Zwischen Autor und Schreiber?

Christina Greiner-Pachter

„Unsere heutige Kultur beschränkt die Literatur tyrannisch auf den Autor, auf seine Person, seine Geschichte, seinen Geschmack, seine Leidenschaften.“ – Roland Barthes

Anfang Dezember stand Zoe Sugg, eine 24-jährige Bloggerin und YouTuberin, bekannt als Zoella, auf einmal in allen Medien: Die junge Britin hatte es geschafft in der ersten Woche 78.109 Exemplare ihres Debüt-Romans Girl Online zu verkaufen, so viele wie noch keiner seit Beginn der Aufzeichnungen 1998. Dieser Erfolg kann vor allem Zoellas riesiger Fangemeinschaft zugeschrieben werden, alleine auf YouTube folgen ihr 6,5 Millionen Menschen.

Eine Woche später stand sie erneut in den Nachrichten, diesmal jedoch weil herausgekommen war, dass Girl Online primär von einem Ghostwriter geschrieben wurde. Viele Fans waren entsetzt, hatten sie das Buch doch in dem Glauben gekauft, es sei von ihrem Idol geschrieben worden. Im Vorfeld hatte es geheißen, Zoella habe Elemente ihres eigenen Lebens in der Geschichte verarbeitet, wie sollte das jedoch stimmen, wenn sie das Buch gar nicht selbst verfasst hatte? Zoella selbst schrieb: „Everyone needs help when they try something new. The story and the characters of Girl Online are mine.“

Reicht es, dass sie die Idee hatte, ist sie somit der Autor ihrer Geschichte oder nur der Markenname, der benutzt wurde, um die Verkaufszahlen in die Höhe zu treiben? Grenzen wir womöglich uns selbst ein, indem wir es nicht schaffen den Autor und sein Werk zu trennen?

Am letzten Freitag befassten wir uns mit dem „Tod des Autors“ von Roland Barthes: Barthes sagt, der Autor, wie wir ihn kennen, sei ein modernes Konstrukt, während „in archaischen Kulturen“ [1, S. 186] nicht der Verfasser sondern der Vermittler der Geschichte bewundert werde. Er war die „menschliche(…) Person“ [1, S.186] hinter dem Werk, der zunehmend mehr Bedeutung zugemessen wurde. Mittlerweile sei der Autorname manchmal wichtiger als das eigentlich Werk. Der Leser suche die Erklärung für das Werk nicht im Text sondern im Leben des Urhebers. Diese Einstellung kritisiert Barthes, er vertritt die Meinung, dass man die Sprache und den eigentlichen Text über den Verfasser stellen muss.

Nach Barthes verschwindet der Autor mehr und mehr und eine neue Instanz tritt auf: die des Schreibers. Während der Autor schon in der Vergangenheit seines Buches existiere, da er dafür „denkt, leidet, lebt“ [1, S.189], werde der Schreiber im selben Moment wie sein Werk geboren. Außerhalb des Textes existiert er nicht, so kann der Leser auch keine Rückschlüsse auf ihn ziehen. Da alle Formulierungen und Worte schon einmal da gewesen sind, ist der Text selbst nicht mehr originell, sondern „ein Gewebe von Zitaten aus unzähligen Stätten der Kultur“ [1, S.190].

Mit der Abwesenheit des Autors wird es endlich möglich, den Text für sich alleine zu sehen, man zieht keine Rückschlüsse mehr auf den Autor und ist so freier in seinen möglichen Deutungen. War zuvor der Autor wichtig, ist es nun, laut Barthes, der Leser, da erst mit ihm der Text wirklich erwacht. Er ist der Ort, in dem sich alle Dimensionen des Textes verbinden und der eigentliche Prozess erst beginnt.

Kommen wir zurück zu Zoella: Sie hatte die Idee für die Geschichte und entwarf die Charaktere, geschrieben jedoch hat jemand anderes. Was ist sie nun? Sie ist weder Schreiber noch Autor. Sie ist die Vergangenheit ihrer Geschichte, ein Ansporn für eine mögliche Deutung und nicht mehr.

[1] Roland Barthes: Tod des Autors. In: Texte zur Theorie der Autorschaft. 2012.

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6 Kommentare zu “Zwischen Autor und Schreiber?

