Heureka! Ach nee, doch nich‘.

Wer Selfpublishing sagt, der meint Belletristik. Als wir im Frühjahr unser Projekt damit begannen, mit Fragen und Schlagwörtern um uns zu werfen, schien dies eine unausgesprochene Grundannahme. Sicher, in der Wahrnehmung eines Schriftstellers mag es überlebenswichtig sein, die Früchte seiner Arbeit rezipiert zu wissen. Aber für einen Wissenschaftler ist die Veröffentlichung von Ergebnissen in der Tat von existenzieller Bedeutung. Geforscht wird nicht unter der Käseglocke, Forschung ist immer ein Prozess im Austausch mit anderen. Müssten dann nicht die Algorithmen der Plattformen, auf denen sich die Amateur-Literaten vermehren wie Pilzkulturen, der ideale Nährboden sein für den wissenschaftlichen Diskurs?

„Ja. Nein. Kommt drauf an.” So zumindest das Fazit aus Sicht eines Buchwissenschaftsstudenten am Ende der „Post-Digital Scholar Conference”, die vom 12.-14. November 2014 im beschaulichen Lüneburg stattfand. Geisteswissenschaftler aus Europa und Nordamerika waren eingeladen, gemeinsam über die Zukunft des (digitalen) wissenschaftlichen Publizierens zu fachsimpeln. Und weil es unmöglich wäre, hier ein detailliertes und akkurates Protokoll aller Themen und Meinungen abzuliefern, die in diesen drei Tagen an- und ausgesprochen wurden, eröffnen wir unsere Blog-Berichterstattung mit einer nicht ganz ernstgemeinten Strichzeichnung, bevor wir mit der seriösen Arbeit beginnen.

Grundsätzlich scheint „digital“ ein Zauberwort, das Forscherherzen höherschlagen lässt. Ob Online-Kataloge, Soziale Netzwerke oder File-Sharing, im Grunde könnte das alles die Wissenschaft grenzenlos beflügeln, weil es viele Schritte vereinfacht und beschleunigt, die seit jeher Teil des wissenschaftlichen Arbeitsprozesses sind. Dass viele dieses Potential bereits umfangreich zu nutzen verstehen, zeigt unter anderem die Twitter-Zeitleiste des #pdsc14 Hashtags, in der sich eine virtuelle Parallelveranstaltung zur Konferenz abspielt: Selbst während sie auf dem Podium sitzen, lassen es sich einige Redner nicht nehmen, nebenher ihre Meinung zu twittern. Denn genau darauf kommt es einem Wissenschaftler in der Regel an: Er will die Ergebnisse seiner Arbeit publizieren, sein Wissen, seine Meinung möglichst weit verbreiten. Vor allem will er zitiert werden. Das ist das A und O.

Den Schlüssel zur Glückseligkeit sehen deshalb viele im Open Access-Prinzip. Ungehinderter Zugang zu Informationen via Internet, das klingt zunächst mal nach einer genial einfachen Lösung, ist aber wie so oft zu schön um wahr zu sein.

Denn: Dass sich theoretisch jeder mit einem Internetzugang meinen selbstpublizierten Text als PDF herunterladen könnte, führt noch lange nicht dazu, dass es jemand tut. Dazu braucht es wieder Kanäle, über die das Wissen um die Verfügbarkeit eines Textes an die relevante Zielgruppe gelangt. Entsprechend wäre es zweckmäßig, Texte nicht irgendwo hochzuladen, sondern in einem etablierten Netzwerk, in dem sich meine Zielgruppe zusammengefunden hat. Und da fängt das Dilemma an. Researchgate, academia.edu, PeerJ … die Liste der Plattformen, die auf der Konferenz genannt werden, scheint sich mit jeder Session zu verdoppeln, und mit ihr auch die Liste der Mängel und Probleme, die jede einzelne mit sich bringt. Es ist anzunehmen, dass sich aus dem momentanen Tohuwabohu irgendwann klare, allgemein anerkannte Favoriten herauskristallisieren werden, aber bis es soweit ist, steht der geplagte Wissenschaftler weiter vor der Frage, auf welches Pferd er setzen soll. Denn nicht wenige dieser Plattformen sichern sich über das Kleingedruckte – sprich: die AGBs, die niemand liest – umfangreiche Rechte an den eingestellten Publikationen. Und inwiefern eine solche Monopolbildung überhaupt begrüßenswert ist, darüber möchte man lieber auch nicht nachdenken, wo man sich schon täglich bemüht, angesichts von Google, Apple und Amazon keine Paranoia zu entwickeln.

