Fanfiction – Spielwiese oder ernstzunehmendes Massenphänomen?

Was ist eigentlich Fanfiction? Und in welchem Rahmen tritt sie auf? Fragen beschäftigten auch noch in den folgenden Sitzungen die vereinte Gruppe aus Selfpublishing und Fanfiction. Nachdem die Gruppe den ersten Einblick in die Welt der Fanfiction – die Welt der Geschichten, die in fremden „geliehenen“ Welten spielen – verdaut hat, folgte eine umfassende Einführung in die vorhandenen Angebote für Fanfiction-Autoren.

Mit Beginn der Digitalisierung erhielten Menschen ganz neue Ausdrucks- und Entfaltungsmöglichkeiten. So sind Fankulturen entstanden in einer Form und Intensität, wie sie zuvor nicht möglich gewesen wären. Im Rahmen von Filmen, Fernsehmedien, Büchern oder auch Videospielen entstanden Gruppierungen, die sich in Interessengebieten überschnitten. Um sich über diese gemeinsamen Interessensgebiete wie z.B. die „Herr der Ringe“-Reihe oder „Sherlock Holmes“ auszutauschen, entstanden digitale Plattformen.

Auf diesen können Fans der unterschiedlichsten Genres in Foren diskutieren und vor allem Geschichten für die Allgemeinheit online zugänglich machen. In diesem Zusammenhang entsteht jede Woche ein Vortrag von einem Gruppenmitglied zu den verschiedenen Online-Plattformen. Diese Vorträge werden im weiteren Verlauf auch hier mit einfließen. Die erste Präsentation zu der Online-Plattform Fanfiktion.de von Andrea Steiner brachte einige vertiefende Eindrücke in die Materie. So zeigt sich auf Fanfiktion.de, einer der größten deutschen, nicht kommerziellen Fanfiction-Plattformen zum einen, wie schier unendlich die Vielfalt der Vorlagen und Genres ist. Animes und Mangas, Kinofilme, Computerspiele, TV-Serien, Bücher oder sogar reale Personen. Von Fantasy bis Krimi, von Liebesgeschichte bis Satirisches ist alles vertreten.

Egal welches Buch, egal welcher Seriencharakter, es scheint, als ob es zu Allem schreibfreudige Fans gibt. Auch die schiere Masse der Geschichten überrascht. Derzeit sind auf Fanfiktion.de fast 300.000 Fanfictions online verfügbar. Davon 75.000 zu bereits existierenden Büchern wie z.B. Harry Potter mit etwa 36.000 Geschichten. Und es kommen stetig neue hinzu. Das sind beeindruckende Zahlen, wenn man bedenkt, dass das alles Geschichten sind, die von angemeldeten Nutzern freiwillig und unentgeltlich ins Netz gestellt werden, scheinbar nur der eigenen Schreiblust oder der Liebe zu einer bestimmten Welt wegen. Auch was die Typen und Längen der Geschichten angeht, zeigen sich große Unterschiede. Die Fanfictions variieren von kurzen Geschichten, in denen die Hintergrundgeschichte von Nebencharakteren vertieft wird hin zu langen, aufwendigen Geschichten, in denen Handlungsverläufe der Originalwerke umgeschrieben oder weitergeführt werden.

Viele Fanfictions beschäftigen sich allein mit der Vorliebe für bestimmte Personenkonstellationen, sogenannten Pairings. Gerade diese Tatsache ist es wohl auch, die Fanfictions einen oftmals schlechten Ruf beschert und auch in unserer Gruppe zu einigen kritischen Diskussionen geführt hat. Es sei fast eine „Spielwiese der Absurditäten“, die sich da teilweise auftue, da manche Geschichten Situationen oder Personenkonstellationen herbeiführen, die kaum noch etwas mit dem Ursprungswerk gemeinsam haben. Es scheint manchmal, als seien die Charaktere und Welten der Autoren manchmal bloß Projektionsfläche für die Vorlieben der Fanfiction-Autoren. Das ist ein Phänomen, das man immer wieder beobachten kann und einen an der Qualität der Geschichten zweifeln lässt.

Gerade die Präsentation von Fanfiktion.de zeigt jedoch, dass Fanfictions durchaus ein ernstzunehmendes Massenmedium sind. Die Seite überzeugt mit einem professionellen Auftreten und Design und auch mit einer Art Kontrollfunktion. So machen die Texte vor der Veröffentlichung zwar kein Lektorat durch die Seitenbetreiber durch, aber die eingestellten Geschichten haben sich an bestimmte Richtlinien der Seite zu halten, damit sie hochgeladen werden dürfen. So ist zwar eine Qualitätssicherung der Texte nicht gewährleistet, aber bestimmte negative Begleiterscheinungen der Fanfiction eingedämmt. Und so kann man es als durchaus eigenständiges kulturelles Massenphänomen betrachten und Ausdruck einer neuen Fankultur.

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