Achtung Nonsens – Hat wissenschaftliches Selfpublishing ein Qualitätsproblem?

Lukas Lieneke

Viele Wissenschaftler hegen Vorbehalte gegenüber selbstpublizierten Artikeln und Forschungsergebnissen. Dies liegt unter anderem an der mangelnden Reputation, die in der Wissenschaft nicht unmaßgeblich mit dem Namen des publizierenden Verlags verknüpft ist. Erscheint ein Artikel in einem renommierten Fachverlag, wird ihm, unabhängig von seiner tatsächlichen Relevanz, ein höheres Maß an Bedeutung und wissenschaftlicher Qualität unterstellt, als dies beim Publizieren auf einer verlagsunabhängigen Plattform der Fall wäre. Denn von erstgenannten wird in der Regel ein kompetentes Lektorat und damit ein Qualitätsmerkmal erwartet, das bei unabhängigen Open Access-Zeitschriften in dieser Form nicht immer vorausgesetzt werden kann.

Zudem sorgten in den letzten Jahren immer wieder fehlerhafte und unseriöse selbstpublizierte Artikel für Negativschlagzeilen. Zu den bekanntesten Beispielen dürfte das Experiment des Journalisten John Bohannon zählen. Dieser reichte 2013 einen offensichtlich fingierten Wissenschaftsartikel bei 304 Open Access-Zeitschriften ein, von denen über die Hälfte den Artikel ungeprüft veröffentlichte. Die meisten der von Bohannon ausgewählten Verlage verlangten sogenannte „Article Processing Charges” (APCs), also Gebühren für das Publizieren des Artikels. Der daraufhin im Wissenschaftsmagazin Science veröffentlichte kritische Kommentar Bohannons zur mangelnden Qualitätssicherung selbstpublizierter Wissenschaftsbeiträge war Wasser auf den Mühlen der Open Access-Kritiker. Er schien das Vorurteil zu bestätigen, dass verlagsunabhängig veröffentlichte Artikel nicht den erforderlichen wissenschaftlichen Qualitätsstandards entsprechen, vor allem, wenn deren Veröffentlichung durch APCs quasi „erkauft” werden kann.

Die Veröffentlichung von Bohannons Studie im Zusammenhang mit weiteren Negativnachrichten (wie beispielsweise die Publikation bereits erschienener Artikel unter falschem Namen in mehreren Open Access-Zeitschriften) förderte nicht gerade den Ruf von Open Access-Plattformen als Ort seriöser wissenschaftlicher Inhalte.

Allerdings gibt es auch Kritik an Bohannons Studie. So scheint der Autor bewusst Open Access-Zeitschriften mit offenkundig mangelhaften Qualitätsstandards für sein Experiment ausgewählt zu haben, wodurch seinen Untersuchungen mit Recht ein tendenziöser Charakter unterstellt werden kann. Auch findet in der Studie kein Vergleich mit den Qualitätsstandards renommierter Wissenschaftsverlage statt, was ihren Aussagewert ebenfalls schmälert.

Zudem sind mangelhafte Qualitätsstandards und fehlerhafte Publikationen kein Problem, das sich allein auf selbstpublizierte Artikel beschränken lässt. Auch bei etablierten, gewinnorientierten Verlagen finden sich regelmäßig dubiose Artikel oder Lexikoneinträge. So wurde Anfang des Jahres aufgedeckt, dass die Wissenschaftsverlage Springer und IEEE zwischen 2008 und 2013 über 120 fehlerhafte Artikel veröffentlicht hatten. Das Kuriose: Die Nonsens-Artikel waren zuvor von einer Gruppe Informatiker mittels eines Computerprogramms erstellt worden um die Qualitätsstandards der Verlage zu überprüfen. Die relativ hohe Fehlerquote bei Wissenschaftsverlagen könnte mit einem gewissen Sensationsdruck zusammenhängen, der schnell dazu verleitet, auch zweifelhafte Artikel zu publizieren, nur um damit für eine möglichst hohe Aufmerksamkeit in der wissenschaftlichen Welt zu sorgen. Das Risiko einer Falschmeldung wird daher oft bereitwillig in Kauf genommen.

Mittlerweile hat die Open Access-Gemeinde auf die Probleme der Qualitätssicherung reagiert und ist um neue, transparentere Qualitätsstandards bemüht. So existiert beispielsweise seit einigen Jahren die vom Bibliothekar Jeffrey Beall erstellte und regelmäßig aktualisierte „Beall’s List”, eine Sammlung von Open Access-Verlagen und Zeitschriften, die aufgrund mangelnder Qualitätsstandards oder käuflicher Artikel als unseriös eingestuft werden. Auch wird an Möglichkeiten gearbeitet, das im Open Access genutzte Peer Review Verfahren zu optimieren. So könnten Artikel in Zukunft zunächst öffentlich auf der jeweiligen Selfpublishing-Plattform diskutiert und korrigiert werden, bevor sie dann offiziell publiziert werden. Dieses Verfahren verspricht eine effektivere und transparentere Kontrolle wissenschaftlicher Inhalte, beansprucht allerdings auch deutlich mehr Zeit. Mit Qualitätssiegeln wie DINI existieren außerdem Zertifikate, die selbstpublizierte Wissenschaftsartikel anhand zuvor festgelegter Standards als qualitativ hochwertig ausweisen sollen.

Es lässt sich also festhalten, dass unseriöse Wissenschaftsartikel nicht ausschließlich das Resultat von Selfpublishing sind. Auch bei renommierten Verlagen scheint es dringenden Bedarf an einer besseren Qualitätskontrolle zu geben.

Advertisements

2 Kommentare zu “Achtung Nonsens – Hat wissenschaftliches Selfpublishing ein Qualitätsproblem?

  1. Zu Jahresbeginn ist übrigens die neue Beall’s List erschienen: In Beall’s List of Predatory Publishers 2015″ hat Beall selbst dazu einige doch recht eindrucksvolle Zahlen zusammengestellt, beispielswiese ist die Zahl der gelisteten Predatory Publishers im Vergleich zum Vorjahr mal eben um rund 50% angesteigen. Man kann jetzt also drüber streiten, ob die sich einfach vermehren wie die Pilze, oder ob sie nur einfach immer gründlicher aufgespürt und „enttarnt“ werden …

    Gefällt mir

kommentieren

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s