Korrektur vs. Autorintention

Felicitas Boos

Der Weg hin zum Ziel treibt uns in immer dunklere Ecken. Nachdem letzte Woche aus der Gruppendiskussion eindeutig hervorgegangen war, dass der Begriff „Selfpublishing“ nicht unbedingt klar definiert ist und in manchen Bereichen beinahe willkürlich benutzt wird, stießen wir in dieser Woche auf ein anderes Problem.

Selfpublisher haben zu jeder Zeit die Möglichkeit ihr eigenes Werk abzuändern und ihren Lesern eine neue Version zur Verfügung zustellen. Dadurch ist es zum Beispiel möglich nachträglich Rechtschreibfehler im eigenen Werk zu korrigieren. Diese gängige Praxis findet häufig Anwendung, sodass der Leser vom Autor stets verbesserte Versionen des Werkes ohne größeren Aufwand empfangen kann.

Hierbei hilft unter anderem selfpublisherbibel.de mit einigen hilfreichen Tipps, wie zum Beispiel dem KDP-Support. Der kann dafür sorgen, dass alle Leser die neuste Version des eigenen Werkes erhalten, ohne das E-Book neu beziehen zu müssen. Aber welchen Einfluss hat diese Vorgehensweise auf das entsprechende Werk?

Werden William Wimsatt und Monroe C. Beardsley und ihre Theorie zur Autorintention bemüht, so lässt sich feststellen, dass diesen Korrekturen ihrer Auffassung nach eine folgenschwere Bedeutung zukommt.

Sie beschäftigen sich mit der Rolle der Autorintention bei der Interpretation von Gedichten und stellen dabei die These auf, dass eine erkennbare Intention eines Autors kein „wünschenswerter Maßstab ist, um den Erfolg eines literarischen Werkes zu beurteilen“ [1, S.84]. Die Intention wird dabei als „Entwurf oder Plan im Kopf des Autors“ [1, S.85] verstanden. „Die Intention hängt offensichtlich zusammen mit der Einstellung des Autors zu seinem Werk und damit, wie er sich fühlte, was ihn zum Schreiben veranlasste.“ [1, S.85] Als untersuchte Textart wird die Lyrik gewählt, die sich von der alltäglichen Sprache insofern abhebe, als dass sie nur Relevantes in sich vereine, was in der alltäglichen Sprache unmöglich scheint. Somit sei jedes Wort von besonderer Bedeutung.

Doch was geschieht, wenn ein Autor sein Gedicht überarbeitet, damit seine ursprüngliche Intention besser herausgestellt werden kann? Durch die Überarbeitung werde die ursprüngliche Intention verfälscht und dementsprechend könne ein überarbeitetes Gedicht nicht mehr auf die ursprüngliche Autorintention zurückgeführt werden, so Wimsatt und Beardsley.

Diese Schlussfolgerung spricht in ihrer Konsequenz nicht nur jeglicher Editionskritik ihren Wert ab, sondern könnte auch im besonderen Fall auf das Selfpublishing übertragen werden. Denn mit jeder Überarbeitung und Korrektur des eigenen Werkes entfernt sich der Autor demnach immer ein Stück weiter von seiner ursprünglichen Intention. Umso schwerer wird es also für den Leser, dem Text über die Autorintention eine Bedeutung zuzuweisen.

Wie ist also mit überarbeiteten selbstverlegten Gedichtbänden unter diesem Gesichtspunkt umzugehen und was ist, wenn nicht nur die Lyrik, sondern auch die Prosa unter diesem Gesichtspunkt betrachtet wird?

[1] William K. Wimsatt/Monroe C. Beardley: Der intentionale Fehlschluss. In: Texte zur Theorie der Autorschaft. 2012.

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Ein Kommentar zu “Korrektur vs. Autorintention

  1. Ich finde, der Beitrag spricht ein sehr wichtiges Thema an. Ich habe mich auch schon häufig gefragt, wie ich es nun eigentlich finden soll, dass im Selfpublishing eine Publikation vom Datum ihrer Veröffentlichung an immer wieder von ihrem Autor verändert werden kann. Vor allem im Rahmen der Frankfurter Buchmesse wurden nachträgliche Änderungen an dem veröffentlichten Werk von Dienstleistern wie neobooks als großartiger Vorteil für Autor und Nutzer dargestellt. Auf meine Nachfrage hin wurde mir allerdings erklärt, dass es auch dort Beschränkungen gebe und meist nur Änderungen wie Rechtschreibfehler von den Autoren vorgenommen würden.
    In Bezug auf die im Beitrag erwähnten Veröffentlichungen im Lyrik-Bereich kommt jedoch in der Tat jedem einzelnen Wort eine hohe interpretatorische und intentionale Bedeutung zu und daher finde ich es wichtig, sich als Selfpublisher nicht allzu leicht durch Nutzerkritik oder die bloße Möglichkeit verleiten zu lassen, den eigenen Text schnell und einfach ändern zu können.

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