentlichkeit erlangt.

Geld spielt als Motivation nur sehr selten eine Rolle, spekuliert man nicht auf den Nobelpreis oder andere hochdotierte Auszeichnungen. Denn finanziell erfolgreich wird man allenfalls als Autor populärwissenschaftlicher Sachbücher oder Ghostwriter. Aufsätze in Fachzeitschriften und Sammelbänden werden in der Regel gar nicht oder eher symbolisch entlohnt, das Veröffentlichen ganzer Monographien ist sogar häufig mit der Zahlung eines Druckkostenzuschusses an den jeweiligen Verlag verbunden. Die Höhe des mitunter vier- bis fünfstelligen Betrags ist dabei meist vom Renommee der jeweiligen Verlage abhängig, die ihre  Autoren oft über die  Zusammensetzung des Druckkostenzuschusses im Unklaren lassen.

Der finanzielle Aspekt könnte allerdings langfristig  zu einem Problem für die Verlage werden. Denn ob man als Wissenschaftler einen Artikel nun ohne Honorar in einer Zeitschrift oder kostenlos über den „Grünen Weg“ auf universitären Repositorien zur Verfügung stellt, macht zumindest in finanzieller Hinsicht keinen Unterschied. Die Tatsache, dass eine wissenschaftliche Publikation im Selfpublishing-Format nach wie vor nicht im gleichen Maße die Reputation fördert, wie ihr im Verlag veröffentlichtes Pendant, dürfte viele Wissenschaftler noch am traditionellen Veröffentlichungsweg festhalten lassen. Nur ob dies in unserer digitalisierten Welt noch langfristig Bestand haben wird, darf bezweifelt werden.

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2 Kommentare zu “Ein Blick in die Praxis

  1. Vielen Dank für den Beitrag. Um vielleicht noch etwas zu ergänzen: Neben der Reputation sind auch Reichweite und Zugänglichkeit wichtige Kriterien für die Publikation wissenschaftlicher Arbeiten und Rezensionen. Insofern ergänzen und ersetzen unabhängige Rezensionsplattformen wie beispielsweise H-Soz-Kult oder literaturkritik.de die Rezensionsteile der Fachzeitschriften zunehmend.
    In Sachen Selfpublishing sind Wissenschaftlerinnnen und Wissenschaftler einerseits Vorreiter, weil sie bereits wichtige Funktionen, wie zum Beispiel die Qualitätskontrolle in peer reviews, selbst leisten und insbesondere für Publikationen in weniger renommierten Verlagen auch Lektorat, Korrektorat und Satz in Eigenregie übernehmen müssen. Andererseits werden unabhängig publizierte Texte zumindest bislang eigentlich nur als preprints ernst genommen, denen ein „echter“ print zu folgen hat.

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    • Klar, Reputation und Öffentlichkeit kann man natürlich nur als eine vollständige Aufzählung betrachten, wenn man die Begriffe unglaublich weit fasst. Gerade Öffentlichkeit meint für uns – so handhaben wir das jedenfalls bisher bei der Gruppenarbeit – eine ganze Menge Faktoren, die man sich noch viel detaillierter angucken kann (muss?). Auffindbarkeit/Discoverability ist jedenfalls definitiv ein Thema, das hier noch mal auftauchen wird – in welcher Form auch immer. Gibt eben einfach zu viele spannende Themen für ein Semester 🙂

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