  1. Zwischen Autor & Schreiber.
    Ich schreibe ja selbst schon seit Jahren, seien’s nun Fanfictions oder Pen&Paper, völlig egal in dem Zusammenhang. Ich bin aber ebenso der Meinung, dass nicht (mehr) der Autor als Person wichtig ist, sondern der Leser in den Vordergrund rückt. Gehe ich von mir aus, verarbeite ich in meinen Geschichten nicht unbedingt mein eigenes Leben (Erfahrungswerte ja, Wissen sowieso – aber zuerst einmal vermittle und pflanze ich eine Idee) – wen interessiert dabei schon, wer ich bin? In meinen Geschichten passieren phantastische Dinge, die unterhalten und zum Denken anregen sollen, die Gefühle und Werte transportieren und den Leser durch eine Welt führen, die er vielleicht so noch nicht gelesen hat. Das ist meine Aufgabe.

    Schreibt man z.B. (Fan)Fictions auf einem Online-Portal, wächst die Geschichte anhand der Feedbacks, die man erhält. Der Leser räkelt sich in einer Erwartungshaltung, auf die man als Schreiber in dem Augenblick eingehen kann. So entstehen doch oft die interessantesten Verhältnisse zueinander, also zwischen Leser und Schreiber und damit rücke ich als Person prinzipiell schon mal in den Hintergrund, weil es nur um den Text und seine Handlung geht – wobei wir wieder bei Barthes Theorie wären.

    Grundsätzlich denke ich, ist es einfach die Entwicklung der Sache, die Medien mit denen man arbeitet, die Art und Weise wie, wo und wann man veröffentlicht.

    Zu Zoe Sugg.
    Ich kenne Zoe Sugg nicht, aber ihr Vorgehen empfinde ich so, wie’s hier geschildert wird, als unprofessionell. Es ist nichts falsch daran sich jemanden zu suchen, der die Gedanken eines anderen in Worte fasst, aber dann sollte man auch dazu stehen, dass ein anderer Autor ist und nicht man selbst – Lohrbeeren einheimsen die einem nicht zustehen ist nicht die feine englische Art und zeugt bloß davon, dass man nach Anerkennung lechzt.

    In meinen Augen ist sie aber die Entwicklerin. Sie hatte eine Idee und sie hat sich darum gekümmert, dass sie umgesetzt wurde – das an und für sich ist auch schon eine interessante Leistung, die man würdigen kann und sollte, wo die Meisten zu viel Respekt vor der Verwirklichung und Veröffentlichung ihrer Gedanken haben. Sich als Autor auszuweisen, wenn man in dem Fall keiner ist, ist dabei einfach nur falsch. Genauso gut könnte ich behaupten, ich sei Programmierer, obwohl ich meine Webseite lediglich optisch für die Programmierung gestaltet habe.
    Das ist einfach ’ne Lüge.

    Interessantes Thema übrigens!
    Viele Grüße & frohe Weihnachten.

    Gefällt 3 Personen

  2. Der eigentliche Skandal im Fall Zoella kommt ja, so wie ich das verstehe, erst dadurch zustande, dass die Fans sich getäuscht fühlten: Wenn von Anfang an transparent dargelegt worden wäre, dass sie nicht diejenige war, die den Text geschrieben hat, dann hätte es vielleicht ein paar hämische Bemerkungen darüber gegeben, aber ich glaube, den Verkaufszahlen hätte das keinen wesentlichen Abbruch getan. Aber in diesem Sinne hat das mit dem Ghostwriter ja noch nicht wirklich mit der Autor – Schreiber Unterscheidung von Barthes zu tun. Schreiber ist sie eindeutig nicht. Und auch wenn sie argumentiert, dass der Text auf ihren Ideen oder ihrem Leben basiert, dann macht sie das trotzdem auch nicht zum Autor. Natürlich steckt da eine schöpferische Eigenleistung drin, die ihr wohl niemand absprechen will und von der man überprüfen müsste, wie groß die im Verhältnis zur Leistung des Ghostwriters ist. „Entwicklerin“ finde ich da schon einen recht guten Begriff. Denn wenn ich einem Illustrator sage, er soll mir mal einen rosa Hund mit einer blauen Nase, langen Ohren und Flügelchen zeichnen, dann macht mich das ja auch nicht zum Urheber des fertigen Bildes.
    Interessant finde ich in dem Zusammenhang übrigens Drehbücher zu Literaturverfilmungen: Da gibt es ja auch Unterschiede, ob der der Autor des zugrundeliegenden Romans am Ende als zweiter Drehbuchautor (passenderweise im Englischen meistens Screenwriter), gelistet wird, oder ob im Vorspann nur auftaucht: „Nach einer Idee von“ – je nachdem, wie stark der Plot im Film von der Romanvorlage abweicht (zumindest mein Eindruck).

