Der Autor, der große Unbekannte

Leonie Höckbert

Mit dem Begriff „Autor“ gehen wir heute so selbstverständlich um, dass es zunächst unnötig erscheint, nach seiner Bedeutung zu fragen. Doch manchmal ist es für die tiefere Auseinandersetzung mit einem Thema hilfreich, wenn nicht gar notwendig, einen Schritt zurück zu treten und den eigenen Definitionshorizont eines als bekannt vorausgesetzten Begriffs zu betrachten.

Bevor wir uns also in den nächsten Wochen mit den verschiedenen Theorien der Autorschaft beschäftigen, fragen wir uns – was meinen wir eigentlich, wenn wir vom Autor sprechen? Und was nicht? Und stoßen dabei bereits auf einige Definitionslücken:

Was macht jemanden zum Autor? Die Bezeichnung ist nicht geschützt, theoretisch kann jeder sich Autor nennen. Zumindest jeder, der selbst Texte verfasst. Die erste Voraussetzung scheint also Textproduktion irgendeiner Art zu sein, in basaler Form ist der Autor ein Schreiber. Das führt zwangsläufig zu einer anderen, nicht weniger schwierigen Frage: Was ist ein Text? Und welche Texte produziert ein Autor? Wir denken zunächst an Bücher, die man im Buchhandel erwerben kann, doch wie sieht es mit journalistischen Texten, mit Fanfiction im Internet, mit Ghostwriting, mit Drehbüchern, mit Blogeinträgen aus? Besonders durch die vielfältigen digitalen Publikationsmöglichkeiten, die in jüngster Zeit entstanden sind, ist eine eindeutige Antwort auf diese Frage immer schwieriger geworden. Es zeigt sich, dass der scheinbar selbstverständliche Autorbegriff bereits in seinem Kern schwer zu fassen ist – und möglicherweise in Zeiten der digitalen Revolution einiger neuer Grundüberlegungen bedarf?

Doch die Textproduktion – welcher Art sei zunächst dahingestellt – scheint auch nicht ausreichend zu sein, um den Autor zu definieren. Denn es scheint in erster Linie der Umwelt zuzufallen, einen Autor als solchen zu benennen, die Selbsternennung hat nur bei allgemeiner Akzeptanz und Resonanz auch Gültigkeit. Der Autor braucht also Öffentlichkeit. Das meint Verschiedenes: Es meint die Veröffentlichung der Werke, ein Roman in der Schublade macht noch keinen Autor. Und es meint auch und vor allem die Leser und das öffentliche Echo in Form von Kritiken, Buchvorstellungen, eventuell auch in Form von Preisen oder Auszeichnungen. Hieran schließt sich, dass der Textproduzent (bestenfalls) mit seiner Arbeit auch Geld verdient und somit „Autor“ tatsächlich als Berufsbezeichnung führen kann, in dem Sinn, dass er seinen Lebensunterhalt (zumindest teilweise) mit dem Schreiben von Texten verdient.

Wir befinden uns also auch heute noch in einem der Antike gar nicht so unähnlichen Spannungsfeld von Autorschaft: Der Autor zwischen Autorisierung und Autorität. Braucht es in der Antike noch die Legitimation der Musen, im Mittelalter göttliche Berufung um als autorisierter Berichterstatter zu gelten, so braucht der Autor heute die öffentliche Wahrnehmung zur Legitimation. Hat man diese aber erreicht, ist also „autorisiert“, so kommt dem Autor auch eine gewisse Autorität zu: Man denke nur an verschiedene zeitgenössische, zumeist politische Autoren, die immer wieder als relevante Stimme im öffentlichen Meinungsspektrum in Talk Shows usw. auftreten.

Dies alles kann immer noch nur ein grober Einblick in unsere erste Diskussion zum Autor sein, einiges erscheint noch immer vage, einiges ist sicher polemisch zugespitzt, die Fragezeichen überwiegen. Doch wir hoffen, dass auch alle noch kommenden Diskussionen im Semester genauso fruchtbar sind – und wir unserem großen Unbekannten so immer näher kommen können!

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