Schattenbibliotheken heute – von der Unerlässlichkeit für Wissenschaftler zur Piraterie durch Jedermann

Ann-Christin Schulz

Im digitalen Zeitalter sind sie ein mehr schlecht als recht gewahrtes Geheimnis. Für die Uneingeweihten: Schattenbibliotheken sind Datenbanken, die Links zu Filehostern bereitstellen. Dort finden sich wissenschaftliche Literatur, Belletristik, Hörbücher – sehr viel was es auf dem Buchmarkt zu kaufen gibt, aber auch das, was der Zensur zum Opfer fiel.

Der ungarische Piraterie-Forscher Balázs Bodó berichtet in einem Interview auf irights.info von einer großen Plattform, der er, um der Anonymität willen, das Pseudonym „Aleph“ gibt. Sie wurde erstellt, um wissenschaftliche Literatur für diejenigen zugänglich zu machen, die sie benötigten. Aufgrund von Nichtverfügbarkeit und fehlender finanzieller Mittel begannen Wissenschaftler, wichtige Forschungsliteratur einzuscannen oder abzufotografieren und diese mit anderen Institutionen zu teilen. Bibliotheken entstanden und ein großes, informelles Verteilungsnetz für Bücher. Die Plattform „Aleph“ ist heute die wahrscheinlich größte ihrer Art, mit Millionen von Dokumenten und Büchern, die dort frei zugänglich sind.

Die Nutzung einer Plattform wie „Aleph“ erscheint für Wissenschaftler, deren Institute nicht die benötigten finanziellen Mittel für Literatur aufbringen können und für Wissenschaftler, die stark unter Zensur leiden, verständlich. Doch „Aleph“ wird von Menschen aus der ganzen Welt genutzt, auch Deutsche greifen auf die Datenbank zurück. Es drängt sich die Frage auf, warum sie hier genutzt wird, wo doch keine Zensur stattfindet und wir gut ausgestattete Universitätsbibliotheken vorzuweisen haben. Balázs Bodó hat darauf eine mögliche Antwort im Rahmen seiner Studien gefunden. Er schlussfolgert, dass in den westlichen Ländern ein größerer Bedarf an Büchern in elektronischer Form besteht. Die Literatur ist zwar als gedruckte Version erhältlich, aber nur ein Drittel davon ist auch als E-Book zu haben.

Es sind allerdings bei weitem nicht nur Wissenschaftsverlage mit ihren Produkten von den Schattenbibliotheken betroffen. Einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung zufolge kann man auch deutsche Belletristik schon Tage nach dem Erscheinen auf dem Buchmarkt in Schattenbibliotheken downloaden. Ein Beispiel ist das Buch „Schoßgebete“ von Charlotte Roche, das am 10.08.2011 erschien und dessen Raubkopie bereits zwei Tage später in einem Forum auftauchte. Deutsche Belletristik und Hörbücher lassen sich auf verschiedenen Plattformen finden, die ihre offiziellen Sitze beispielsweise in Westsamoa oder Belize haben. Die meisten dieser Kopien entstehen, indem der Kopierschutz von gekauften oder geliehenen E-Books durch eine Hackersoftware entfernt wird. Angefangen haben die meisten anonymen Betreiber nach eigenen Angaben jedoch mit dem Einscannen von Büchern, die sie auf dem Flohmarkt erworben haben. Auf diesen Websites kann man es, anders als auf „Aleph“, durchaus mit Werbung zu tun bekommen. Eine dieser Seiten finanziert sich nach Angaben des Betreibers durch Erotikwerbung. Er behauptet, dies decke gerade so die Kosten für die Website und seinen Informatiker. Überprüfbar ist diese Aussage nicht. Seine Plattform, die keine der Großen ist, verzeichnet nach eigenen Angaben etwa 10.000 Besucher und 5.000 Downloads pro Tag. Wenn man sich das mal so durch den Kopf gehen lässt, fragt man sich, warum die Verlage nichts dagegen unternehmen, obwohl ihnen ja scheinbar einige potenzielle Kunden dadurch entgehen.

