Harry Potter und das Urheberrecht der Verdammnis

Samuel Kerber

Vorsichtig spähte Harry um die Ecke des vor ihm liegenden Ganges. Er hatte den Balrog von Morgoth nicht bis in die tiefsten Katakomben des Urheberrechtes verfolgt, um sich in einem Moment der Unvorsichtigkeit einer Unterlassungsklage gegenüber zu sehen. „Pah, Unterlassungsklage!“, höhnte Chewbacca, der sich hinter ihm in den Schatten der Wand duckte, „Du als Plattformbetreiber bist doch fein raus. Ein einfacher Hinweis in das Impressum der Website integriert und schon gilt dein Angebot als reine Community und ist selbst im Falle kommerzieller Nutzung nicht mehr für die Inhalte verantwortlich.“
Harry ignorierte den sich hinter ihm immer mehr in Rage redenden Wookie und rannte zum Cockpit der Enterprise, noch bevor er die halbe Strecke zurücklegen konnte, öffnete sich die Tür knarrend und umwoben von Nebelschwaden und ätherischen Räuchen entstieg der Balrog von Morgoth dem Führerhaus des Raumschiffes. In seiner Faust hielt er das brennende Urheberrechtsgesetz und aus seinen Augen schleuderte er giftige Unterlassungsklagen.
Hinter Harry näherte sich wieder Chewbacca, der, etwas langsam im Geiste, noch immer meckerte: „Selbst das Verwenden der Namen von Hauptcharakteren kann gerichtliche Konsequenzen nach sich ziehen, selbst wenn die übrige Geschichte völlig neu erf…“. Chewbacca stockte der Atem, als er den Balrog sah. Schnell wollte er fliehen, aber der Balrog attackierte geistesgegenwärtig mit einer Unterlassungsklage, die er aus seinen Augen schoss. Harry, der als Plattformbetreiber wohl seiner Auskunftspflicht nachkommen und die Identität des FanFiction-Autoren offenlegen müsste, war allerdings gut vorbereitet. Innerhalb des Bruchteils einer Sekunde zog er seinen Zauberstab und wehrte den Angriff mit einem einfachen „Wie wäre es denn mit einer formalen Abmahnung, bevor du eine Unterlassungsklage stellst? Wenn ich die abzumahnende Geschichte von meiner Plattform lösche und eine Unterlassungserklärung unterzeichne, wird eine reale Wiederholungsgefahr vor Gericht nicht anerkannt“, die den Angriff des Balrogs abwehren konnte.
Nun sprang das ganz aus Paragraphen zu bestehen scheinende Wesen auf Harry zu und noch bevor dieser reagieren konnte, verwirrte ihn der Balrog mit einem Appell an das Vorrecht des Autors, indem er Diana Gabaldon mit den Worten „OK, my position on fan-fic is pretty clear: I think it’s immoral, I know it’s illegal, and it makes me want to barf whenever I’ve inadvertently encountered some of it involving my characters.“ zitierte. Die klare Ablehnung eines Autors aus persönlichen Gründen, die kein Einzelfall war, konnte Harry nur mit einem Verweis auf J.K. Rowling abwehren, die aussagte, dass sie sich freue, wenn sich Leute die Zeit nehmen um Geschichten über ihre Figuren zu schreiben. Noch ehe er diese Parade ausführen konnte, zog sein jurisprudenter Widersacher jedoch die Peitsche des Jugendschutzes…
Harry musste ein Schluchzen unterdrücken: Macht es gut, all ihr SM-Bondage-Slash-Rape-Inzest-Gewaltpornographische Geschichten mit den Lieblingscharakteren meiner Geschichten. Zum Glück machen diese FanFictions nur einen kleinen Teil der Szene aus. Eine klare Kennzeichnung der Altersfreigabe auf der Fanfiction-Plattform schützte ihn zudem vor schwererem Schaden.
Keuchend standen sich die beiden Kontrahenten gegenüber, um ihnen herum lag Winterfell in Asche, Chewbacca hatte sich ängstlich in die starken Arme von Edward gerettet. Leise blinkte Edwards Zahn, als er in den Mondschein lächelte. Harry und der Balrog waren nun bereit für die endgültige Auseinandersetzung um die Urheberschaft von Fanfiction. Mit unmenschlicher Kraft zog der flammende Riese seine letzte Waffe: §23 UrhG. Mit bleierndem Dröhnen sprach er die Worte „Bearbeitungen oder andere Umgestaltungen des Werkes dürfen nur mit Einwilligung des Urhebers des bearbeiteten oder umgestalteten Werkes veröffentlicht oder verwertet werden.“ Nun musste auch Harry seine letzte Waffe offenbaren, den nicht minder mächtigen §24 UrhG: (1): „Ein selbständiges Werk, das in freier Benutzung des Werkes eines anderen geschaffen worden ist, darf ohne Zustimmung des Urhebers des benutzten Werkes veröffentlicht und verwertet werden.“
Hart prallten die beiden Gesetze aufeinander, wie Funken flogen zwischen ihnen Abwägungen über die kreative Eigenleistung der Autoren und Diskussionen über die Spontanität von Schriftgut hin und her. Aber wer wird die Oberhand behalten?

Anmerkung: Um den geneigten Leser praktisch in die Welt des FanFictions zu entführen, war es dem Verfasser leider unerlässlich, seine Ausführungen selbst in das Gewand einer FanFiction zu schreiben. Alle Logikfehler, Plotholes und Stilbrüche sind daher durchweg beabsichtigt und gelten in FF-Milieus als authentisch. In einer echten FF-Geschichte wären aber bedeutend mehr Sexszenen.
Erklärend sei dem Leser nahegelegt, dass sich die Problematik des Urheberschutzes in FanFiction nicht an der klaren rechtlichen Lage erschöpft, sondern ein stetes Abwägen zwischen der Ursprungsgeschichte und der kreativen Eigenleistung des FF-Autoren ist, etwas, das über das reine Nennen von ähnlichen und meistens sowieso markenrechtlich geschützten Namen hinaus geht. Daher ist eine Beurteilung auch immer nur mit Kenntnis der Geschichte an sich möglich: Eben diesen Zugang wollten wir durch diese Art des Textes schaffen. Ganz sicher.

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3 Kommentare zu “Harry Potter und das Urheberrecht der Verdammnis

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