    Gefällt 1 Person

  3. Interessant ist doch, dass es Barthes zwar um den „Tod des Autors“ geht, wir aber offenbar den Autor immer noch nicht vergessen können. Das zeigt sich sowohl im Beispiel selbst als auch in den Kommentaren. Auch Wimsatt und Beardsley hatten schon vor Barthes gefordert (in der Textgrundlage zum letzten Blogeintrag unserer Gruppe), sich in der Analyse vor allem auf den Text selbst zu fokussieren und nicht zu sehr auf textexterne Materialien. Ihrer Ansicht nach ist ein Autor schlecht, wenn er seine Intention nicht innerhalb des Textes rüberbringen kann.

    Dass aber in den Kommentaren immer noch von Zoella die Rede ist, zeigt doch, dass offenbar ein großes Interesse an den Hintergründen und Beweggründen des Autors besteht. „Sobald ein Text einen Autor zugewiesen bekommt, wird er eingedämmt, mit einer endgültigen Bedeutung versehen […]“ [1, S. 191] schreibt Barthes. Und daraus folgt doch, dass der Autor wahrscheinlich nie „sterben“ wird können, solange er uns bekannt ist und sein Name über dem Text steht (wie übrigens ja auch Barthes immer mit dem „Tod des Autors“ verbunden wird und selbst in „Texte zur Theorie der Autorschaft“ seine Polemik durch die Umstände der Zeit erklärt wird, obwohl das gar nicht relevant sein sollte, geht man mit Barthes’ Theorie).

    Ob der Autor tatsächlich „gestorben“ ist bzw. der „Tod des Autors“ sich auch heute noch vollzieht, konnten auch wir in der Gruppe nicht abschließend klären. Auch knapp 50 Jahre nach Erscheinen des Textes ist das immer noch ein kontroverses Thema. Deshalb werden wir uns im Januar auch mit der „Rückkehr des Autors“ beschäftigen. Man darf also gespannt sein! Übrigens machen wir auch einen Exkurs zu Autorschaftstheorien in der Filmkritik, da es auch da die Diskussion über Autorenfilmer, sogenannte auteurs, gibt. Dann können wir sicherlich noch einmal auf den interessanten Einwurf Owenas zurückkommen.

    Gefällt 2 Personen

    • Eine interessante Diskussion! Ich möchte aber zu bedenken geben, dass zwischen einer autorzentrierten Interpretation, die im Falle der Zoella-Fans enttäuscht wurde, und einer historischen Verortung („Umstände der Zeit“) ein Unterschied besteht. Bzw. lässt sich daran vielleicht ein Verständnis von Autorschaft erkennen, das weniger in einer Reduktion/Festlegung eines Textes auf einen dahinter stehenden Autor besteht, als vielmehr in einer Art Absender, mit dessen Hilfe sich für die Interpretation relevante Kontexte begründet auswählen lassen. Interessant ist in diesem Zusammenhang Borges Text „Pierre Menard, Autor des Quijote“, in dem ein Erzähler erklärt, dass die Leistung Menards, der einige Kapitel des „Don Quijote“ vollkommen identisch mit dem Original neu geschrieben habe, zweifellos größer sei als die von Cervantes, denn Menard habe sich erst eine fremde Sprache und eine historisch ferne Gedankenwelt aneignen müssen . . .

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      • Matias Martinez (übrigens der Übersetzer des Barthes-Textes) führt in einem Textbeitrag zur „Rückkehr des Autors“ das Borges-Beispiel und andere an, um Barthes‘ Theorie gerade zu widerlegen. Dazu aber mehr im nächsten Blogbeitrag unserer Gruppe …

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