Tatsächlich wehren sich einige Verlage durchaus dagegen. Sie nehmen IT-Spezialisten unter Vertrag, deren Aufgabe es ist, nach den Produkten des Verlags auf den Plattformen zu suchen und dann Aufforderungen zu verschicken, die illegalen Daten zu löschen. Im Fall von Library.nu hatten 17 Verlage aus den Vereinigten Staaten, Großbritannien und Deutschland gegen die Schattenbibliothek geklagt. Das Landgericht München erließ eine einstweilige Verfügung durch die library.nu 2012 den Betrieb einstellen musste. Zu der Zeit galt die Seite als eine der größten Schattenbibliotheken weltweit. Die Suche nach den Inhabern stellte sich jedoch als schwierig heraus, da bei der Registrierung der Web Domain falsche Namen angegeben worden waren. Am Ende wurden sie durch eine Spende an Library.nu gefunden, bei deren Eingang der Spender eine PayPal-Quittung mit dem Namen des Kontoinhabers erhielt.

Nun stellt sich abschließend noch die eine Frage: Inwieweit sind Schattenbibliotheken gerechtfertigt? Für Balázs Bodó besteht ein entscheidender Unterschied zwischen den Schattenbibliotheken, die wissenschaftliche Literatur bereitstellen, und denen für Belletristik. Wissenschaftler werden, anders als Belletristik-Autoren, überwiegend mit öffentlichen Geldern finanziert und wollen mit ihren Werken kein Vermögen verdienen. Die meisten von ihnen sind deshalb sogar froh darüber, wenn ihre Texte über Schattenbibliotheken einem größeren Publikum zugänglich gemacht werden.

Was also haltet ihr von den Schattenbibliotheken? Ist ihre Existenz eine Notwendigkeit oder ist es schlicht Piraterie und sollte strikt unterbunden werden? Würdet ihr die Plattformen nutzen? Für Kommentare findet ihr unten Platz!

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4 Kommentare zu “Schattenbibliotheken heute – von der Unerlässlichkeit für Wissenschaftler zur Piraterie durch Jedermann

  1. Ich finde B.B. bringt das schon gut auf den Punkt, gerade indem er unterstreicht, dass die Verlage es bisher nicht schaffen, das anzubieten, was die Wissenschaftler – also sowohl als Autoren als auch als Nutzer – haben wollen. Die Schattenbibliotheken oder vielmehr die Piraterie sind also symptomatisch, und deshalb sollte man, finde ich, als Verlag, wenn man weiter bestehen will, weniger Energie darauf verwenden, Schattenbibliotheken zu bekämpfen, als darauf, Lösungen zu entwickeln, wie man für die Autoren weiter als Service-Partner interessant bleibt. Das ist dann für mich auch der entscheidende Unterschied zu so Geschichten wie kino.to, die nur das Interesse der Nutzer bedienen und damit den Produzenten schaden; wohingegen der eingeschränkte Zugriff auf Fachliteratur vor allem den Wissenschaftlern schadet, die eine große Öffentlichkeit brauchen.

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    • Ich kannte Schattenbibliotheken davor nicht, finde das Thema aber äußerst brisant!
      Dass selbst kleinere Plattformen um die 10 000 Besucher pro Tag zählen, von denen die Hälfte die bereitgestellten Raubkopien downloadet, ist ein deutliches Zeichen. Sich kostenlos elektronische Literatur zu beschaffen, findet augenscheinlich großen Anklang bei „eingeweihten“ Internetnutzern. Da der Kopierschutz der E-Books von IT-Spezialisten entfernt wird, ist es meiner Meinung nach eindeutig Piraterie und ich würde mich nicht trauen, das Angebot einer solchen Seite zu nutzen.
      Ich finde aber, dass in Deutschland durch Open Access mehr elektronische Werke bereitgestellt werden und auch auf den Internetseiten der Bibliotheken vermehrt E-Books angeboten werden sollten.
      Ich stimme Owena zu, dass die Verlage, anstelle nur gerichtlich gegen Schattenbibliotheken vorzugehen, die Ursache des Problems angehen sollten, vor allem in Bezug auf die Bereitstellung wissenschaftlicher Fachliteratur. Für die Nutzer sowie die Autoren wissenschaftlicher Literatur sollte die Dienstleistung erbracht werden, der interessierten Öffentlichkeit einen möglichst barrierfreien Zugang zu diesen Publikationen zu gewähren.

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    • Vermutlich ist das bei den meisten „Großen“ so. Wieso sollten sie auch?
      Die Verlage brauchen mehr Zeit, um sich an diesen Wandel anzupassen. Sobald ihnen da jemand zuvor kommt, bzw. ihnen vermeintlich etwas „wegnimmt“, klagen sie eben – und bekommen Recht. Dass Schattenbibliotheken im Interesse des Lesers sind, aber nicht von Verlagen geduldet werden, ist einleuchtend. Schade ist’s trotzdem.

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