Selfpublishing in der Wissenschaft: Was bisher geschah …

Selfpublishing scheint auf den ersten Blick auch jenseits der Belletristik attraktiv zu sein: Jeder Wissenschaftler kann seine Forschungsergebnisse zügig veröffentlichen, ohne sich bei Verlagen durch langwierige und teilweise fragwürdig argumentierende Entscheidungsprozesse quälen zu müssen. Um beurteilen zu können, inwiefern sich diese Methode durchsetzen kann, haben wir in den bisherigen Sitzungen untersucht, welche Erwartungen und Anforderungen überhaupt an wissenschaftliche Publikationen gestellt werden.

Warum will oder muss also ein Wissenschaftler überhaupt publizieren? Insbesondere im Gespräch mit unserem Gast David Oels, über das wir in der kommenden Woche noch ausführlicher berichten werden, konnten wir hier zwei zentrale Begriffe ausmachen: Öffentlichkeit und Reputation.

Der Wunsch nach Öffentlichkeit manifestiert sich zum einen mehr als deutlich in der Open Access-Bewegung. Zum anderen belegen Phänomene wie Schattenbibliotheken, dass die Wissenschaftler nicht nur als Autoren, sondern auch als Nutzer einen enormen Bedarf an digitalen und vor allem frei zugänglichen Dokumenten haben. Die Verfügbarmachung von wissenschaftlichen Werken für Forschung und Lehre, trotz fehlender finanzieller Mittel, war die treibende Kraft hinter der Entstehung der ersten Schattenbibliotheken. Konnten Institutionen und ihre Mitarbeiter Literatur auf legalem Wege nicht beschaffen, wichen sie auf Piraterie aus: Die Wissenschaftler halfen sich untereinander, indem sie Fachliteratur kopierten, digitalisierten und illegal verfügbar machten. Inzwischen sind auf ungezählten Plattformen deshalb Millionen von Büchern und Dokumenten frei zugänglich. Allerdings ist es mittlerweile erwiesen, dass diese Quelle des Wissens weltweit genutzt wird, unabhängig von der finanziellen Situation der jeweiligen Institute.

Eine legale Alternative zu Schattenbibliotheken stellen deshalb offizielle Plattformen dar. Einige von ihnen sind explizit für wissenschaftliches Selfpublishing angelegt, wie beispielsweise academia.edu oder PeerJ. Manche Wissenschaftler nutzen aber auch generelle Selfpublishing Plattformen, wie BoD oder Kindle Direct Publishing, die eigentlich für die Distribution von Belletristik und Unterhaltungsliteratur konzipiert wurden. Auf einigen werden die Inhalte verkauft, auf anderen werden sie kostenlos angeboten. Bisher gilt aber für die meisten von ihnen, ob nun verlagsunabhängig oder nicht, dass die Wissenschaftler, bzw. die sie unterstützenden Institutionen, die Kosten dafür selbst tragen müssen. Wie die Finanzierung für die unterschiedlichen Modelle gewährleistet wird, ist eine der Fragen, denen wir im Laufe des Semesters weiter nachgehen werden.

Grundsätzlich kann festgehalten werden, dass die Abkehr von den etablierten Fachverlagen hin zu unabhängigen Plattformen und Open Access-Journals in vielerlei Hinsicht eine praktikable Lösung für den Wunsch nach breiter Öffentlichkeit bietet. Für die zweite zentrale Motivation, nämlich das Streben nach Reputation, birgt sie hingegen ein wesentliches Problem: Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Inhalte.

Bei Verlagspublikationen gehen die Leser davon aus, dass der Inhalt bereits fachkundig überprüft wurde und somit vertrauenswürdig ist. Wer einen Artikel in einem renommierten Journal veröffentlichen kann, gewinnt an Reputation. Wie sehr auch die Rezipienten auf eine Art institutionelles Siegel angewiesen sind, verdeutlichte uns das Gespräch mit dem Wissenschaftsjournalisten Frank Wittig. Selbstpublizierte Ergebnisse sind für ihn, nach eigener Aussage, völlig unbrauchbar. Wirklich belastbar sind für seine Arbeit, die sich überwiegend um medizinische Themen dreht, fast ausschließlich große Metastudien. Nur durch einen unabhängigen und möglichst umfassenden Vergleich von Einzelstudien, die von den verschiedensten Institutionen und Forschungseinrichtungen mit mindestens ebenso verschiedenen Interessensschwerpunkten und Erhebungsverfahren erstellt werden, kann seiner Ansicht nach eine ausreichende Transparenz hergestellt werden.

Aber auch wenn sich diese Argumentationsweise zugunsten etablierter Instanzen wie den Verlagen und entgegen unabhängiger Publikationskanäle nicht pauschal aufrechterhalten lässt, wie unser Beitrag aus der letzten Woche darlegt, so handelt es sich doch nach wie vor um ein Problem, dem sich die Befürworter der unabhängigen Plattformen in jedem Fall stellen und auf das sie reagieren müssen – was sie ja auch tun.

Viele der immer zahlreicher werdenden unabhängigen Open Access-Journals bedienen sich verschiedener Peer Review-Verfahren, um die Artikel einzuschätzen, die ihnen angeboten werden. Grundsätzlich wird ein Artikel dabei vor der Veröffentlichung Wissenschaftlern aus dessen Peer Group, also anderen Experten seines Fachgebietes, zur Beurteilung vorgelegt. Das Votum dieser Wissenschaftler entscheidet dann darüber, ob der Artikel angenommen wird, oder nicht. Doch auch diese Verfahren bringen Probleme mit sich: Dass Artikel manchmal monatelang auf dem Schreibtisch des Überprüfenden Staub ansetzen, ist nur eines davon. Auch zu den Kritikpunkten am Peer Review-Verfahren werden wir im nächsten Jahr noch ausführlicher berichten.

Bisher haben wir in unserem Projekt vor allem Grundlagen erarbeitet. Diese werden nach der Weihnachtspause hilfreich sein, wenn wir uns mit der Frage beschäftigen, inwiefern die verschiedenen Alternativen zum Fachverlag sinnvolle Lösungen darstellen, um die Bedürfnisse der Wissenschaftlichen Welt zu bedienen. Hierzu werden wir uns, im Gespräch mit Dr. Andreas Brandtner, mit universitätsinternen Lösungen befassen, wie beispielsweise der Archivierung und Veröffentlichung über das Datennetzwerk von Universitätsbibliotheken. Außerdem werden wir uns intensiv mit den bereits angesprochenen Plattformen beschäftigen und herauszufinden versuchen, wo ihre jeweiligen Vorteile aber auch Schwachstellen liegen.

Sowohl unsere bisherigen Gäste als auch wir selbst innerhalb der Gruppe sind uns bei weitem nicht einig, wenn es um Prognosen für die Zukunft des Wissenschaftlichen Publizierens geht. Die große Frage, ob es in absehbarer Zeit dazu kommen wird, dass auch Selfpublishing so breite Anerkennung findet wie die herkömmlichen Wege, ob es also im gleichen Maße die Reputation eines Wissenschaftlers fördern kann, ist bisher alles andere als beantwortet. Das heißt für uns: Es bleibt auf jeden Fall spannend!

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