Das ist aber noch nicht das einzige Problem mit dem scheinbar simplen Open Access-Prinzip. Denn wer glaubt, Open Access hätte etwas mit kostenlosem und völlig freiem Informationsaustausch zu tun, der irrt. Zumindest vorerst. Zum einen ist dieser „Zugang“ in den Augen einiger Anwesender nicht „offen“, so lange ein Nutzer sich dafür auf einer Plattform registrieren muss, selbst wenn er dies kostenlos tun kann. (Dass Nutzerdaten inzwischen eine gängige Währung geworden sind, sei hier nur am Rande vermerkt.) Vor allem aber bezieht sich dieser offene Zugang von vornherein auf den Nutzer, und nicht auf denjenigen, der den Text zugänglich machen will. Letzterer wird nämlich für diesen „Service“ häufig auch kräftig zur Kasse gebeten.

So erst leuchtet ein, warum zahlreiche Fachverlage ihren Autoren inzwischen neben der klassischen Variante auch ein Open Access Modell anbieten. Und das, was hierfür in Rechnung gestellt wird, liegt nicht selten im vierstelligen Bereich. Angesichts dieser Beträge klingt die Empörung eines Romanciers, nur im einstelligen Prozentbereich am Verkaufserlös seines Buches beteiligt zu werden, nach Jammern auf ziemlich hohem Niveau.

Finanztechnisch scheint es da doch eine geschickte Lösung, einfach ein PDF per Rundmail zu verschicken. Ob die Empfänger es dann tatsächlich lesen, geschweige denn, zitieren werden, sei weiterhin dahingestellt, denn das eigentliche Problem bringt eine der Referentinnen kurz und bündig auf den Punkt: „The printed book is what gets you tenured”. Und mit dem gedruckten Buch, das sie hier als notwendige Bedingung für eine Anstellung nennt, meint sie nicht den ringgebundenen Stapel Papier aus dem heimischen Tintenstrahldrucker, soviel ist sicher. Was für den Geisteswissenschaftler in Sachen Renommee die Monographie, ist für den Naturwissenschaftler der Artikel im Science oder Nature Magazin. Aber das absurde Prinzip ist dasselbe: Was wirklich wichtig ist auf dem Gebiet der Mikrobiologie, bestimmt demnach, salopp formuliert, nicht etwa ein Gremium aus Mikrobiologen, sondern eine Abteilung im Verlag, in der mit hoher Wahrscheinlichkeit Betriebswirte und Kaufleute und kein einziger Mikrobiologe sitzen.

Was den sehnlich erwünschten freien Informationsfluss hemmt, sind aber eben nicht diese Verlage. Vielmehr ist es eine Schranke, die seit Generationen im kollektiven Bewusstsein des ganzen Berufsstandes geradezu kanonisch weitervererbt wird. Denn auf die Frage, mit welchen Kriterien und Maßnahmen man in dieser hypothetischen Zukunft, in der jeder einfach alles online publiziert und Verlagsnamen keine Rolle mehr im Entscheidungsprozess spielen, die Spreu vom Weizen trennen soll, hat auch hier keiner so wirklich eine Antwort parat.

Ein „Ranking“, wie es beispielsweise von Researchgate erstellt wird, ist jedenfalls, so die überwiegende Meinung, ungefähr so aussagekräftig wie die Bestseller-Platzierung bei Amazon: Was wissenschaftliche Relevanz vorgaukelt, gibt eigentlich am ehesten Auskunft darüber, wer die beste Strategie hat, aus Social Media Marketing und Suchmaschinenoptimierung den lautesten Knalleffekt zu erzeugen. Inwiefern die sorgfältig orchestrierten Klicks durch Onkel Helmut und Tante Hildegard dazu beitragen können, dass „Qualität sich durchsetzt“, ist schon bei Belletristik fragwürdig, aber im Bereich Wissenschaft erscheint diese Vorstellung schon geradezu unethisch.

Dass irgendwann, wenn sich das momentane Durcheinander einigermaßen gelegt hat, die „Qualitätskontrolle“ tatsächlich nicht mehr vor sondern nach der Veröffentlichung stattfinden wird, ist auch Teil eines von Buchwissenschaftler Christoph Bläsi vorgestellten Zukunftsszenarios: Eine Publikation wird dann aus dem ursprünglichen Text und einem Konglomerat aus Kommentaren anderer Forscher bestehen. Wer damit arbeiten will, muss sich also zwangsläufig neben dem eigentlichen Inhalt auch noch mit einem ungleich umfangreicheren Metatext auseinandersetzen, um über Sinn und Unsinn zu entscheiden. Für die Zukunft des wissenschaftlichen Diskurses ist dies eine sehr spannende Vorstellung – für einen unbedarften Studienanfänger, der seine erste Hausarbeit schreiben soll, wohl eher ein Alptraum …

Am Ende der Konferenz steht für unsere Gruppe jedenfalls eines fest, nämlich, dass nichts feststeht, und uns ganz sicher in diesem Semester so bald nicht die Fragen ausgehen werden, beim Versuch, die Möglichkeiten des Selfpublishings in der Wissenschaft zu ergründen.

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